Der Graf von Monte Christo – adrenalingetränktes Bühnenfeuerwerk

von | 13. November 2023 | Altmühlfranken, Gunzenhausen

Gun­zen­hau­sen (red). Alex­and­re Dumas sagen­haf­ter Anti­held „Der Graf von Mon­te Chris­to“ wäre im 20. oder 21. Jahr­hun­dert sicher irgend­ei­ne aus­tausch­ba­re Figur im Mar­vel- oder DC-Comic­uni­ver­sum. Zu phan­tas­tisch ist sei­ne Super­schur­ken­ge­schich­te, zu tra­gisch sein per­sön­li­cher Epiha­nie­mo­ment am Ende. Der Roman erschien aller­dings Mit­te des 19. Jahr­hun­dert, die Erwar­tungs­hal­tung an ein Aben­teu­er war noch eine ganz ande­re, höhe­punk­tär­me­re. Dann die­ser Titel: „Graf“ – spä­tes­tens Bram Sto­kers rund 50 Jah­re spä­ter erschie­ne­ner Roman „Dra­cu­la“ web­te eine Aura des Unheim­li­chen um die­sen Adels­ti­tel. Dumas bas­tel­te mit sei­nem Roman eine lite­ra­ri­sche Scha­blo­ne oder For­mel, die oft kopiert und bis heu­te über alle mög­li­chen Plots dar­über­ge­stülpt wird. Das Leben sei­nes Gra­fen ver­läuft tra­gisch. Die­ser fällt einer grau­si­gen Intri­ge zum Opfer, geht für 14 Jah­re in den Ker­ker und bricht — vom Wahn­sinn gezeich­net — inner­lich. Nach einer uner­war­te­ten Flucht an deren Ende gro­ßer Reich­tum war­tet, schwebt er als Rache­en­gel durch die fran­zö­si­sche High Socie­ty, nur um sich am Ende dann doch geläu­tert zu zei­gen und von den eige­nen Dämo­nen besiegt zu wer­den. Es steckt viel drin in die­sem „Der Graf von Mon­te Chris­to“ und es ist ein sehr anspruchs­vol­les Unter­fan­gen, die­se macht­vol­le Geschich­te für die Thea­ter­büh­ne zu adap­tie­ren. Das thea­ter­lust-Ensem­ble hat es gewagt und ent­facht bei Auf­füh­run­gen des Stücks ein adre­na­lin­ge­tränk­tes Büh­nen­feu­er­werk. Letz­ten Sams­tag wur­de das Werk in der Gun­zen­häu­ser Stadt­hal­le gezeigt.

Thea­ter­spie­len kann rich­tig har­te Arbeit sein. Das Publi­kum wuss­te das bereits vor dem Beginn, denn die Büh­ne war voll­ge­packt mit aller­lei Requi­si­ten. Offe­ne Büh­nen­ele­men­te, Trep­pen, Tra­ver­sen, im Hin­ter­grund hin­gen gro­ße Blech­strei­fen – viel Metall und gro­be Optik, wir bli­cken tief in das gefühl­lo­se Herz der Geschich­te rund um den See­mann Edmond Dan­tés. Das Stück star­tet die­sem Stil gerecht mit har­ten Klän­gen einer E‑Gitarre, das Ensem­ble reiht sich auf der Büh­ne auf. Von Beginn an herrscht Ein­sam­keit und emo­tio­na­le Käl­te, selbst die ein­ge­streu­te Lie­bes­ge­schich­te um Dan­tés und Mer­ce­des bringt kei­ne Lin­de­rung. Der gefal­le­ne und wie­der auf­ge­stan­den Graf ist eine Maschi­ne, er funk­tio­niert selbst unter größ­ter Last, sein Treib­stoff ist die Rache. Sarah Sil­ber­manns Thea­ter­ad­ap­ti­on vom „Gra­fen“ ist ste­ril und hilft dabei, sich auf den Kern der Hand­lung zu kon­zen­trie­ren. Das Außen­rum oder gar Ein­bli­cke in die fran­zö­si­sche Upper-Class des 19. Jahr­hun­derts wer­den tun­lichst ver­mie­den, hier wird sich auf das Wesent­li­che kon­zen­triert.

