Essen für die Tonne: Neue Ansätze zur Erklärung von Lebensmittelverschwendung

von | 15. November 2024 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Eich­stätt (red). Lebens­mit­tel im Super­markt kau­fen, zah­len, zuhau­se ein­räu­men – nur um sie eini­ge Tage spä­ter in den Müll zu wer­fen. Das klingt absurd, ist jedoch All­tag in den meis­ten deut­schen Haus­hal­ten. Jeder von uns schmeißt pro Jahr 79 Kilo­gramm Lebens­mit­tel weg. Von den jähr­lich 11 Mil­lio­nen Ton­nen Lebens­mit­tel­ab­fäl­len in Deutsch­land ent­fal­len damit allein 60 Pro­zent auf pri­va­te Haus­hal­te. Eine Ver­schwen­dung mit Fol­gen für den pri­va­ten Geld­beu­tel und das glo­ba­le Kli­ma. War­um ist ein der­art irra­tio­na­les Ver­hal­ten so ver­brei­tet? Ein Team der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät Eich­stätt-Ingol­stadt (KU) hat den deut­schen Lebens­mit­tel­kon­sum unter­sucht und lie­fert neue Erklä­rungs­an­sät­ze.

Ange­sichts der Kli­ma­kri­se und welt­weit bis zu 783 Mil­lio­nen hun­gern­den Men­schen ist Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung kein rein pri­va­tes Pro­blem. Die mas­sen­haf­te Pro­duk­ti­on von Lebens­mit­teln für die Ton­ne ver­braucht rie­si­ge Flä­chen, wert­vol­les Was­ser und zeich­net für acht bis zehn Pro­zent der welt­wei­ten Treib­haus­gas­emis­sio­nen ver­ant­wort­lich. „Abfall­ver­mei­dung ist akti­ver Res­sour­cen­schutz“, lau­tet ent­spre­chend der Slo­gan der vir­tu­el­len Auf­takt­ver­an­stal­tung zur Euro­päi­schen Woche der Abfall­ver­mei­dung am 18. Novem­ber. Zu Wort kommt dort auch Prof. Dr. Alex­an­der M. Dan­zer, Pro­fes­sor für Volks­wirt­schafts­leh­re an der KU. Er wird einen neu­en Ansatz zur Erklä­rung der Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung durch Pri­vat­per­so­nen prä­sen­tie­ren und mög­li­che Maß­nah­men zu deren Redu­zie­rung dis­ku­tie­ren.

Bis­lang hat die Wis­sen­schaft als Erklä­run­gen für Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung Feh­ler in der Ein­kaufs­pla­nung, man­geln­de Selbst­kon­trol­le beim Ein­kau­fen, fal­sche Lage­rung, die Zube­rei­tung zu gro­ßer Men­gen und ein star­res Fest­hal­ten am Min­dest­halt­bar­keits­da­tum iden­ti­fi­ziert. VWL-Pro­fes­sor Dan­zer räumt ein, dass all die­se Fak­to­ren zur Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung bei­tra­gen, sie aber nicht voll­stän­dig erklä­ren. „Zu all die­sen Punk­ten gibt es mitt­ler­wei­le sehr gute Infor­ma­ti­ons­kam­pa­gnen – und den­noch ging die Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung nicht wesent­lich zurück. Es muss also noch wei­te­re Grün­de dafür geben.“ Gemein­sam mit sei­ner ehe­ma­li­gen wis­sen­schaft­li­chen Mit­ar­bei­te­rin Helen Zeid­ler (mitt­ler­wei­le TU Mün­chen) wid­me­te sich Dan­zer einer ver­hal­tens­öko­no­mi­schen Per­spek­ti­ve.

Aus­gangs­punkt ist die Annah­me, dass es zwei Arten des Den­kens gibt. Wenn wir bewusst über etwas nach­den­ken, zum Bei­spiel einen Ein­kaufs­zet­tel schrei­ben, befin­den wir uns im Modus des lang­sa­men Den­kens. Im All­tag jedoch herrscht schnel­les Den­ken vor, das gesteu­ert ist durch Impul­se und Erfah­rungs­wis­sen. Im Span­nungs­feld von schnel­lem und lang­sa­men Den­ken kommt es zu Ent­schei­dungs­feh­lern – für die Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung rele­vant ist vor allem die Zeit­in­kon­sis­tenz, oder vul­go: das Bre­chen guter Vor­sät­ze. „Vie­le Kon­su­men­ten wol­len sich gesund ernäh­ren. Um das rea­li­sie­ren zu kön­nen, kau­fen sie viel fri­sches Obst, Salat und Gemü­se ein“, erklärt Alex­an­der Dan­zer. „Aber erschöpft nach einem stres­si­gen Arbeits­tag ent­schei­den sich vie­le aus Bequem­lich­keit dann doch für die Tief­kühl­piz­za.“ Obst, Salat und Gemü­se wer­den der­weil im Kühl­schrank immer älter und lan­den schließ­lich in der Ton­ne. Soweit die Theo­rie. Ob die­ses Phä­no­men tat­säch­lich im Kon­text Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung ins Gewicht fällt, unter­such­ten Dan­zer und Zeid­ler 2021 in einer reprä­sen­ta­ti­ven Stu­die mit rund 1300 Teil­neh­men­den.

