Die zentralen Stellschrauben zur Entzauberung der AfD

von | 7. September 2026 | Allgemein, Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Gun­zen­hau­sen — Den eta­blier­ten Par­tei­en wird immer wie­der emp­foh­len, sich stär­ker um die kon­kre­ten Pro­ble­me der Men­schen zu küm­mern: Sozi­al­leis­tun­gen, Ein­kom­mens­ver­tei­lung, Arbeits­plät­ze, Struk­tur­pro­ble­me abge­häng­ter Regio­nen, Kli­ma­wan­del, Steu­er­ge­rech­tig­keit oder die Situa­ti­on Allein­er­zie­hen­der. Zwei­fel­los sind dies wich­ti­ge The­men. Wer sie bes­ser löst, so die Hoff­nung, kann der AfD den poli­ti­schen Boden ent­zie­hen. Das greift jedoch zu kurz. Es gibt tie­fer­lie­gen­de Stell­schrau­ben die Men­schen ver­un­si­chern, das Ver­trau­en in Poli­tik schwä­chen und damit poli­ti­sche Radi­ka­li­sie­rung begüns­ti­gen. Sie wer­den in der öffent­li­chen Dis­kus­si­on bis­lang zu wenig beach­tet.

1. Eine immer kom­ple­xe­re Welt
Finanz­sys­te­me, Digi­ta­li­sie­rung, künst­li­che Intel­li­genz, glo­ba­le Märk­te und inter­na­tio­na­le Macht­struk­tu­ren sind für den Ein­zel­nen kaum noch durch­schau­bar. Was wir nicht ver­ste­hen, kön­nen wir schwer ein­schät­zen – und was wir nicht ein­schät­zen kön­nen, macht uns leicht Angst.
Des­halb braucht es glaub­wür­di­ge und unab­hän­gi­ge Exper­ten, die kom­ple­xe Ent­wick­lun­gen ver­ständ­lich erklä­ren und Ori­en­tie­rung geben. Man muss nicht alles ver­ste­hen aber es braucht eine Art Grund­ver­trau­en, dass die Din­ge am Ende gut wer­den.

2. Der Ver­lust natio­na­ler Hand­lungs­mög­lich­kei­ten
Immer mehr ent­schei­den­de Fra­gen über­schrei­ten natio­na­le Gren­zen: Sicher­heit, Han­del, Tech­no­lo­gie, Migra­ti­on, Infor­ma­ti­on und künst­li­che Intel­li­genz las­sen sich allein natio­nal kaum noch steu­ern. Dar­aus ent­ste­hen Kon­troll­ver­lust und der Wunsch nach den ver­trau­ten Gren­zen der Ver­gan­gen­heit. Die Ant­wort kann jedoch nicht die Rück­kehr zu einer Welt sein, die es so nicht mehr gibt. Viel­mehr müs­sen ver­lo­ren­ge­hen­de natio­na­le Hand­lungs­mög­lich­kei­ten dort gebün­delt wer­den, wo sie künf­tig wirk­sam aus­ge­übt wer­den kön­nen – ins­be­son­de­re auf euro­päi­scher Ebe­ne. Euro­pa hat das Zeug dazu inter­na­tio­nal in der „Cham­pi­ons Liga“ zu
spie­len und damit natio­na­len Kon­troll­ver­lust aus­zu­glei­chen.

3. Die Unfä­hig­keit, ande­re Mei­nun­gen aus­zu­hal­ten
Selbst­be­wuss­te Bür­ger sind für eine Demo­kra­tie unver­zicht­bar. Selbst­be­wusst­sein kann jedoch in die Über­zeu­gung umschla­gen, allein im Besitz der Wahr­heit zu sein. Aus „Ich hal­te das für rich­tig“ wird dann schnell „Wer anders denkt, liegt falsch“ und schließ­lich „Wer anders denkt, muss bekämpft wer­den“. Die­se Ent­wick­lung wird durch die sozia­len Medi­en immens geför­dert, weil vie­le in ihrer Bla­se hän­gen blei­ben und sich in ihrer Mei­nung stän­dig bestä­tigt füh­len. Mehr Tole­ranz, Selbst­kri­tik und die Bereit­schaft, die eige­ne Posi­ti­on mit ande­ren Argu­men­ten zu kon­fron­tie­ren, sind des­halb unver­zicht­bar. Der Ton der poli­ti­schen Dis­kus­si­on in Deutsch­land muss wie­der mehr von Anstand, Höf­lich­keit und Fak­ten­ana­ly­se geprägt wer­den.

