50. TheaterspielZeit Gunzenhausen – Der ewige Krause

von | 22. Oktober 2026 | Allgemein, Altmühlfranken, Gunzenhausen

Gun­zen­hau­sen — Die 50ste Thea­ter­Spiel­zeit Gun­zen­hau­sen begann mit einem Gag-Feu­er­werk und vor vol­ler Hüt­te. Kein Gerin­ge­rer als Kult-Komi­ker Tom Ger­hardt fand den Weg in die Alt­mühl­stadt, um als sein Alter-Ego „Die­ter Krau­se“ ordent­lich die Lach­mus­keln des dank­ba­ren Publi­kums zu mas­sie­ren. Denn Haus­meis­ter Krau­se ist Kult, in Deutsch­land fast so kul­tig, wie die Gun­zen­häu­ser Thea­ter­Spiel­zeit in Fran­ken.

Nord­west­lich des Weiß­wurst­äqua­tors hat Ende der 1990er-Jah­re mit Haus­meis­ter Krau­se eine Kult­fi­gur die TV-Büh­ne betre­ten (ins­ge­samt 80 Fol­gen), die sich heu­te wohl am ehes­ten mit der Fas­zi­na­ti­on um Rita Falks baju­wa­risch-gran­teln­den Dorf­po­li­zis­ten Franz Eber­ho­fer ver­glei­chen lässt. Dia­lekt­spre­chen­de Figu­ren, voll­ge­packt mit regio­nal­be­ding­ten Kli­schees und All­tags­ge­schich­ten, wie wir sie alle selbst erle­ben oder zumin­dest schon ein­mal mit­be­kom­men haben. Bewegt sich der Eber­ho­fer im baye­ri­schen Nie­der­kal­ten­kir­chen, so treibt Die­ter Krau­se in Köln-Kalk sein Unwe­sen. Als spieß­bür­ger­lich-streit­süch­ti­ger Haus­meis­ter mit Dackel und Pro­blem­fa­mi­lie. Wur­den wir damals gefragt, dann fan­den wir das nicht lus­tig – ein­ge­schal­tet und gelacht haben wir trotz­dem. Weil es Spaß mach­te und uns die wöchent­lich auf die Dau­er einer Seri­en­fol­ge run­ter­ge­bro­che­ne Selbst­zer­stö­rung von Men­schen vor Augen führ­te und letzt­lich auch die Fas­sa­den­haf­tig­keit einer gan­zen Gene­ra­ti­on. Haus­meis­ter Krau­se ist Kult und das Kon­zept funk­tio­niert noch immer. Auch als Thea­ter­stück.

Neben Tom Ger­hardt ist von frü­her noch Ire­ne Schwarz als noto­risch ent­täusch­te Ehe­frau Lis­beth an Bord. Die Che­mie zwi­schen bei­den stimmt nach wie vor und so bril­liert das Duo Infer­na­le im per­ma­nen­ten Kampf zwi­schen Zu- und Abnei­gung. Toch­ter Car­men wird auf der Büh­ne von der wand­lungs­fä­hi­gen Lua­na Bel­ling­hau­sen gespielt, die im flip­pi­gen 90er-Jah­re Look und tie­fem „Kölsch“ über­zeugt. Für Sohn Tom­mie hat es nicht für eine Rol­le gereicht, doch als Fan-Ser­vice wur­de „Fet­tie“ ins Stück ein­ge­baut. Er hat sich mit sei­nem tyran­ni­schen Papa ver­kracht und sitzt nun – wie er am Tele­fon erzählt — eimer­sau­fend am bul­ga­ri­schen Gold­strand. Wie geliebt, strotzt sein ver­ba­ler Aus­fluss von Inflek­ti­ven… sauf, sauf, schluck, schluck. Nicht lus­tig, gelacht haben wir trotz­dem ganz laut (inklu­si­ve Trä­nen im Augen­win­kel).

