Baukultur als Zukunftsaufgabe für Altmühlfranken

von | 23. Juli 2026 | Allgemein, Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Plä­doy­er für mehr Gestal­tungs­qua­li­tät, Bür­ger­be­tei­li­gung und regio­na­le Wert­schöp­fung

Bies­wang — Im Rah­men einer Bau­kul­tur-Werk­statt in Bies­wang haben sich enga­gier­te Bür­ge­rin­nen und Bür­ger sowie eine gro­ße Zahl an neu­ge­wähl­ten Kom­mu­nal­po­li­ti­kern aus dem gesam­ten Land­kreis Wei­ßen­burg-Gun­zen­hau­sen für einen intel­li­gen­ten Umgang mit den immer knap­per wer­den­den finan­zi­el­len und natür­li­chen Res­sour­cen sowie für eine umfas­sen­de Ein­bin­dung der ört­li­chen Bevöl­ke­rung in die Zukunfts­ent­wick­lung ihrer Wohn­ge­mein­den aus­ge­spro­chen.

Die­ter Popp von der FUTOUR Regio­nal­be­ra­tung (Haun­dorf) hat als Ver­an­stal­ter der Bau­kul­tur-Werk­statt auf die gro­ße Chan­ce ver­wie­sen, die aus der Viel­zahl der im Wett­be­werb „Unser Dorf hat Zukunft“ aus-gezeich­ne­ten Dör­fer Alt­mühl­fran­kens erge­ben. Denn in kei­nem Land­kreis wur­den bun­des­weit mit ins­ge­samt 44 Landes‑, Bun­des- und sogar Euro­pa-Wett­be­werbs­sie­gen so vie­le Aus­zeich­nun­gen ver­ge­ben, deren Grund­la­ge die Bau- und die Gar­ten­kul­tur der Dör­fer dar­stellt. Aber es sind ja nicht nur die­se Wett­be­wer­be, son­dern eine Viel­zahl außer­ge­wöhn­li­cher Objek­te von sich har­mo­nisch ein­fü­gen­den Neu­bau­ten oder der Sanie­rung alter Gebäu­de auch außer­halb von in Wett­be­wer­ben aus­ge­zeich­ne­ten Dör­fern, die immer wie­der für posi­ti­ve Schlag­zei­len weit über die Regi­on hin­aus machen. Jüngs­tes Bei­spiel ist die ein­zig­ar­tig gut gelun­ge­ne Sanie­rung des alten Pfarr­hau­ses in Dorn­hau­sen, die mit einer baye­ri­schen Denk­mal­schutz­me­dail­le gewür­digt wur­de.

Grä­fin Adel­heid Schön­born aus Muhr am See hob mit Beson­der­heit her­vor, wie wohl­tu­end natur­nah gestal­te­te Gär­ten als har­mo­ni­sche Ein­bin­dung der Bau­kör­per für das dörf­li­che Gesamt-Ensem­ble wir­ken und wie die­se posi­ti­ve Aus­strah­lung auch auf die unmit­tel­ba­ren Nach­barn wir­ken. Denn lei­der wird der Blick immer öfter durch über blick­dich­te und teil­wei­se sehr hohe Sicht­bar­rie­ren ver­stellt. Da über­wiegt der Ein­druck, dass sich Dorf­be­woh­ner „absi­chern“ oder gar abschot­ten wol­len. Dage­gen wäre aber ein Blick und ein Gespräch über den Zaun – die sog. „offe­ne Gar­ten­tür“ — der bes­se­re Weg für die har­mo­ni­sche Nach­bar­schaft und auch das Zusam­men­ge­hö­rig­keits­ge­fühl, das ja zur natür­li­chen DNA der Dör­fer zählt. Und gera­de die Gär­ten um das Haus ermög­li­chen die Offen­heit für natur­na­he Gestal­tung und sind oft­mals das abrun­den­de Bild eines freund­lich-offe­nen Stra­ßen­en­sem­bles im Dorf, was die­se über vie­le Jahr­zehn­te posi­tiv aus­zeich­ne­te.

