Die Dorfkneipe wird unterschätzt

von | 15. April 2026 | Allgemein, Altmühlfranken, Weißenburg

Wei­ßen­burg — Im Rah­men des von der Bun­des­zen­tra­le für poli­ti­sche Bil­dung geför­der­ten Pro­jekts Land.schafft.Demokratie war der Sozio­lo­ge und Autor Rai­nald Man­the zu Gast in der Wei­ßen­bur­ger Stadt­bi­blio­thek. Der Titel der Ver­an­stal­tung lau­te­te: „Demo­kra­tie fehlt Begeg­nung – Über All­tags­or­te des sozia­len Zusam­men­halts“. Das ist auch der Name sei­nes aktu­el­len Buches. Der Autor ist Sozio­lo­ge und pro­mo­vier­te zu Orten des sozia­len Zusam­men­le­bens. Prak­ti­sche Erfah­run­gen sam­mel­te er bei sei­nen Aus­lands­auf­ent­hal­ten in St. Peters­burg, San Fran­cis­co, Paris und Luzern.

Rai­nald Man­the ver­tritt in sei­nem Werk die The­se, dass es der Demo­kra­tie an Begeg­nung fehlt. Die Welt wird digi­ta­ler und rea­le Tref­fen und Begeg­nun­gen für Men­schen ent­fal­len öfter, z. B. durch das Home­of­fice. Zeit­gleich wer­den öffent­li­che Orte wie Schwimm­bä­der, Jugend­clubs, Biblio­the­ken und Sport­ver­ei­ne, wel­che nied­rig­schwel­lig zugäng­lich sind, weni­ger.

Indi­vi­du­el­le Frei­zeit­ge­stal­tung, digi­ta­le Medi­en und zuletzt die Coro­na­pan­de­mie haben vie­len Begeg­nungs­stät­ten den Rest gege­ben – sowohl in der Stadt als auch auf dem Land. Nicht nur in Deutsch­land, son­dern bei­spiels­wei­se auch in Groß­bri­tan­ni­en, schlie­ßen Knei­pen und Pubs und gehen als Orte der Begeg­nung ver­lo­ren. Aber Demo­kra­tie braucht Räu­me des Zusam­men­tref­fens, damit sie dau­er­haft funk­tio­niert. Wen jeder daheim in sei­ner eige­nen Welt vor sich hin lebt und die ein­zi­ge Außen­kom­mu­ni­ka­ti­on nur mit­hil­fe des Inter­nets statt­fin­det, kann das nicht funk­tio­nie­ren. Zumal die Algo­rith­men auf Social Media Platt­for­men nicht dazu bei­tra­gen, auch ande­re Mei­nun­gen anzu­zei­gen und Inter­es­sen zu fin­den. Men­schen umge­ben sich mehr mit Leu­ten, wel­che ähn­li­che Ansich­ten haben und leben somit in ihrer eige­nen „Bla­se“. Es feh­len Orte, an denen sich Men­schen mit unter­schied­li­chen Mei­nun­gen tref­fen, wie z. B. einer Dorf­knei­pe, die oft unter­schätzt wird.

Es feh­len nied­rig­schwel­li­ge Ange­bo­te, die nicht mit lan­gen Fahrt­we­gen erreich­bar sind. Hier soll­te mehr in Orten und Städ­ten getan und umge­setzt wer­den. Skan­di­na­vi­en ist da-bei ein gutes Bei­spiel. Oder auch Stadt­bi­blio­the­ken als „Drit­te Orte der Begeg­nung“.
In der anschlie­ßen­den Dis­kus­si­ons­run­de wur­den noch vie­le kon­kre­te Fra­gen gestellt und beant­wor­tet. Eine Fra­ge war, war­um der Regie­rung wenig zuge­traut wird und sich Men-schen so sehr über die Poli­tik ärgern. Die Ant­wort dar­auf, wel­che auch mit Zah­len belegt wur­de: Es fehlt ver­trau­en. Die Men­schen ver­trau­en dem Stadt­rat mehr als dem Land­tag, dem Land­tag mehr als der Regie­rung. Sie ver­trau­en den Leu­ten mehr, die sie ken­nen!

Ein Satz war Rai­nald Man­the beson­ders wich­tig: „Nur durch die Wahr­neh­mung von Diver-sität, durch die Bil­dung sozia­ler Bezie­hun­gen und durch gemein­sa­me Akti­vi­tä­ten ent­steht die unver­zicht­ba­re Basis, auf der moder­ne, viel­fäl­ti­ge Demo­kra­tien funk­tio­nie­ren und sich den gro­ßen Trans­for­ma­tio­nen unse­rer Zeit stel­len kön­nen!“

Foto: Stadt Wei­ßen­burg