EU-Politik auf der Spur: Landwirtschaftsschüler in Brüssel — Junge Landwirtinnen und Landwirte informieren sich aus erster Hand

von | 7. April 2024 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Roth (red).  Die Bil­der mit den Pro­tes­ten der Bäue­rin­nen und Bau­ern in vie­len EU-Län­dern prä­gen seit Wochen die Medi­en. Auch in Brüs­sel kam und kommt es zu gro­ßen Pro­test­kund­ge­bun­gen. Vie­le Land­wir­te ver­bin­den mit der Haupt­stadt Bel­gi­ens vor allem die über­bor­den­den und büro­kra­ti­schen Vor­ga­ben auf dem hei­mi­schen Hof. Doch wie kommt es zu den EU-Geset­zen? Wer ent­schei­det und wel­che Ein­fluss­mög­lich­kei­ten bestehen für die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger in den 27 Mit­glied­staa­ten? Die­se und vie­le wei­te­re Fra­gen woll­te Orga­ni­sa­tor und Lehr­kraft Wolf­gang Jank bei der Lehr­fahrt der Land­wirt­schafts­schu­le Roth mit den Stu­die­ren­den klä­ren.

Auf dem Weg in die Schalt­zen­tra­le der Euro­päi­schen Uni­on mach­te die Rei­se­grup­pe aus 35 jun­gen Land­wir­tin­nen und Land­wir­ten aus dem Ein­zugs­ge­biet der Rother Land­wirt­schafts­schu­le noch zwei Stopps: zunächst beim Welt­markt­füh­rer der Land­tech­nik John Dee­re in Mann­heim. Im Jahr 1956 über­nahm der US-ame­ri­ka­ni­sche Kon­zern die Fir­ma Lanz in Deutsch­land. In der größ­ten Pro­duk­ti­ons­stät­te außer­halb der USA fer­ti­gen inzwi­schen über 3.600 Mit­ar­bei­ter unter ande­rem moderns­te Trak­to­ren. Der Bereich For­schung und Ent­wick­lung nimmt einen bedeu­ten­den Anteil ein und so ent­ste­hen immer wie­der neue Lösun­gen für die Land­wirt­schaft der Zukunft. Die Auto­ma­ti­sie­rung und Digi­ta­li­sie­rung ste­hen hier im Fokus.

Die Fahrt dien­te auch dazu Berufs­kol­le­gen mit ande­ren betrieb­li­chen Schwer­punk­ten zu besu­chen. Einer die­ser Betrie­be war der Betrieb der Fami­lie Wou­ters in Reij­mer­stock in den Nie­der­lan­den. Der Fami­li­en­be­trieb erzeugt auf 28 Hekt­ar Äpfel und Bir­nen für eine Ver­mark­tungs­ge­nos­sen­schaft. Die Stu­die­ren­den erfuh­ren von der Pflan­zung mit den Inves­ti­ti­ons­kos­ten über Pfle­ge bis hin zu Ern­te und Ver­mark­tung alles aus ers­ter Hand. Für eine hei­mi­sche Braue­rei baut der Betrieb seit eini­gen Jah­ren noch vier Hekt­ar Hop­fen an, der bio­lo­gisch erzeugt wird.

Der zwei­te Tag der Tour stand ganz im Zei­chen der ver­schie­de­nen Ein­rich­tun­gen der Euro­päi­schen Uni­on. Zunächst erklär­te Frau Sala­macha — eine Mit­ar­bei­te­rin der schei­den­den EU-Agrar­po­li­ti­ke­rin Mar­le­ne Mor­tler und Frau Schul­ze-Hof­mann — eine Mit­ar­bei­te­rin des Bun­des­mi­nis­te­ri­ums für Land­wirt­schaft und Ernäh­rung (BMEL) aus Ber­lin die Funk­ti­ons­wei­se und den Auf­bau des Euro­päi­schen Par­la­ments. Auch wenn die EU oft als gro­ßer Appa­rat dar­ge­stellt wird, setz­ten die bei­den dies in Rela­ti­on: der deut­sche Bun­des­tag hat 736 Abge­ord­ne­te für über 83 Mil­lio­nen Bun­des­bür­ger, das EU-Par­la­ment 705 Abge­ord­ne­te für knapp 450 Mil­lio­nen EU-Bür­ger. Nach einem Rund­gang durch das Gebäu­de konn­ten sich die jun­gen Hof­nach­fol­ge­rin­nen und Hof­nach­fol­ger einen guten Über­blick über die Arbeit und Wir­kungs­wei­se der Par­la­men­ta­ri­er bil­den.

Eine zen­tra­le Bedeu­tung in der EU-Gesetz­ge­bung spielt die Euro­päi­sche Kom­mis­si­on. Als Initia­to­rin für die Geset­ze wer­den in den ver­schie­de­nen Berei­chen die Leit­plan­ken gesetzt. Doch bis es zu einem Gesetz in dem Ver­fah­ren kommt, ver­geht eini­ge Zeit. Zeit, die auch die Mit­glied­staa­ten und zahl­rei­chen Ver­bän­de und Orga­ni­sa­tio­nen vor Ort nut­zen, um sich ein­zu­brin­gen. Auch der Frei­staat Bay­ern ist wie alle ande­ren Bun­des­län­der mit einer eige­nen Ver­tre­tung in unmit­tel­ba­rer Nähe zum Par­la­ment ver­tre­ten. Herr Dr. Chris­toph Här­le arbei­tet hier aktu­ell für das Baye­ri­sche Staats­mi­nis­te­ri­um für Ernäh­rung, Land­wirt­schaft und Fors­ten. Er erklär­te in den Räu­men der baye­ri­schen Ver­tre­tung, wie­so der Frei­staat sich in Brüs­sel so stark für Bay­ern enga­giert: der Frei­staat liegt mit der Ein­woh­ner­zahl auf Platz 8 in der EU (vor Län­dern wie z. B. Por­tu­gal, Grie­chen­land, Tsche­chi­en) und auf Platz der 6 der Wirt­schafts­leis­tung.

