Das verlorene Menschenkind

von | 3. Mai 2024 | Altmühlfranken, Gunzenhausen

Gun­zen­hau­sen (red). Drei Jah­re lang hat Tho­mas Medi­cus an sei­ner gera­de her­aus­ge­kom­me­nen Klaus-Mann-Bio­gra­fie gear­bei­tet. Mate­ri­al gab es mehr als genug: sechs Tage­buch­bän­de, wei­te­re sechs Bän­de mit Essays und nicht zuletzt die Roma­ne. „Dann stand da als Ele­fant im Raum: die Fami­lie Mann!“ —  Bei der Buch­vor­stel­lung in der Stadt- und Schul­bü­che­rei Gun­zen­hau­sen gab der Jour­na­list und Schrift­stel­ler Tho­mas Medi­cus Ein­blick in sei­ne eige­ne Arbeits­wei­se und gleich­zei­tig ins Lebens­la­by­rinth des ruhe­lo­sen Klaus Mann. Orga­ni­siert und gestal­tet hat­ten den Abend Mel­e­na Ren­ner von der Buch­hand­lung am Fär­ber­turm und Bet­ti­na Balz von der Wei­ßen­bur­ger Buch­hand­lung Stoll.

„Für mich ist das heu­te ein Heim­spiel!“, mein­te Tho­mas Medi­cus zu Beginn der Ver­an­stal­tung und erläu­ter­te: Ers­tens habe er in der Büche­rei 2004 sein ers­tes Buch vor­ge­stellt, zwei­tens sei er in die­sem Gebäu­de gebo­ren wor­den und habe hier als jun­ger Mann auch mal in der Kran­ken­pfle­ge gear­bei­tet. Zudem ken­ne er Bet­ti­na Balz, die mit ihm ein Gespräch zur Klaus-Mann-Bio­gra­fie füh­ren wer­de, schon seit vie­len Jah­ren.

Sei­nen Lese­rin­nen und Lesern mutet Tho­mas Medi­cus im Pro­log „Tod in Can­nes“ gleich eini­ges zu: Klaus Mann war ein Mensch vol­ler Todes­sehn­sucht. Bei sei­nem Auf­ent­halt in Frank­reich im Jahr 1949 hat ihn die Depres­si­on fest im Griff. Ein­drück­lich beschreibt der Bio­graf den Kampf am Abgrund, den der dro­gen­ab­hän­gi­ge Klaus Mann nun end­gül­tig ver­lie­ren soll­te. Im Alter von nur 42 Jah­ren nimmt er sich das Leben.

„Facet­ten­reich, uner­gründ­lich — ein Mensch mit Geheim­nis“: Tho­mas Medi­cus beschreibt den Lebens­weg von Klaus Mann von den Kin­der­jah­ren in Mün­chen und Bad Tölz, den ers­ten schrift­stel­le­ri­schen Erfol­gen in der Zeit der Wei­ma­rer Repu­blik, die Jah­re im Exil und sei­ne Zeit als ame­ri­ka­ni­scher Sol­dat.

Die bei­den ältes­ten Kin­der von Tho­mas und Katia Mann Klaus und Eri­ka gehör­ten der soge­nann­ten Kriegs­ju­gend­ge­ne­ra­ti­on an. Der Ers­te Welt­krieg, die Hun­ger­kri­se 1916, Revo­lu­ti­on und Räte­re­pu­blik sowie die Hyper­in­fla­ti­on in den 1920ern präg­te eine Gene­ra­ti­on, die alles und beson­ders die gän­gi­ge Moral in Fra­ge stell­te. Ein­drück­lich beschreibt Tho­mas Medi­cus, wie in den 1920er Jah­ren der Tanz und ein vom Tem­po gepräg­ter Lebens­rhyth­mus neue Frei­hei­ten, aber auch Unsi­cher­heit mit sich brach­te. Als Intel­lek­tu­el­ler, als Dan­dy, als Dro­gen­kon­su­ment fin­det Klaus Mann sei­nen Platz in einem rausch­haf­ten Leben und Erle­ben. Mit dem Roman „Der from­me Tanz“ bekennt sich Klaus Mann 1925 offen zu sei­ner Homo­se­xua­li­tät.

