Der Erinnerung einen festen Platz geben – Steintafel am jüdischen Friedhof Gunzenhausen erinnert an die Familie Bermann

von | 21. Mai 2024 | Altmühlfranken, Gunzenhausen

Gun­zen­hau­sen (red). Wenn Leben grund­los und will­kür­lich aus­ge­löscht wird, dann bleibt vor allem Sprach­lo­sig­keit und unend­li­che Lee­re. Die Schre­cken des Natio­nal­so­zia­lis­mus mach­ten vor der Stadt Gun­zen­hau­sen nicht Halt. Das Regime schlug auch in der mit­tel­frän­ki­schen Pro­vinz mit Gewalt und Rück­sichts­lo­sig­keit zu. Leb­ten 1933 noch 184 Juden in der Alt­mühl­stadt, ver­lie­ßen 1939 die letz­ten jüdi­schen Ein­woh­ner Gun­zen­hau­sen. Das Leben vie­ler Ver­trie­be­ner ver­lief tra­gisch, häu­fig war das Ende des Schick­sals der Holo­caust.

Der Gun­zen­häu­ser Stadt­ar­chi­var Wer­ner Mühl­h­äu­ßer forscht seit Jahr­zehn­ten zur Geschich­te der jüdi­schen Kul­tus­ge­mein­de von Gun­zen­hau­sen. Tei­le sei­ner Erkennt­nis­se flos­sen in das inter­na­tio­nal beach­te­te Home­page­pro­jekt „Jüdi­sches Leben in Gun­zen­hau­sen“ (www.jl-gunzenhausen.de) und in eine begeh­ba­re Aus­stel­lung zur jüdi­schen Kul­tus­ge­mein­de, wel­che regel­mä­ßig im Taha­ra­haus besich­tigt wer­den kann (Ter­mi­ne unter www.gunzenhausen.info).

Mit dem Taha­ra­haus und dem angren­zen­den jüdi­schen Fried­hof ver­fügt Gun­zen­hau­sen über zwei wich­ti­ge Orte der Erin­ne­rung. Regel­mä­ßig besu­chen Nach­kom­men ehe­ma­li­ger jüdi­scher Bür­ge­rin­nen und Bür­ger Gun­zen­hau­sen. Hier tref­fen sie auf die Ver­gan­gen­heit und einen Ort, an dem ihre Vor­fah­ren leb­ten, wirk­ten und arbei­ten. Gemein­sam mit Ver­tre­tern der Stadt, u.a. im Rah­men der Deutsch-Jüdi­schen Dia­log­grup­pe Gun­zen­hau­sen, arbei­ten sie an einer Zukunft, in der sich Ver­gan­gen­heit nicht wie­der­ho­len darf. So auch der Ame­ri­ka­ner Leigh Firn, ein Nach­kom­me der Fami­lie Ber­mann. Er ließ vor kur­zem im jüdi­schen Fried­hof eine Gedenk­ta­fel anbrin­gen, auf der die Namen sei­ner Vor­fah­ren zu lesen sind.

Leigh Firn ist ein Enkel Sophia Ber­manns, die 1942 ins Ghet­to Pia­ski depor­tiert und spä­ter ver­mut­lich ermor­det wur­de. Ursprüng­lich stam­men die Ber­manns aus Markt Berolz­heim, erst in der zwei­ten Hälf­te des 19. Jahr­hun­derts ver­leg­ten die Tuch‑, Schnitt- und Leder­wa­ren­händ­ler Neh­emia und Karo­li­na Ber­mann ihren Lebens­mit­tel­punkt nach Gun­zen­hau­sen. Sohn Bern­hard bau­te spä­ter ein Wohn­haus in der Auer­gas­se 3, das gleich­zei­tig als Geschäfts­ein­heit dien­te. Bis zum Abbruch im Jahr 1880 befand sich am glei­chen Ort übri­gens die zwei­te, heu­te bekann­te Syn­ago­ge Gun­zen­hau­sens.

