Ergreifend und berührend – Das Gunzenhauser Erzählfest 2023 ist offiziell eröffnet

von | 18. Oktober 2023 | Altmühlfranken, Gunzenhausen

Gun­zen­hau­sen (red). Ein nach­denk­li­cher Blick, die Stim­me stockt, in den Augen­win­keln sam­melt sich Feuch­tig­keit – selbst wenn es ihr manch­mal augen­schein­lich schwer­fällt, Patri­cia Lit­ten hat viel zu erzäh­len. Über ihre Fami­lie und von einer grau­sa­men Zeit, in der Mut­ter­lie­be und Hoff­nung an einem Ter­ror­re­gime zer­bricht. Das Drit­te Reich war eine schreck­li­che Zeit, ein Ort, an dem Mensch­lich­keit kei­nen Platz hat­te und ihr Onkel Hans Lit­ten nach Jah­ren kör­per­li­cher und see­li­scher Miss­hand­lung den Tod fand. Patri­cia Lit­tens Groß­mutter Irm­gard schrieb die Lei­dens­ge­schich­te ihres Sohns in ein­drück­li­chen Wor­ten nie­der – 1940 erschien die­se Geschich­te vol­ler Wut, Ver­zweif­lung aber auch Hoff­nung in Lon­don unter dem Titel „A mother fights Hit­ler“. Auf Ein­la­dung liest Patri­cia Lit­ten aus die­sem Buch, das als „Eine Mut­ter kämpft gegen Hit­ler“ auch im deutsch­spra­chi­gen Raum erschien. Gegen das Ver­ges­sen und um vor den Schre­cken des Ter­rors zu war­nen. Nun war die Schau­spie­le­rin in Gun­zen­hau­sen zu Gast, ihre emo­tio­na­le Lesung berühr­te das Publi­kum zu Trä­nen. Die Ver­an­stal­tung war die offi­zi­el­le Eröff­nungs­ver­an­stal­tung des dies­jäh­ri­gen Gun­zen­häu­ser Erzähl­fests, wel­ches gemein­sam von der Kul­tur­ma­che­rei und der Stadt ver­an­stal­tet wird.

Wenn die Welt aus den Fugen gerät, braucht es star­ke Men­schen, die sich klar posi­tio­nie­ren und für Huma­ni­tät ein­set­zen. Die aus Film und Fern­se­hen (u.a. Tat­ort) bekann­te Patri­cia Lit­ten ist sicht­lich ergrif­fen, als sie die Lei­dens­ge­schich­te ihres Onkels erzählt. Als jun­ger Straf­ver­tei­di­ger nahm er 1931 Adolf Hit­ler juris­tisch in die Man­gel und unter­zeich­ne­te damit unbe­wusst sein Todes­ur­teil. In der Nacht des Reichs­tags­brands wur­de er ver­haf­tet und auf Geheiß des spä­te­ren Dik­ta­tors auf eine jah­re­lan­ge Rei­se des Schre­ckens geschickt. Als er Anfang Febru­ar 1938 in Dach­au Selbst­mord beging, war sein Kör­per längst von Fol­ter und Miss­hand­lung gezeich­net.

Irm­gard Lit­ten hat­te nie auf­ge­hört für ihren Sohn zu kämp­fen, sie besuch­te ihn im Gefäng­nis und in meh­re­ren Kon­zen­tra­ti­ons­la­gern, sie schrieb Brie­fe und klap­per­te die Pro­mi­nenz ab, um für sei­ne Frei­las­sung zu bit­ten. Ohne Erfolg, Hit­ler hat­te sich per­sön­lich bis zuletzt gegen Lit­ten posi­tio­niert. Nach und nach zer­brach die See­le Han­sens, nicht nur an den Demü­ti­gun­gen und Schlä­gen, son­dern auch am Auf­stieg des brau­nen Regimes.

Irm­gard Lit­ten ver­ließ noch 1938 das Deut­sche Reich und fand über die Schweiz und Frank­reich schließ­lich in Eng­land eine neue Hei­mat. Die Lei­dens­ge­schich­te um ihren Sohn Hans schrieb sie sich in der Emi­gra­ti­on von der See­le, spä­ter wur­de sie Mit­ar­bei­te­rin des Minis­try of Infor­ma­ti­on und die deut­sche Stim­me der BBC. Ihre Enke­lin Patri­cia spricht von einer stol­zen und gerech­ten Frau, die jedoch nach und nach den Glau­ben an die Mensch­lich­keit ver­lor. Bis zuletzt setzt sie sich für Gleich­heit und Recht ein, Recht, das zu jeder Zeit den Schwa­chen gehört – die Star­ken brau­chen es nicht, um sich zu behaup­ten.

Gebannt waren die Zuhö­re­rin­nen und Zuhö­rer von Patri­cia Lit­tens Aus­füh­run­gen. In den Sprech­pau­sen leg­te sich Stil­le wie ein Zelt vol­ler knis­tern­der Emo­tio­nen über den Mark­gra­fen­saal. An den Lip­pen hän­gend, war die Hoff­nung auf ein Hap­py End ver­ge­bens. Die Fra­ge nach dem War­um blieb frei­lich unbe­ant­wor­tet, die Schau­spie­le­rin kämpf­te wie­der­holt mit den Trä­nen, so als wür­de sie die Geschich­te des Onkels das ers­te Mal hören. Dazu zer­rei­ßen immer wie­der die emo­tio­na­len Cel­lo-Klän­ge Bir­git Sämanns die auf­ge­la­de­ne Atmo­sphä­re, das Schick­sal kann unfair und uner­bitt­lich sein.

Patri­cia Lit­ten möch­te auf­klä­ren und warnt vor den Anfän­gen. Aktu­el­len Ent­wick­lun­gen in Deutsch­land und der Welt blickt sie mit Sor­ge ent­ge­gen. Als Sprach­rohr setzt sie auf Ver­nunft und Mensch­lich­keit, die­ses dunk­le Kapi­tel der deut­schen Geschich­te soll und darf sich nicht wie­der­ho­len.

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Foto: Stadt Gun­zen­hau­sen