Das gefährliche Paradoxon der Demokratie

von | 21. Januar 2026 | Allgemein, Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Gun­zen­hau­sen — Wir leben in einer neu­en Zeit, einer Zeit in der zuneh­mend auto­kra­ti­sche Staa­ten den Ton ange­ben und das Recht des Stär­ke­ren immer mehr die Stär­ke des Rechts ver­drängt. Eine bis­her nicht beach­te­te Kon­se­quenz die­ser Ent­wick­lung besteht dar­in, dass die Auto­kra­tien für vie­le „nor­ma­le“ Beob­ach­ter eine neue Attrak­ti­vi­tät ent­wi­ckeln: Es scheint, dass die­se Staa­ten zügig Ent­schei­dun­gen tref­fen, „effek­tiv han­deln“ also „lie­fern“. Ja in die­sen Staa­ten „pas­siert“ etwas, die Pro­ble­me wer­den „ange­packt“, es geht vor­wärts.

So steigt das glo­ba­le Anse­hen etwa von Chi­na par­al­lel zu sei­nen tech­no­lo­gi­schen und wirt­schaft­li­chen Erfol­gen, wäh­rend sei­ne demo­kra­ti­schen Defi­zi­te fast in Ver­ges­sen­heit gera­ten. Auch bei Trump ist eine ähn­li­che Ent­wick­lung fest­stell­bar: Er ist zwar unbe­re­chen­bar erra­tisch und tritt alle inter­na­tio­na­len Regeln „in die Ton­ne“ aber er han­delt, es geschieht etwas und das beein­druckt.

Wie sieht es im Ver­gleich dazu in den „anstän­di­gen“ demo­kra­ti­schen Staa­ten aus? Da wird ewig dis­ku­tiert, Kom­mis­sio­nen wer­den ein­ge­setzt, da wer­den Din­ge ver­scho­ben, es geht nur sehr lang­sam, wenn über­haupt vor­wärts. Erheb­li­che nega­ti­ve Ent­wick­lun­gen sind die unmit­tel­ba­re nega­ti­ve Fol­ge.

Der Haupt­grund für die­se Lang­sam­keit besteht dar­in, dass in den demo­kra­tisch übli­chen Mehr-Par­tei­en-Koali­tio­nen jede Par­tei ihre eige­ne Iden­ti­tät, ihren „Mar­ken­kern“, ja ihre eige­ne Kli­en­tel pfle­gen will. Und das demo­kra­ti­sche Para­do­xon besteht nun dar­in, dass je mehr jede Koali­ti­ons­par­tei — sozu­sa­gen demo­kra­tisch — ihre Ideen und Ansprü­che durch­setzt, des­to mehr Unter­schie­de zei­gen sich und des­to schwie­ri­ger, sprich lang­sa­mer gestal­tet sich die Ent­schei­dungs­fin­dung. Ver­kürzt: je par­tei­po­li­tisch kon­kre­ter bzw. demo­kra­ti­scher eine Koali­ti­on „tickt“, des­to weni­ger effi­zi­ent und hand­lungs­fä­hig ist sie. Man den­ke nur an die aktu­el­le Situa­ti­on in Frank­reich oder an die anfäng­li­chen Strei­tig­kei­ten der neu­en schwarz roten Bun­des­re­gie­rung. Wenn dann noch dazu kommt, dass Ver­bän­de von ihrem Ver­bands­kla­ge­recht exten­siv Gebrauch machen und dass die Jus­tiz poli­ti­sche Vor­ha­ben noch
„prä­zi­siert“ und wei­ter­ent­wi­ckelt, dann kann die gesam­te Stadt­ma­schi­ne­rie ins Sto­cken gera­ten. Ganz extrem zeigt sich das z.B. beim Regio­nal­par­la­ment Brüs­sel wo allein die Bil­dung einer neu­en Regie­rung bis zu 500 (!) Tage dau­ert, weil jede Par­tei ihre Hal­tung wie­der­fin­den möch­te. Die Kon­se­quen­zen einer sol­chen Ent­wick­lung lie­gen auf der Hand: Schwä­chung staat­li­cher Leis­tun­gen auf allen Gebie­ten ins­be­son­de­re bei der Infra­struk­tur und sogar Blo­cka­den bei zen­tra­len Rich­tungs­ent­schei­dun­gen wie z.B. der Ren­te.

Gefähr­lich wird die­se Lage dann, wenn die Bür­ger der demo­kra­ti­schen Staa­ten, nicht nur wegen der „nor­ma­len“ Unzu­frie­den­hei­ten — Migra­ti­on, Sozi­al­po­li­tik, Ener­gie­prei­se, Büro­kra­tie — son­dern — zusätz­lich — wegen der Hand­lungs­un­fä­hig­keit ihrer Demo­kra­tien begin­nen radi­kal zu wäh­len. Kon­kret: Gefähr­lich wird es, wenn Bür­ger auto­kra­ti­sche Poli­tik attrak­ti­ver als demo­kra­ti­sche Poli­tik fin­den, weil sie wirt­schaft­lich erfolg­rei­cher ist, weil sie struk­tu­rel­le Pro­ble­me bes­ser löst oder ein­fach, weil sie han­delt und die Din­ge vor­an­bringt.

Wir Demo­kra­ten haben m.E. nur noch ein begrenz­tes Zeit­fens­ter von weni­gen Jah­ren, um eine sol­che Ent­wick­lung zu ver­hin­dern also das „demo­kra­ti­sche Para­do­xon“ auf­zu­lö­sen: wir müs­sen die Hand­lungs­fä­hig­keit des demo­kra­ti­schen Staa­tes dra­ma­tisch stär­ken. Kon­kret: Die Koali­ti­ons­par­tei­en müs­sen den Mut auf­brin­gen, die Pfle­ge ihrer eige­nen Kli­en­tel gegen­über dem gemein­sa­men Erfolg der Regie­rung klar hint­an­zu­stel­len. Die Regie­rung muss Vor­rang vor jeder Par­tei­po­li­tik bekom­men. Wie sag­te einst Hell­mut Kohl: „Ent­schei­dend ist, was hin­ten raus­kommt“.

Foto: Dr. Ingo Fried­rich