Peter Barth im WZ Interview

Der beliebte Stadionsprecher des 1. FCH spricht über seine zweite professionelle Passion: Die Suchtprävention.

Heidenheim (Wag/dast). Bekannt ist er als Stadionsprecher des 1. FC Heidenheims. Den Aufstieg des großen lokalen Fußballclubs hat er als Stadionsprecher hautnah miterlebt und dabei das Publikum Spiel für Spiel emotional mitbeflügelt. Damit auch außerhalb des Spielfeldes Menschen im privaten wie professionellen Umfeld auf- und nicht durch Sucht absteigen, macht er sich im Landkreis Heidenheim stark für das Thema Suchtprävention.

Maike Wagner: Herr Barth, Sie sind neben Ihrer Arbeit beim 1. FCH auch einer von über 40 Suchtbeauftragten in Baden-Württemberg. Wie sieht das Tätigkeitsfeld eines Suchtbeauftragten aus? Was steht aktuell auf Ihrer Agenda?

Peter Barth (zeigt diverse Flyer zum Thema): Im Rahmen meiner vielschichtigen Arbeit als Suchtbeauftragter beim Landratsamt Heidenheim und als Geschäftsführer beim kommunalen Suchthilfenetzwerk bin ich viel zur Suchtpräventionsarbeit an Schulen unterwegs. Ich organisiere auch öffentliche Aktionen zum Thema Sucht: In den Schloss Arkaden Heidenheim findet die Aktionswoche Alkohol vom 20. bis 22. Mai statt. Die Wanderausstellung „Zero“ (FASD) zeigen wir dieses Jahr vom 15. bis 19. Juli in der Maria-von-Linden-Schule in Heidenheim. Den Nichtraucher Wettbewerb „Be smart- don´t start“ gibt es wieder, wie in den vergangenen Jahren in Kooperation mit der AOK, dem Kino Center und weiteren Sponsoren sowie den Aktionstag gegen Glücksspielsucht mit Werbung auf über 50.000 Bäckertüten und einer Aktion der Selbsthilfegruppen, u.a. der Gruppe ‚Game Over‘ am 25. September. Der Arbeitskreis Schulterschluss (Suchthilfe und  Jugendhilfe) liegt mir besonders am Herzen – dabei geht es um die Stärkung von Kindern aus suchtbelasteten Familien.

Maike Wagner: Welche Themen bearbeiten Sie in diesem Jahr schwerpunktmäßig?

Peter Barth: Aktuell sind meine Schwerpunktthemen zum einen Medienkompetenz. Hierzu haben wir M‘Agenten Ausbildungen für Schüler von Schülern in Peer Projektform am Kreismedienzentrum eingerichtet. Medienkompetenz soll dadurch nachhaltig im Schulalltag verankert werden. Weitere Schwerpunkttehmen sind das medizinische Cannabis, die Flyer  Entwicklung
für Suchtprävention/Suchthilfe und die Entwicklung eines lokalen Party Passes mit QR Code für Jugendliche. In Biberach und Sigmaringen, die den Partypass entwickelt haben, werden damit jugendschutztechnisch sehr gute Erfahrungen gemacht. Durch die Kooperation mehrerer Instanzen soll Jugendlichen zum einen Ausgehspaß ermöglicht werden bei gleichzeitiger maximaler Einhaltung des Jugendschutzes.

Maike Wagner: Gibt es in Heidenheim Institutionen, mit denen Sie zusammenarbeiten?

Peter Barth: Suchtbeauftragte arbeiten mit der lokalen Suchthilfe zusammen, die Süchtigen Beratung anbietet. Im Landkreis Heidenheim ist das die Suchtberatungsstelle der Diakonie. Dort gibt es eine offene Sprechstunde, die auch Personen besuchen können, die nicht direkt betroffen sind, sondern Hilfe für eine nahestehende Person suchen, oder unsicher sind, ob Sucht im Bekanntenkreis vorliegt.

Maike Wagner: Prävention ist wichtig. Sobald jemand süchtig ist, kann derjenige das schwer in den Griff bekommen. Eine zeitlang betreute ich den Sohn einer heroinabhängigen Frau; erlebte, wie schwierig der Ausstieg auch durch das Umfeld ist.