Zwei Mal mit meh­re­ren Mona­ten Abstand wur­den die Teil­neh­men­den zu ihrem Lebens­mit­tel­kon­sum befragt sowie zu all­ge­mei­nen Ein­stel­lun­gen. Ins­be­son­de­re inter­es­sier­te die For­schen­den, wie stark die Befrag­ten gene­rell von ursprüng­li­chen Vor­sät­zen abwei­chen. Sie stell­ten fest, dass 49 Pro­zent und damit fast die Hälf­te der Deut­schen eine Zeit­in­kon­sis­tenz auf­wei­sen. „Es zeig­te sich auch, dass genau die­se Men­schen sehr viel häu­fi­ger und sehr viel mehr Lebens­mit­tel weg­wer­fen als Leu­te, die weni­ger unter Zeit­in­kon­sis­tenz lei­den“, erklärt Dan­zer.

Das bedeu­tet, dass ein Groß­teil der Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung aus­ge­rech­net durch die Ent­sor­gung gesun­der Lebens­mit­tel ent­steht, da die­se oft leicht ver­derb­lich sind. 57 Pro­zent der Befrag­ten gaben an, in den letz­ten sie­ben Tagen zu Hau­se ver­dor­be­ne Lebens­mit­tel gefun­den zu haben. 24 Pro­zent war­fen Lebens­mit­tel weg, weil das Min­dest­halt­bar­keits­da­tum über­schrit­ten war. Dahin­ter ste­cke kein böser Wil­le, viel­mehr nennt Dan­zer das Phä­no­men der Zeit­in­kon­sis­tenz ganz natür­lich. Helen Zeid­ler betont: „Das Ver­hal­ten des Per­so­nen­krei­ses, der zur Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung neigt, ist eine Kon­se­quenz, die nicht beab­sich­tigt ist.“ Zum Tra­gen kom­me hier eine ten­den­zi­el­le Unge­duld, die heut­zu­ta­ge auf neue Rah­men­be­din­gun­gen trifft: „Frü­her waren es gera­de die unge­sun­den Spei­sen, die in der Zube­rei­tung den größ­ten Auf­wand mach­ten. Doch die heu­ti­ge Ver­füg­bar­keit von vor­pro­du­zier­ten Lebens­mit­teln hat zu einer grund­le­gen­den Ver­än­de­rung im Ver­hal­ten bei­getra­gen.“

Auf der Suche nach einer Lösung für das Pro­blem der Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung grei­fen daher die klas­si­schen Infor­ma­ti­ons­kam­pa­gnen zu kurz. „Die aller­meis­ten unse­rer Befrag­ten wis­sen an sich gut Bescheid, aber es geht um die Über­win­dung der Zeit­in­kon­sis­tenz, also eine grund­le­gen­de Ände­rung in der Ver­hal­tens­struk­tur“, schil­dert Alex­an­der Dan­zer. Er sieht zwei mög­li­che Ansatz­punk­te: Einer­seits könn­te die Poli­tik auf den Markt Ein­fluss neh­men, kon­kret durch Steu­ern und damit höhe­re Prei­se für vor­pro­du­zier­te Spei­sen, die dann poten­zi­ell weni­ger gekauft wür­den, oder aber für gesun­de Lebens­mit­tel, die dann nicht mehr so leicht­fer­tig weg­ge­wor­fen wür­den. „Das ist aber natür­lich sozi­al­po­li­tisch extrem schwie­rig“, räumt der Wirt­schafts­wis­sen­schaft­ler ein. Als ande­re Opti­on sieht Dan­zer eine Ver­bes­se­rung der indi­vi­du­el­len Kon­sum­entschei­dung über Tech­nik. Im Sin­ne des soge­nann­ten „nud­ging“, das auf eine Ver­hal­tens­än­de­rung durch sanf­tes „anstup­sen“ setzt, könn­ten Apps genutzt wer­den: „Wer dann zur Tief­kühl­piz­za greift, wird über die App noch­mal an das Gemü­se im Kühl­schrank und sei­ne Vor­sät­ze erin­nert, um ihm ein schlech­tes Gewis­sen zu machen.“ Um den Erfolg sol­cher Maß­nah­men abse­hen zu kön­nen, sei in jedem Fall wei­te­re evi­denz­ba­sier­te For­schung nötig.

Bild­un­ter­schrift: Prof. Dr. Alex­an­der Dan­zer prä­sen­tiert zum Auf­takt der Euro­päi­schen Woche der Abfall­ver­mei­dung neue Erklä­rungs­an­sät­ze für Lebens­mit­tel­ver­schwen­dung. Foto: KU

Dr. Helen Zeid­ler unter­such­te den Umgang der Deut­schen mit Lebens­mit­teln in einer ver­hal­tens­öko­no­misch aus­ge­rich­te­ten Stu­die. Foto: KU