Auch Unverheiratete können Kinderwunschbehandlung absetzen

von | 6. Oktober 2024 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

(red). Fast jedes zehn­te Paar in Deutsch­land ist unge­wollt kin­der­los und auf repro­duk­ti­ons­me­di­zi­ni­sche Hil­fe ange­wie­sen. Die Kos­ten wer­den nicht immer von der Kran­ken­kas­se über­nom­men. Eine Steu­er­ent­las­tung gab es bis­her nur bei krank­heits­be­ding­ter Kin­der­lo­sig­keit der Frau sowie bestehen­der Ehe. Der Bun­des­fi­nanz­hof (BFH) schafft nun neue Hoff­nung: Auch eine gesun­de und unver­hei­ra­te­te Frau kann die Kos­ten für eine Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gnos­tik (PID) zur Fest­stel­lung von Ver­än­de­run­gen des Erb­ma­te­ri­als und eine anschlie­ßen­de künst­li­che Befruch­tung von der Steu­er abset­zen, wenn ihr Part­ner an einer Erkran­kung lei­det.

Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gnos­tik zur Ver­mei­dung von Krank­hei­ten

Im ver­han­del­ten Fall wies der Part­ner der Steu­er­pflich­ti­gen eine erb­lich beding­te Chro­mo­so­men­mu­ta­ti­on auf. Dadurch war die Wahr­schein­lich­keit hoch, dass ein auf natür­li­chem Weg gezeug­tes gemein­sa­mes Kind ent­we­der mit schwers­ten Behin­de­run­gen auf die Welt gekom­men oder nach der Geburt erst gar nicht lebens­fä­hig gewe­sen wäre. Das Paar ließ sich bei einer Kin­der­wunsch­kli­nik human­ge­ne­tisch und psy­cho­so­zi­al bera­ten.

Um das vor­lie­gen­de Risi­ko zu umge­hen, ent­schied sich das Paar zu einer künst­li­chen Befruch­tung und einer Prä­im­plan­ta­ti­ons­dia­gnos­tik, die gene­ti­sche Ver­än­de­run­gen an den Zel­len des Embry­os vor dem Ein­set­zen in die Gebär­mut­ter iden­ti­fi­ziert. Der Groß­teil der Behand­lun­gen wur­de an der Frau im Rah­men der künst­li­chen Befruch­tung vor­ge­nom­men. Da die Frau selbst gesund war, muss­te das Paar die Kos­ten in Höhe von ca. 23.000 Euro selbst tra­gen. Mit ihrer Steu­er­erklä­rung mach­te die Frau die Aus­ga­ben schließ­lich als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung gel­tend. Doch das zustän­di­ge Finanz­amt lehn­te die Berück­sich­ti­gung ab, weil das Paar nicht ver­hei­ra­tet war.

Künst­li­che Befruch­tung als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung

Die Steu­er­pflich­ti­ge ging vor Gericht und das nie­der­säch­si­sche Finanz­ge­richt gab der Klä­ge­rin recht. Es sah die Vor­aus­set­zun­gen für den Abzug als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung als erfüllt an, da die medi­zi­ni­schen Maß­nah­men not­wen­dig waren, eine durch Krank­heit des Part­ners beein­träch­tig­te kör­per­li­che Funk­ti­on aus­zu­glei­chen. Aller­dings wur­de nur der Teil der Kos­ten, wel­che die Steu­er­pflich­ti­ge selbst bezahlt hat­te, aner­kannt. Die vom Part­ner bezahl­ten Rech­nun­gen wur­den bei der Frau nicht berück­sich­tigt, da kei­ne Ehe bzw. Zusam­men­ver­an­la­gung gege­ben war. Das ört­li­che Finanz­amt ging gegen die­ses Urteil in Revi­si­on und so lan­de­tet der Fall schließ­lich vor dem BFH.

Der BFH bestä­tig­te die Ent­schei­dung des Finanz­ge­rich­tes. Zudem erklär­te er, dass die Gesund­heit der Klä­ge­rin und deren Ehe­sta­tus im Sin­ne des Ein­kom­men­steu­er­ge­set­zes kei­ne Rol­le spie­len. Im Urteil wur­de auf den untrenn­ba­ren bio­lo­gi­schen Zusam­men­hang in Bezug auf einen Kin­der­wunsch hin­ge­wie­sen. Zum einen hät­te die Erb­krank­heit des Part­ners auf die Frau Aus­wir­kun­gen gehabt, zum ande­ren hät­te eine medi­zi­ni­sche Behand­lung eines Part­ners allein nicht für den Zweck aus­ge­reicht. Somit waren die Maß­nah­men am gesun­den Kör­per der Frau steu­er­lich gerecht­fer­tigt. Wei­ter­hin waren die prä­na­ta­len Behand­lun­gen durch die Ärz­te­kam­mer medi­zi­nisch indi­ziert und wur­den im Ein­klang mit deut­schem Recht nach dem Embryo­nen­schutz­ge­setz durch­ge­führt. Der Abzug als außer­ge­wöhn­li­che Belas­tung im Aus­maß des Urteils vom Finanz­ge­richt wur­de zuge­las­sen.

Die Reich­wei­te des BFH-Urteils

“Die von den Kas­sen nicht über­nom­me­nen Kos­ten für eine künst­li­che Befruch­tung waren bis­her auch schon steu­er­lich absetz­bar. Aller­dings beschränk­te sich das auf Fäl­le, in denen ein Paar ver­hei­ra­tet oder die Frau unfrucht­bar war”, erklärt Tobi­as Gerau­er, Vor­stand der Lohn­steu­er­hil­fe Bay­ern (Lohi). Die Ursa­che für den uner­füll­ten Kin­der­wunsch muss­te also bei der Frau lie­gen. Neu an die­sem rich­tungs­wei­sen­den Urteil ist, dass das Paar nicht ver­hei­ra­tet war und die Pro­ble­ma­tik beim Mann lag. Damit wur­de ein Prä­ze­denz­fall für Paa­re geschaf­fen, die mit ähn­li­chen Her­aus­for­de­run­gen kon­fron­tiert sind, so der Steu­er­ex­per­te der Lohi. Der Kos­ten­ab­zug ober­halb der zumut­ba­ren Belas­tungs­gren­ze ist somit einem grö­ße­ren Teil an Steu­er­pflich­ti­gen zugäng­lich gemacht wor­den.

Lohi — Lohn­steu­er­hil­fe Bay­ern e. V.

Die Lohi (Lohn­steu­er­hil­fe Bay­ern e. V.) mit Haupt­sitz in Mün­chen wur­de 1966 als Lohn­steu­er­hil­fe­ver­ein gegrün­det und ist mit rund 300 Bera­tungs­stel­len bun­des­weit aktiv. Mit über 700.000 Mit­glie­dern ist der Ver­ein einer der größ­ten Lohn­steu­er­hil­fe­ver­ei­ne in Deutsch­land. Die Lohi zeigt Arbeit­neh­mern, Rent­nern und Pen­sio­nä­ren – im Rah­men einer Mit­glied­schaft begrenzt nach § 4 Nr. 11 StBerG – alle Mög­lich­kei­ten auf, Steu­er­vor­tei­le zu nut­zen.

Foto: Pix­a­bay