Peter Barth: Zur effektiven Suchthilfe haben wir in Heidenheim auch ein SuchthilfeNetzwerk gegründet. Es besteht aus fünf Mitgliedern: Mit dabei sind Dr. med. Jörg Sandfort, Geschäftsführer der Kreisärzteschaft; Frank Seifert, Leiter des CompetenceCenters Heilmittel Ostwürttemberg; Mark Ayrer von der Suchtberatungsstelle; Ralf Hertrich, Sozialtherapeut und Sozialpädagoge an der Klinik für Psychiatrie am Klinikum Heidenheim sowie ein gewählter Vertreter der Suchtselbsthilfe und ich. Drei bis vier Mal im Jahr treffen wir uns für aktuelle Suchtthemen, z.B. aktuell das medizinische Cannabis. Networking ist ein zentraler Faktor meiner Arbeit. Ich bin sowohl im Landkreis Heidenheim als auch landesweit mit Kollegen über verschiedene Arbeitskreise vernetzt (AK KSHN, AK Neuausrichtung Schulprävention, AK Cannabis, AK Gesundheitskonferenz, AK Runder Tisch – Medien, AK SHG, AK Medienkompetenz Grundschule, AK Frühe Hilfen).

Maike Wagner: Wie stehen Sie zum medizinischen Cannabis?

Peter Barth: Das Problem ist das THC, das die Wahrnehmung beeinträchtigt. Wenn jemandem bei einer chronischen Krankheit enoder im Endstadium Schmerzen gelindert werden können, hat das sicher seine Berechtigung. Aber durch das medizinische Cannabis wird auch Tür und Tor für Missbrauch geöffnet. Man soll es nicht benutzen, um sich einfach mal etwas besser zu fühlen.

Maike Wagner: Das sehe ich genauso. Herr Barth, welche Institutionen bieten Suchtprävention an Schulen an?

Peter Barth: Derzeit sind wir dabei, die Schulprävention neu aufzustellen. Früher meldeten sich Schulen bei der Polizei, bei der Suchtberatungsstelle oder beim Landratsamt. Auf meine Initiative hin haben wir ein neues Konzept entwickelt. Polizei, Landratsamt und Suchtberatungsstelle besuchen jetzt gemeinsam die Schulen. Pro Schulbesuch arbeiten wir mit jeweils einer Klasse pro Tag. Themen wie Suchtentwicklung, Einflussfaktoren, Umweltdroge Mensch kommen vonseiten der Suchthilfe  zur Sprache. Ich behandle Suchtarten, Einstiegsdrogen ( Rauchen und Alkohol), erkläre anhand von Spielen, wie man Sucht erkennt. Die Polizei behandelt das Thema Recht. Eine ideale Ergänzung ist dabei ein Elternabend zum Thema sowie Inputs in der Lehrerkonferenz.

Maike Wagner: Besprechen Sie auch die Auswirkungen von harten Drogen?

Peter Barth: Wir sprechen sowohl über legale wie auch illegale Drogen, wie Cannabis & Co. Wenn man sich die Zahlen ansieht, sind die legalen Drogen wie Alkohol oder Rauchen das zahlenmäßig größere Problem. 74.000 Menschen sterben deutschlandweit jährlich an den Folgen von Alkoholmißbrauch. Im Vergleich dazu sterben etwa 1.300 Menschen jährlich an den Folgen des Konsums illegaler Drogen.

Maike Wagner: Herr Barth, was raten Sie Kindern zur Prävention von Sucht?

Peter Barth: Zur Zeit stehen im Fokus der Prävention das Verhältnis von Schutz- und Risikofaktoren. Sie spielen bei der Entstehung oder Nicht-Entstehung von Sucht eine entscheidende Rolle.
» Zu den schutzfaktoren zählen eine gute Familie. Freunde, Hobby, sport, Bewegung, Beschäftigung/ arbeit, selbstbewusstsein, „nein“-sagen Können sowie schutzgesetze von aussen.

Risikofaktoren sind das Fehlen dieser Faktoren. Je mehr Schutzfaktoren einen Menschen stärken, desto weniger ist er suchtgefährdet. Prävention baut darauf auf. 

» eine stabile Persönlichkeit ist das Ziel jeder suchtprävention. auch Vorbilder spielen eine zentrale Rolle in der Suchtprävention. Eltern haben für mich eine ganz zentrale Rolle bei Jugendlichen und Kindern.
Die Eltern haben da einen großen Anteil am Geschehen. Und doch kann auch bei der besten Erziehung alles anders sein.

Maike Wagner: Herr Barth, wie kann die Gesellschaft die Suchtprävention langfristig voranbringen?