Steht der Beginn der schrift­stel­le­ri­schen Tätig­keit von Klaus Mann auch am Beginn des Vater-Sohn-Kon­flikts zwi­schen Tho­mas und Klaus Mann? – Auf die­ser Fra­ge von Bet­ti­na Balz kann Tho­mas Medi­cus aus­führ­lich ant­wor­ten. Es gab die­sen Kon­flikt, der auch auf lite­ra­ri­schen Feld aus­ge­foch­ten wur­de, aber – so Tho­mas Medi­cus – die unglaub­li­chen Aggres­sio­nen gegen­über dem Vater wur­den nicht offen aus­ge­tra­gen. „Wut­an­fäl­le fin­den nur im Tage­buch statt.“

Die Last, oft ledig­lich als Sohn eines welt­be­rühm­ten Schrift­stel­lers und Nobel­preis­trä­gers wahr­ge­nom­men zu wer­den, die lebens­lan­ge finan­zi­el­le Abhän­gig­keit vom Vater – das ist die eine Sei­te. Auf der ande­ren Sei­te waren Klaus Mann und sei­ne Schwes­ter Eri­ka als die „Lite­ra­ry Mann Twins“ auch wegen des Renom­mees von Tho­mas Mann Teil der inter­na­tio­na­len Bohe­me.

Frü­her als sein Vater stellt sich Klaus Mann öffent­lich gegen den Natio­nal­so­zia­lis­mus, wird nach sei­nem Onkel Hein­rich Mann als zwei­ter der Fami­lie bereits im August 1933 aus­ge­bür­gert. Im US-ame­ri­ka­ni­schen Exil ent­schließt er sich, sich frei­wil­lig zum Mili­tär­dienst zu mel­den und wird im Zwei­ten Welt­krieg in einer Auf­klä­rungs­ein­heit ein­ge­setzt. Nach Kriegs­en­de ist er als Son­der­be­richt­erstat­ter jour­na­lis­tisch tätigt. Dies sei, so Tho­mas Medi­cus, die ein­zi­ge Zeit in Klaus Manns Leben gewe­sen, in der er finan­zi­ell von sei­nem Vater unab­hän­gig war.

In der Nach­kriegs­zeit gelingt es Klaus Mann nicht, den Anschluss an die neu erwa­chen­de intel­lek­tu­el­le Sze­ne zu fin­den. „Er hat nichts mehr unter­nom­men, dem Abstieg ent­ge­gen­zu­wir­ken“, so die Ein­schät­zung von Tho­mas Medi­cus. Der Dro­gen­kon­sum und sei­ne Depres­si­on füh­ren zu 25 Sui­zid­ver­su­chen. „Ein leben­der Toter“ – so Medi­cus.

„Klaus Mann – ein Leben“ ist die drit­te Bio­gra­fie, die Tho­mas Medi­cus ver­öf­fent­licht. Erfolg­reich war er bereits mit „Melit­ta von Stauf­fen­berg – Ein deut­sches Leben“ und mit der Dop­pel­bio­gra­fie von Hein­rich und Götz Geor­ge. Immer sind es sei­ne aus­führ­li­chen Recher­chen, sein unbe­ding­ter Wil­le, Lebens­sta­tio­nen und die Dar­stel­lung der Per­son in all den Wen­de­punk­ten und Wider­sprü­chen dar­zu­stel­len. Dazu kommt eine lite­ra­ri­sche Schreib­wei­se, die ihren eige­nen Sog erzeugt und immer wie­der mit über­ra­schen­de Ein­schät­zun­gen auf­zu­war­ten weiß.

„Was macht das mit einem, wenn man sich drei Jah­re lang einer solch zer­ris­se­nen Per­son wie Klaus Mann beschäf­tigt?“ fragt Bet­ti­na Balz am Ende der Ver­an­stal­tung. Tho­mas Medi­cus ant­wor­tet unver­hoh­len: „Ich muss sagen, ich konn­te ihn nicht lei­den.“ Er habe sich nicht in die­sen so einen kon­flikt­be­la­de­nen Men­schen hin­ein­ver­set­zen wol­len. Den­noch gibt es ein gewis­ses Ver­ständ­nis für „das ver­lo­re­nen Men­schen­kind“.

Wei­ter­füh­ren­de Infor­ma­tio­nen zur Stadt- und Schul­bü­che­rei erhal­ten Sie unter buecherei.gunzenhausen.de, per Tele­fon unter 09831/508 320 oder per E‑Mail an buecherei@gunzenhausen.de.

Bild­un­ter­schrift: Ein Heim­spiel für Tho­mas Medi­cus: Die Vor­stel­lung sei­ner Klaus-Mann-Bio­gra­fie in der Stadt- und Schul­bü­che­rei Gun­zen­hau­sen. Hier mit den Ver­an­stal­te­rin­nen Mel­e­na Ren­ner und Bet­ti­na Balz. Foto: Stadt Gunzenhausen/Babett Gut­h­mann