Hans-Hein­rich Häff­ner, Archi­tekt aus Ellin­gen und seit jeher stark im Bereich der Denk­mal­pfle­ge enga­giert wies auf das immer­wäh­ren­de Pro­blem beim Bau­en im Bestand hin, da die Bau­wil­li­gen fast nie mit einer pla­nen­den Gewiss­heit begin­nen kön­nen. Wäh­rend Zeit und Geld als mess­ba­re Grö­ßen im Pla­nungs­drei­eck ein­deu­tig defi­nier­bar sind, zeigt sich Qua­li­tät als weit­aus kom­ple­xe­res Phä­no­men. Sie umfasst zahl­rei­che Dimen­sio­nen: von nor­ma­ti­ven Min­dest­stan­dards wie Stand­si­cher­heit, Brand-schutz und Bar­rie­re­frei­heit über sozia­le Ver­ant­wor­tung bis hin zu kul­tu­rell-öko­lo­gi­schen Mehr­wer­ten bzw. imma­te­ri­el­lem Wer­ten. Qua­li­tät im Bestand bedeu­tet gesun­de und auch wie­der­ver­wer­te­te Mate­ria­li­en, Erhalt his­to­ri­scher Sub­stanz, Pfle­ge von Hand­werks­tra­di­tio­nen – aber auch Empa­thie für das Wohl­be­fin­den der Nut­zen­den sowie Begeis­te­rung für neue Nut­zungs­for­men. Die­se Viel­schich­tig­keit macht deut­lich, dass sich Qua­li­tät nicht auf eine ein­zi­ge Kenn­zahl redu­zie­ren lässt, son­dern im Zusam­men­spiel har­ter Grund­la­gen mit kul­tu­rel­len und emo­tio­na­len Wer­ten ent­steht.

Cle­mens Frosch, Archi­tekt mit Büros in Wei­ßen­burg und Mün­chen wies in der Bau­kul­tur-Werk­statt dar­auf hin, dass sich unse­re gebau­te Umwelt in den letz­ten Jahr­zehn­ten deut­lich ver­än­dert hat. Bestehen­de Grund­sät­ze der Gestal­tun­gen und Glie­de­run­gen des Außen­raums wer­den nicht mehr berück­sich­tigt. In der Bau­ord­nung sind nur noch quan­ti­ta­ti­ve Kri­te­ri­en auf­ge­nom­men wor­den. Bera­tun­gen der Kreis­bau­meis­ter erfol­gen lei­der nicht mehr mit Blick auf Gestal­tung. Die Mate­ri­al­wahl ist weg vom „orts­be­zo­ge­nen Natür­li­chen“ zur „inter­na­tio­na­len und indus­tri­ell gefer­tig­ten Mas­sen-ware“, damit auch weg von regio­na­ler Wert­schöp­fung. Auf die­se Wei­se ver­lie­ren unse­re Orts­bil­der ihre Iden­ti­tät, orts­be­zo­ge­ne Gestal­tung und eine erheb­li­che Auf­ent­halts­qua­li­tät.

Um die­se Fehl­ent­wick­lun­gen zu ver­hin­dern, wird es not­wen­dig sein die jewei­li­gen ört­li­chen Qua­li-täten gemein­sam mit der dort leben­den Bevöl­ke­rung zu ana­ly­sie­ren und krea­ti­ve Wege einer Wei­ter-ent­wick­lung zu suchen, lau­te­te eines der Ergeb­nis­se der inten­siv geführ­ten Dis­kus­sio­nen. Über sol­che Ansät­ze kön­nen Anre­gun­gen zum Leer­stands­ma­nage­ment und neue Nut­zun­gen gege­ben wer­den. Es wäre mög­lich, ver­meint­li­che Kon­kur­ren­zen zu über­den­ken und dafür über­ört­li­che Koope­ra­tio­nen anzu­stre­ben. Von ent­schei­den­der Bedeu­tung wird es aber sein, dass das bür­ger­schaft­li­che Enga­ge-ment bei der Orts­ent­wick­lung wie­der stär­ker berück­sich­tigt wird und die frü­he Teil­ha­be an Pla­nungs­pro­zes­sen gestärkt wird. Ein gutes Bei­spiel für ein in sich har­mo­nisch ent­wi­ckel­tes Bau­pro­jekt mit land­schafts­be­zo­ge­ner Gar­ten­ge­stal­tung bot zudem die Tagungs­stät­te selbst, der Flie­der­hof in Bies­wang.

Die Teil­neh­men­den spra­chen sich im Ergeb­nis der Bau­kul­tur-Werk­statt sowohl für ver­stärkt anzu-bie­ten­de Impuls­be­ra­tun­gen bzw. das bewähr­te Modell der „mode­rier­ten Dorf­spa­zier­gän­ge“ aus, um ein bes­se­res Gemein­schafts­ge­fühl für Qua­li­tät beim Bau­en und als dörf­li­ches Ensem­ble mit Wohl­fühl-Cha­rak­ter zu stär­ken. Die Inte­grier­te Länd­li­che Ent­wick­lung – in Alt­mühl­fran­ken fla­chen­de­ckend orga­ni­siert – wäre dazu ein geeig­ne­tes Instru­ment zur prak­ti­schen Umset­zung. Die Teil­neh­men­den der Bau­kul­tur-Werk­statt ver­stän­dig­ten sich auf einen ers­ten Dorf­spa­zier­gang in Göh­ren und es wer­den ger­ne Anre­gun­gen auf­ge­nom­men, wo die­ses Instru­ment eben­falls noch Grund­la­ge für neue Dorf­ent­wick­lungs­an­sät­ze sein könn­te.

Foto: Ger­hard Durst