Plädoyer für mehr Gestaltungsqualität, Bürgerbeteiligung und regionale Wertschöpfung
Bieswang — Im Rahmen einer Baukultur-Werkstatt in Bieswang haben sich engagierte Bürgerinnen und Bürger sowie eine große Zahl an neugewählten Kommunalpolitikern aus dem gesamten Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen für einen intelligenten Umgang mit den immer knapper werdenden finanziellen und natürlichen Ressourcen sowie für eine umfassende Einbindung der örtlichen Bevölkerung in die Zukunftsentwicklung ihrer Wohngemeinden ausgesprochen.
Dieter Popp von der FUTOUR Regionalberatung (Haundorf) hat als Veranstalter der Baukultur-Werkstatt auf die große Chance verwiesen, die aus der Vielzahl der im Wettbewerb „Unser Dorf hat Zukunft“ aus-gezeichneten Dörfer Altmühlfrankens ergeben. Denn in keinem Landkreis wurden bundesweit mit insgesamt 44 Landes‑, Bundes- und sogar Europa-Wettbewerbssiegen so viele Auszeichnungen vergeben, deren Grundlage die Bau- und die Gartenkultur der Dörfer darstellt. Aber es sind ja nicht nur diese Wettbewerbe, sondern eine Vielzahl außergewöhnlicher Objekte von sich harmonisch einfügenden Neubauten oder der Sanierung alter Gebäude auch außerhalb von in Wettbewerben ausgezeichneten Dörfern, die immer wieder für positive Schlagzeilen weit über die Region hinaus machen. Jüngstes Beispiel ist die einzigartig gut gelungene Sanierung des alten Pfarrhauses in Dornhausen, die mit einer bayerischen Denkmalschutzmedaille gewürdigt wurde.
Gräfin Adelheid Schönborn aus Muhr am See hob mit Besonderheit hervor, wie wohltuend naturnah gestaltete Gärten als harmonische Einbindung der Baukörper für das dörfliche Gesamt-Ensemble wirken und wie diese positive Ausstrahlung auch auf die unmittelbaren Nachbarn wirken. Denn leider wird der Blick immer öfter durch über blickdichte und teilweise sehr hohe Sichtbarrieren verstellt. Da überwiegt der Eindruck, dass sich Dorfbewohner „absichern“ oder gar abschotten wollen. Dagegen wäre aber ein Blick und ein Gespräch über den Zaun – die sog. „offene Gartentür“ — der bessere Weg für die harmonische Nachbarschaft und auch das Zusammengehörigkeitsgefühl, das ja zur natürlichen DNA der Dörfer zählt. Und gerade die Gärten um das Haus ermöglichen die Offenheit für naturnahe Gestaltung und sind oftmals das abrundende Bild eines freundlich-offenen Straßenensembles im Dorf, was diese über viele Jahrzehnte positiv auszeichnete.
Hans-Heinrich Häffner, Architekt aus Ellingen und seit jeher stark im Bereich der Denkmalpflege engagiert wies auf das immerwährende Problem beim Bauen im Bestand hin, da die Bauwilligen fast nie mit einer planenden Gewissheit beginnen können. Während Zeit und Geld als messbare Größen im Planungsdreieck eindeutig definierbar sind, zeigt sich Qualität als weitaus komplexeres Phänomen. Sie umfasst zahlreiche Dimensionen: von normativen Mindeststandards wie Standsicherheit, Brand-schutz und Barrierefreiheit über soziale Verantwortung bis hin zu kulturell-ökologischen Mehrwerten bzw. immateriellem Werten. Qualität im Bestand bedeutet gesunde und auch wiederverwertete Materialien, Erhalt historischer Substanz, Pflege von Handwerkstraditionen – aber auch Empathie für das Wohlbefinden der Nutzenden sowie Begeisterung für neue Nutzungsformen. Diese Vielschichtigkeit macht deutlich, dass sich Qualität nicht auf eine einzige Kennzahl reduzieren lässt, sondern im Zusammenspiel harter Grundlagen mit kulturellen und emotionalen Werten entsteht.
Clemens Frosch, Architekt mit Büros in Weißenburg und München wies in der Baukultur-Werkstatt darauf hin, dass sich unsere gebaute Umwelt in den letzten Jahrzehnten deutlich verändert hat. Bestehende Grundsätze der Gestaltungen und Gliederungen des Außenraums werden nicht mehr berücksichtigt. In der Bauordnung sind nur noch quantitative Kriterien aufgenommen worden. Beratungen der Kreisbaumeister erfolgen leider nicht mehr mit Blick auf Gestaltung. Die Materialwahl ist weg vom „ortsbezogenen Natürlichen“ zur „internationalen und industriell gefertigten Massen-ware“, damit auch weg von regionaler Wertschöpfung. Auf diese Weise verlieren unsere Ortsbilder ihre Identität, ortsbezogene Gestaltung und eine erhebliche Aufenthaltsqualität.
Um diese Fehlentwicklungen zu verhindern, wird es notwendig sein die jeweiligen örtlichen Quali-täten gemeinsam mit der dort lebenden Bevölkerung zu analysieren und kreative Wege einer Weiter-entwicklung zu suchen, lautete eines der Ergebnisse der intensiv geführten Diskussionen. Über solche Ansätze können Anregungen zum Leerstandsmanagement und neue Nutzungen gegeben werden. Es wäre möglich, vermeintliche Konkurrenzen zu überdenken und dafür überörtliche Kooperationen anzustreben. Von entscheidender Bedeutung wird es aber sein, dass das bürgerschaftliche Engage-ment bei der Ortsentwicklung wieder stärker berücksichtigt wird und die frühe Teilhabe an Planungsprozessen gestärkt wird. Ein gutes Beispiel für ein in sich harmonisch entwickeltes Bauprojekt mit landschaftsbezogener Gartengestaltung bot zudem die Tagungsstätte selbst, der Fliederhof in Bieswang.
Die Teilnehmenden sprachen sich im Ergebnis der Baukultur-Werkstatt sowohl für verstärkt anzu-bietende Impulsberatungen bzw. das bewährte Modell der „moderierten Dorfspaziergänge“ aus, um ein besseres Gemeinschaftsgefühl für Qualität beim Bauen und als dörfliches Ensemble mit Wohlfühl-Charakter zu stärken. Die Integrierte Ländliche Entwicklung – in Altmühlfranken flachendeckend organisiert – wäre dazu ein geeignetes Instrument zur praktischen Umsetzung. Die Teilnehmenden der Baukultur-Werkstatt verständigten sich auf einen ersten Dorfspaziergang in Göhren und es werden gerne Anregungen aufgenommen, wo dieses Instrument ebenfalls noch Grundlage für neue Dorfentwicklungsansätze sein könnte.
Foto: Gerhard Durst