Peter Barth: Wir brauchen gute, stabile Persönlichkeiten. Wenn wir die hinbekommen! Wenn wir Erwachsene Kindern und Jugendlichen ein gutes Vorbild vorleben und unser eigenes Verhalten reflektieren, dann bekommen wir langfristig eine Veränderung hin. Das wäre mein persönlicher Ansatz. Man muss aber gleichzeitig sehen, dass das Thema Rauschmittel schon Jahrtausende alt ist.

Maike Wagner: Gibt es Veränderungen bezüglich der Nachfrage  der Präventionstage an weiterführenden Schulen?

Peter Barth: Aufgrund der verstärkten Anfragen werden die Schulprävention-Aktionstage nicht mehr wie bisher leistbar sein. Es fanden mit Vertretern von Schulen und der Suchtberatung bereits Klausurvormittage im Kreismedienzentrum statt, um das Thema langfristig neu aufzustellen. Die bisher ausgearbeiteten Bausteine werden in diesem Jahr an der Pilotschule Hellenstein-Gymnasium getestet.

Maike Wagner: Herr Barth, bieten Sie auch Suchtprävention für Erwachsene an?

Peter Barth: Beim FCH mache ich Suchtpräventionsveranstaltungen und auch anderweitig werde ich für Erwachsenenkurse angefragt. Demnächst halte ich beispielsweise bei der EVA für das Projekt Inclusio plus einen Kurs mit Erwachsenen, die derzeit ohne Arbeit sind. Das Thema Glücksspielsucht ist auch ein ganz großes Thema. Es gibt nicht einmal Zahlen, um das Ausmaß festzustellen. Denn fast keiner sagt von sich: Ich bin (glücksspiel-)süchtig. Bestehende Gesetze werden in Deutschland im Wett- und Glückspielbereich nicht eingehalten, weil es weder genügend kontrolliert noch geahndet wird. Suchtprävention kann man jedoch überall betreiben. Durch
das Suchtpräventionsprogramm Papilio etwa findet im Landkreis Heidenheim durch die Unterstützung des Round Table 125 bereits im Kindergarten die Sensibilisierung für Sucht- und Gewaltprävention statt. Durch das bundesweit größte Programm zur Gesundheitsförderung ‚Klasse 2.000‘, wird durch den Förderer Lions Club im Landkreis bei fast 60 Grundschulklassen Sucht- und Gewaltprävention ermöglicht. Von Eltern werde ich immer wieder angesprochen, dass sie sich mit Medien- Jugendschutz nicht gut auskennen. Meine Antwort lautet, dass sie mehr Ahnung davon haben, als sie sich selbst zutrauen: Denn, sie erwerben das Handy und sind diejenigen, die den Zeitrahmen für den Medienkonsum für das Kind festlegen. Viele Eltern wissen nicht, was ihre Kinder im Netz tun. Da hilft nur eines: Man muss sich mit dem Kind beschäftigen, „Zeig mir, was dich interessiert!“… Nur so entsteht die Chance auf Einflussnahme und partnerschaftlichen Umgang mit dem Kind.

Maike Wagner: Herr Barth, wie sehen Sie die Zukunft der jungen Mediengeneration bei rasanter Entwicklung zu G5 und ins Quantenechner-Zeitalter?

Peter Barth: Das sehe ich unter dem Aspekt Segen und Fluch: Das Internet birgt viel Gutes und viel Wissenswertes aber auch Gefahren durch Anonymität, viel zu einfache Lösungen durch Suchmaschinen. Problem: Fake News. Für vieles müssen wir Prüfungen ablegen. Jedoch nicht im Bezug auf das Internet. Von der Jugend vermisse ich, dass sie anstatt zu schreiben auch mal das persönliche Gespräch wählt; statt im Internet zu surfen auch mal ein Buch liest. Rauszugehen, zu spielen, etwas zu unternehmen. Ich sehe eine große Gefahr, dass das Überhand nimmt und wir das nicht mehr im Griff haben. Missbräuchlicher Umgang mit Medien. Auch den gesundheitlichen Aspekt Funkwellen – der ist noch gar nicht erforscht. Als das Internet vor etwa 25 Jahren aufkam, gehörte ich zu denen, die sagten, sie würden nie einen PC brauchen. Heute denke ich, dass man sich der Digitalisierung nicht entziehen kann und sollte. Die Entwicklung ist noch nicht absehbar.

Maike Wagner: Danke für das interessante Gespräch.

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