Die Falsch­heit ist der Gesell­schaft imma­nent, wirk­lich gute Men­schen gibt es nicht, selbst wenn am Ende die schö­ne Valen­ti­ne und der nai­ve Maxi­mi­li­en in typisch-tra­gi­scher Manier zusam­men­fin­den. Wer das nun ist, fra­gen Sie sich? Zeit­wei­se war es tat­säch­lich schwie­rig zu fol­gen, mach­ten es einem die vie­len fran­zö­si­schen Namen alles ande­re als leicht. Wohl dem, der die Vor­la­ge kennt (oder zumin­dest vor­her einen Blick in das Pro­gramm­heft wer­fen konn­te, Figu­ren­be­zie­hun­gen inklu­si­ve). Ruht der lite­ra­ri­sche Geist sonst eher in einer indi­vi­du­el­len Beschäf­ti­gung mit der Roman­vor­la­ge, wird im Thea­ter Inhalt nach nicht beein­fluss­ba­rem Tem­po sug­ge­riert. Dass die sie­ben Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­ler stän­dig von einer Rol­le in die ande­re wech­seln, oft nur erkenn­bar durch ein ande­res Klei­dungs­stück, macht es nicht leich­ter. Und doch gelingt es den künst­li­chen Figu­ren, das Publi­kum magisch in den Bann zu zie­hen und mit­zu­rei­ßen.

Johan­nes Schöns Meta­mor­pho­se vom aus­ge­zehr­ten Delin­quen­ten Edmond Dan­tès zum vita­len Super­schur­ken Graf von Mon­te Chris­to sucht auf der Büh­nen­land­schaft Ver­gleich­ba­res. Sei­ne Wut auf die Welt ist kör­per­lich spür­bar, er bestimmt das Tem­po der Hand­lung in ein­drück­li­cher Art und Wei­se. Es ent­wi­ckelt sich ein regel­rech­ter Sog, von dem selbst außer­ge­wöhn­li­che Schau­spie­le­rin­nen wie Anja Kla­wun oder Pia Kolb ver­schlun­gen wer­den. Als es ihm wie Schup­pen von den Augen fällt und er sei­ne Fein­de erkennt — sein ganz per­sön­li­ches Cui Bono-Erwe­ckungs­er­leb­nis — hielt die Stadt­hal­le den Atem an. Ein furcht­ein­flö­ßen­der Gesichts­aus­druck, dazu das wil­de Gega­cker schein­bar wahn­sin­nig gewor­de­ner Mit­spie­le­rin­nen und Mit­spie­ler – kurz­zei­tig wird der Plot auf­ge­bro­chen und alle Regel­mä­ßig­kei­ten flie­gen über Bord. Das führt gar dazu, dass plötz­lich der Musi­ker – sonst hin­ter den Kulis­sen — mit­ten auf der Büh­ne steht und Teil des Gan­zen wird. Das ist gro­ßes Thea­ter­ki­no, vie­len Dank dafür.

Zuge­ge­ben, teils ver­stö­ren­de Sze­nen trü­ben das Bild ein wenig. Schock ist gut, doch zu viel davon bewirkt lei­der das Gegen­teil. Unver­ständ­lich, war­um „im Hin­ter­grund“ an Haa­ren geschnüf­felt oder eine Baby­pup­pe wild durch­ge­schüt­telt wird. Die Insze­nie­rung ist exzel­lent, da sind solch plum­pe Aktio­nen gar nicht nötig.

Immer wie­der spitzt ein „Vier­ter Wand“-Effekt um die Ecke. So fan­gen plötz­lich und aus kei­ner gro­ßen Moti­va­ti­on her­aus alle­samt das tan­zen und sin­gen an. Viel­leicht ein Ver­weis auf den Grund­te­nor der Vor­la­ge: Bruch mit den Kon­ven­tio­nen und dass nicht immer alles rich­tig sein muss, was gerecht erscheint. So wird der Gerich­te­te zum Rich­ter um am Ende doch zu fal­len und geläu­tert zu sein.

Die Auf­füh­rung war Teil der Gun­zen­häu­ser Thea­ter­spiel­zeit 2023/2024. Wei­ter geht es bereits am 16. Dezem­ber 2023 mit der Komö­die „Drei Män­ner und ein Baby“. Nähe­re Infor­ma­tio­nen erhal­ten Sie auf der Home­page www.gunzenhausen.info.

Bild­un­ter­schrift:  Johan­nes Schön begeis­ter­te als Graf von Mon­te Chris­to. Hier zieht er die Schau­spie­le­rin Anja Kla­wun in sei­nen Bann. Foto: Stadt Gun­zen­hau­sen