4. Das Feh­len gemein­sa­mer Ori­en­tie­rung
Frü­her ver­mit­tel­ten Insti­tu­tio­nen wie die Kir­che vie­len Men­schen Ori­en­tie­rung und ein Gefühl gemein­sa­mer Zuge­hö­rig­keit. Eine ver­gleich­bar breit akzep­tier­te Instanz fehlt heu­te weit­ge­hend. Bun­des­prä­si­dent oder Bun­des­ver­fas­sungs­ge­richt könn­ten zumin­dest teil­wei­se eine sol­che Rol­le über­neh­men: nicht als poli­ti­sche Ent­schei­der, son­dern als glaub­wür­di­ge Stim­men für
demo­kra­ti­sche Grund­wer­te, Zusam­men­halt und Zuver­sicht. Zudem gilt in den Medi­en häu­fig: Das Nega­ti­ve ist inter­es­san­ter als das Posi­ti­ve. Kon­flikt erzeugt mehr Auf­merk­sam­keit als Gemein­sam­keit. Dadurch ent­steht ein ver­zerr­tes Bild der gesell­schaft­li­chen Wirk­lich­keit. Das Posi­ti­ve kommt kaum zur Gel­tung und Erfol­ge ein­zel­ner wer­den eher benei­det anstatt sie als Vor­la­ge für eige­nes Bestre­ben zu neh­men.

5. Über­höh­te Erwar­tun­gen an den Staat
Zugleich wächst die Erwar­tung, der Staat müs­se mög­lichst jedes indi­vi­du­el­le Pro­blem lösen. Über­spitzt gesagt: Wenn der Kel­ler unter Was­ser steht, soll am bes­ten der Bun­des­kanz­le per­sön­lich kom­men und den Scha­den erset­zen. Der Staat kann und soll vie­les leis­ten. Er kann aber nicht zum Ver­si­che­rer gegen sämt­li­che Wid­rig­kei­ten des Lebens wer­den. Eine demo­kra­ti­sche Gesell­schaft braucht des­halb auch eine rea­lis­ti­sche Vor­stel­lung davon, was der Staat leis­ten kann – und was Bür­ger und Gesell­schaft selbst leis­ten müs­sen. Über­trie­be­ne — büro­kra­ti­sche – Schutz­vor­schrif­ten und unbe­zahl­ba­re Sozi­al­leis­tun­gen sind ansons­ten die natür­li­che Fol­ge einer sol­chen Denk­wei­se. Auch und gera­de die klas­si­schen Medi­en beför­dern die ste­te Stei­ge­rung der Erwar­tun­gen an den Staat nach dem Mot­to hier ist der Gesetz­ge­ber gefor­dert bzw. die­se Unge­rech­tig­keit muss sofort
abge­schafft wer­den.

6. Die sozia­len Medi­en als nega­ti­ve Ver­stär­ker
Sozia­le Medi­en beloh­nen Auf­merk­sam­keit – und Auf­merk­sam­keit ent­steht beson­ders leicht durch Empö­rung, Angst und Kon­flikt. Dadurch kön­nen sie Pola­ri­sie­rung erheb­lich ver­stär­ken. Umso wich­ti­ger ist Medi­en­kom­pe­tenz: Men­schen müs­sen ler­nen, Infor­ma­tio­nen ein­zu­ord­nen, Mani­pu­la­ti­on zu erken­nen und zwi­schen Mei­nung, Behaup­tung und Tat­sa­che zu unter­schei­den. Eine zu hohe und unre­flek­tier­te Nut­zung der sozia­len Medi­en kann — wie ers­te Unter­su­chun­gen zei­gen — bei jun­gen Men­schen evtl. sogar zu einem Absen­ken des Intel­li­genz­quo­ti­en­ten (IQ) füh­ren.