Der Plot von „Haus­meis­ter Krau­se – Du lebst nur zwei­mal“ passt auf ein Bier­filz (Hoch­zeits­tag ver­ges­sen, ent­täusch­te Ehe­frau, Pro­ble­me im Ver­ein etc.), doch dar­um geht es eben nicht. Als Publi­kum erfreu­en wir uns an der Selbst­zer­stö­rung und den Kli­schees. So darf natür­lich der streng hier­ar­chisch geführ­te KTC nicht feh­len, also der Köl­ner Teckel Club. Dackel Bodo von der Her­manns­klau­se ist zwar mitt­ler­wei­le in den ewi­gen Jagd­grün­den, sei­ne Urne beglei­tet die Fami­lie jedoch wei­ter­hin. Als Dackel­club-Prä­si­dent Karl Göbel über­zeugt Ste­fan Preiss mit mili­tä­ri­schem Look, Leder­ho­se und Sprin­ger­stie­feln. Nur kurz denkt der oppor­tu­nis­ti­sche Krau­se über den Putsch nach und möch­te sich mit Hil­fe sei­nes Freun­des Her­bert zum neu­en Prä­si­den­ten wäh­len las­sen. Das gelingt natür­lich (bis zum Hap­py End) nicht, denn Krau­se funk­tio­niert nur als ewi­ger Loser. So wird er zum Napf­wart degra­diert. Apro­pos Loser: Ein gro­ßes Lob muss dem Her­bert-Schau­spie­ler Ste­phan Bie­ker aus­ge­spro­chen wer­den. Er spielt den dümm­lich-bli­cken­des Stot­te­rer mit Bra­vour und mau­sert sich wäh­rend des zwei­stün­di­gen Auf­tritts zum Publi­kums­lieb­ling.

Der wah­re Star ist und bleibt jedoch Tom Ger­hardt. Er hat als Schau­spie­ler in „Voll nor­maaal“, „Bal­ler­mann 6“ oder eben „Haus­meis­ter Krau­se“ eine gan­ze TV-Gene­ra­ti­on geprägt. Als Gesicht­s­akro­bat ist er immer noch unschlag­bar und sagt mit Mimik mehr als ande­re mit vie­len Sät­zen schaf­fen. Sei­ne One-Liner sind wie hei­le Welt Glücks­keks-und T‑Shirt-Spruch-Phi­lo­so­phie („Der Hund bleibt im Stur­me treu, der Mensch nicht mal im Win­de.“) und sor­gen für per­ma­nen­te Lacher. Wie sehr Ger­hardt in sei­ner Rol­le auf­geht, mer­ken wir am Ende. Ire­ne Schwarz muss sich stark zusam­men­rei­ßen, um nicht selbst laut los­zu­la­chen. Und dass nach 20 Jah­ren TV-Ehe und vie­len Büh­nen­auf­trit­ten.

Tom Ger­hardt ist nicht nur lus­tig, son­dern auch ein gro­ßer, reflek­tie­ren­der Schau­spie­ler. Das zeigt der Fana­tis­mus, den er in sei­ner Figur Die­ter Krau­se ange­legt hat. Mit­läu­fer Krau­se wirkt immer ein wenig unsi­cher und braucht Auto­ri­tät um zu funk­tio­nie­ren. Wenn es dar­auf ankommt schweigt er und schaut weg, er ist nur auf sei­nen eige­nen Vor­teil bedacht. Wenn Mit­men­schen hier­bei auf der Stre­cke blei­ben, dann ist das für ihn kein gro­ßer Ver­lust. Nur er zählt und mit Abstri­chen sei­ne Fami­lie. Wer wis­sen will, wie Faschis­mus in Teil­be­rei­chen funk­tio­niert oder wel­che Men­schen ein auto­ri­tä­res Sys­tem über­haupt erst mög­lich machen — eins, zwei Fol­gen „Haus­meis­ter Krau­se“ genü­gen. Und den­noch ist es rich­tig, hier­über mit­tels Komik und schlech­ten Wit­zen auf­zu­klä­ren. Manch­mal gleicht die Bana­li­tät des Bösen einer Komö­die – das gilt es nur zu erken­nen und anzu­neh­men.

Die Thea­ter­Spiel­zeit Gun­zen­hau­sen geht am 13. Dezem­ber 2026 wei­ter, dann mit dem moder­nen Klas­si­ker „Der Club der toten Dich­ter“. Nähe­re Infor­ma­tio­nen hier­zu erhal­ten Sie auf der Home­page www.gunzenhausen.info oder direkt beim städ­ti­schen Kul­tur­amt unter Tel.: 09831/508 300 (E‑Mail: kulturamt@gunzenhausen.de).

Foto: Stadt Gunzenhausen/Manuel Gros­ser