Unter Füh­rung des geschäfts­tüch­ti­gen Soh­nes wuchs das Fami­li­en­un­ter­neh­men und bereits 1902 wur­de im Anwe­sen Markt­platz 22 die Eröff­nung des „Schuh­wa­ren-Hau­ses“ gefei­ert. Zehn Jah­re spä­ter wur­de der Laden in die Ger­ber­stra­ße 8 ver­legt, dazu die bis­he­ri­ge Bäcke­rei zu einem „gro­ßen, moder­nen Laden“ umge­baut, wie es in einem zeit­ge­nös­si­schen Pres­se­be­richt nach­zu­le­sen ist. Bis zur Ver­trei­bung durch die Nazis im Jahr 1935 arbei­te­ten und leb­ten die Ber­manns in Gun­zen­hau­sen, ihr Schuh- und Leder­wa­ren­ge­schäft war weit über die Gren­zen der Alt­mühl­stadt hin­aus bekannt.

Zwi­schen 1879 und 1893 wur­den Bern­hard Ber­mann von Ehe­frau Johan­na acht Kin­der geschenkt. Wäh­rend der jüngs­te Sohn Josef bereits 1890 im Alter von nur sechs Mona­ten starb, wur­de der ältes­te Sohn David 1902 wäh­rend einer Geschäfts­rei­se ermor­det. Der zweit­äl­tes­te Sohn Vik­tor fiel im Ers­ten Welt­krieg. Die Spu­ren von Sohn Sig­mund und der bei­den Töch­ter Ida und Sophia ver­lie­ren sich im jüdi­schen Ghet­to Pia­ski, mög­li­cher­wei­se wur­den die drei Ver­folg­ten ins Ver­nich­tungs­la­ger Bel­zec gebracht. Den bei­den Töch­tern Lina und Kla­ra gelang die Flucht in die USA.

Der ame­ri­ka­ni­sche Staats­bür­ger Leigh Firn ist ein Enkel von Sophia Ber­mann. Die Gun­zen­häu­se­rin hei­ra­te­te 1906 den Vieh­händ­ler Leo­pold Firn­ba­cher und leb­te mit ihm bis zur Zwangs­um­sied­lung nach Mün­chen in Regens­burg. Die vor kur­zem im jüdi­schen Fried­hof ange­brach­ten Gedenk­ta­fel erin­nert an das Ehe­paar Bern­hard und Johan­na sowie an deren Kin­der. Die bei­den geflo­he­nen Töch­ter Lina und Kla­ra fin­den sich auch dar­auf.

Die Gun­zen­häu­ser Stein­metz­werk­statt Roll hat die Tafel ange­fer­tigt, die Anbrin­gung wur­de durch den Fried­hofs­re­fe­ren­ten beim baye­ri­schen Lan­des­ver­band der Israe­li­ti­schen Kul­tus­ge­mein­de in Mün­chen geneh­migt. Künf­tig wird Stadt­füh­re­rin Elke Har­tung die Lebens­ge­schich­te der Fami­lie Ber­manns im Rah­men von Füh­run­gen zur jüdi­schen Kul­tus­ge­mein­de nach­er­zäh­len. Die Erin­ne­rung an die jüdi­sche Fami­lie Ber­mann wird am Leben gehal­ten und als War­nung an die Nach­fol­ge­ge­nera­tio­nen wei­ter­erzählt.

Wei­ter­füh­ren­de Infor­ma­tio­nen zum jüdi­schen Leben in Gun­zen­hau­sen erhal­ten Sie unter www.jl-gunzenhausen.de.

Bild­un­ter­schrft: Der Gun­zen­häu­ser Stadt­ar­chi­var Wer­ner Mühl­h­äu­ßer forscht seit vie­len Jah­ren zur Geschich­te der jüdi­schen Kul­tus­ge­mein­de von Gun­zen­hau­sen. Hier steht er an der Gedenk­ta­fel für die Fami­lie Ber­mann. Foto: Stadt Gunzenhausen/ Manu­el Gros­ser

 

Das Bild zeigt aus­schnitts­wei­se den jüdi­schen Fried­hof in Gun­zen­hau­sen. Foto: Stadt Gunzenhausen/ Manu­el Gros­ser