7. Das Gefühl, dass Min­der­hei­ten wich­ti­ger genom­men wer­den
Wenn bestimm­te Min­der­hei­ten­the­men sehr viel öffent­li­che Auf­merk­sam­keit erhal­ten, wäh­rend die all­täg­li­chen Sor­gen der Mehr­heit kaum vor­kom­men, kann das Gefühl ent­ste­hen „Wo blei­be eigent­lich ich, als Nor­mal­men­sch“ Das bedeu­tet nicht, dass Min­der­hei­ten­pro­ble­me unwich­tig wären. Aber demo­kra­ti­sche Poli­tik muss dar­auf ach­ten, dass sich auch die Mehr­heit mit ihren all­täg­li­chen Sor­gen gese­hen und ernst genom­men fühlt.

8. Wenn eine eher rechts­den­ken­de Mehr­heit eine eher lin­ke Poli­tik erlebt
Beson­ders pro­ble­ma­tisch ist schließ­lich der Ein­druck vie­ler Bür­ger, dass zwi­schen ihrer eige­nen poli­ti­schen Grund­hal­tung und der tat­säch­lich betrie­be­nen Poli­tik eine wach­sen­de Lücke besteht. Ein erheb­li­cher Teil der Bevöl­ke­rung ver­steht sich – gemes­sen an den klas­si­schen poli­ti­schen Koor­di­na­ten – eher als kon­ser­va­tiv oder rechts der poli­ti­schen Mit­te. Gleich­zei­tig ent­steht bei vie­len der Ein­druck, dass poli­ti­sche Ent­schei­dun­gen und der öffent­li­che Dis­kurs zuneh­mend von eher lin­ken Posi­tio­nen geprägt wer­den. Eine mehr­heit­lich eher rechts oder kon­ser­va­tiv den­ken­de Bevöl­ke­rung erlebt dann eine Poli­tik, die sie als zuneh­mend links emp­fin­det.
Ob die­se Wahr­neh­mung in jedem ein­zel­nen Poli­tik­feld objek­tiv zutrifft, ist eine ande­re Fra­ge. Poli­tisch fol­gen­reich ist jedoch bereits die Wahr­neh­mung selbst. Denn wer dau­er­haft das Gefühl hat, dass sei­ne poli­ti­schen Vor­stel­lun­gen, die auch von einer Mehr­heit getra­gen wer­den, nicht nur nicht umge­setzt, son­dern teil­wei­se sogar mora­lisch abge­wer­tet wer­den kann das Ver­trau­en in die demo­kra­ti­sche Mit­te ver­lie­ren. Eine Demo­kra­tie muss des­halb auch kon­ser­va­ti­ve und rech­te — nicht rechts­ra­di­ka­le -
Posi­tio­nen offen und seri­ös dis­ku­tie­ren kön­nen.

Die eigent­li­che Her­aus­for­de­rung
Poli­ti­sche Radi­ka­li­sie­rung lässt sich des­halb nicht allein durch bes­se­re Sozi­al­po­li­tik, höhe­re Löh­ne oder neue Infra­struk­tur bekämp­fen. Die­se Din­ge sind wich­tig, aber sie lösen nicht das tie­fer­lie­gen­de Pro­blem. Vie­le Men­schen ver­lie­ren zuneh­mend das Gefühl, ihre Welt zu ver­ste­hen, ihre Zukunft beein­flus­sen zu kön­nen und mit ihren Vor­stel­lun­gen poli­tisch gehört zu wer­den.
Aus Kom­ple­xi­tät wird Unsi­cher­heit, aus Unsi­cher­heit Angst, aus Angst Miss­trau­en – und aus Miss­trau­en kann Radi­ka­li­sie­rung ent­ste­hen. Des­halb brau­chen wir neben guter Sach­po­li­tik vor allem Ori­en­tie­rung, Ver­trau­en, poli­ti­sche Reprä­sen­ta­ti­on, Tole­ranz und das Gefühl gemein­sa­mer Hand­lungs­fä­hig­keit. Die ent­schei­den­de Auf­ga­be der Poli­tik besteht somit nicht dar­in, den Men­schen eine per­fek­te Welt zu ver­spre­chen. Sie muss ihnen viel­mehr ver­mit­teln, dass sie auch in einer immer kom­ple­xe­ren Welt ver­stan­den wer­den, mit­ge­stal­ten kön­nen und eine gemein­sa­me men­schen­wür­di­ge Zukunft haben. Das sind die eigent­li­chen Stell­schrau­ben der heu­ti­gen Zeit.

Foto: Dr. Ingo Fried­rich