Nach­ein­an­der refe­rier­ten Ste­fan Meit­in­ger vom Baye­ri­schen Bau­ern­ver­band, Win­fried Schrö­der vom BMEL in der stän­di­gen Ver­tre­tung des Bun­des und zum Abschluss Frau Dr. Lüt­te­ken aus der Gene­ral­di­rek­ti­on Agri (Kom­mis­si­on). Mit aktu­el­len Infor­ma­tio­nen ver­se­hen, wur­de im Anschluss eif­rig dis­ku­tiert.

Tags dar­auf wid­me­te sich die Grup­pe der drit­ten gro­ßen euro­päi­schen Ein­rich­tung: dem Rat der euro­päi­schen Uni­on. In die­sem wer­den auf Ebe­ne der Minis­ter oder Prä­si­den­ten der Mit­glieds­län­der die Inter­es­sen ver­tre­ten. Im Drei­klang Kom­mis­si­on – Par­la­ment – Rat ent­ste­hen die Geset­ze. Aus ursprüng­lich sechs Mit­glied­staa­ten nach dem Prin­zip der Ein­stim­mig­keit, gilt es nun in der EU mit 27 Mit­glied­staa­ten qua­li­fi­zier­te Mehr­hei­ten zu fin­den. Ein Ergeb­nis für unse­re jun­gen Land­wir­tin­nen und Land­wir­te: die EU-Gesetz­ge­bung ist ein ein­zi­ger Kom­pro­miss. Von Finn­land bis Mal­ta sind alle EU-Geset­ze gleich anzu­wen­den. Was für uns in Deutsch­land wün­schens­wert ist, muss auch in Ungarn und auf Zypern umge­setzt wer­den kön­nen.

Neben den EU-Insti­tu­tio­nen wur­de es nicht ver­säumt auch die ande­ren Wahr­zei­chen Brüs­sels zu besich­ti­gen: das Ato­mi­um und die his­to­ri­sche Alt­stadt. Auch die berühm­te bel­gi­sche Scho­ko­la­de und das bel­gi­sche Bier wur­den selbst­ver­ständ­lich ver­kös­tigt.

Auf dem Rück­weg wur­de ein kur­zer Zwi­schen­stopp in Schen­gen ein­ge­legt. Der Ort in Luxem­burg, an dem im Jahr 1985 der Grund­stein für den frei­en Per­so­nen­ver­kehr inner­halb der Mit­glied­staa­ten gelegt wur­de. Auch die Rei­se­grup­pe aus Roth hat davon pro­fi­tiert: vier Län­der an vier Tagen ohne Grenz­kon­trol­len! Mit einem land­wirt­schaft­li­chen Betrieb ende­te die Lehr­fahrt: in Rot am See wur­de der Puten­mast­be­trieb der Fami­lie Kön­nin­ger besich­tigt. Nach sei­ner Zeit als Sol­dat in der Kaser­ne in Roth kehr­te Herr Kön­nin­ger zurück nach Bade-Würt­tem­berg. Was mit damals 5.000 Mast­pu­ten begann, hat der Sohn mit sei­ner Fami­lie inzwi­schen deut­lich aus­ge­wei­tet. Kun­den sind vor allem die gro­ßen Lebens­mit­tel­ein­zel­händ­ler, die somit Fleisch mit dem Sie­gel „5 x D“ („fünf­mal Deutsch­land“ – gebo­ren, auf­ge­zo­gen, gemäs­tet, geschlach­tet und ver­ar­bei­tet) bezie­hen kön­nen.

Die jun­gen Land­wir­tin­nen und Land­wir­te keh­ren mit vie­len unter­schied­li­chen Ein­drü­cken zurück auf ihre hei­mi­schen Höfe. Vie­les ist nun kla­rer, vie­les aber nach wie vor nicht. Vie­le Ent­schei­dun­gen auf EU-Ebe­ne wir­ken sich vor Ort in der Pra­xis mas­siv auf die Bewirt­schaf­tung der Höfe aus. Die „EU“ muss aber das „gro­ße Gan­ze“ im Blick behal­ten. Wahr­lich kei­ne leich­te Auf­ga­be.

Als Appell und Zusam­men­fas­sung der Lehr­fahrt bleibt fest­zu­hal­ten: Die gro­ßen Zie­le, die mit der Grün­dung der EU im Jahr 1957 ver­folgt wur­den, dau­er­haf­ten Frie­den in Euro­pa sicher­zu­stel­len und die Ernäh­rung der Men­schen zu gewähr­leis­ten, wur­den jahr­zehn­te­lang erreicht. Seit dem Beginn des Ukrai­ne-Kriegs vor über zwei Jah­ren ste­hen die­se Zie­le nun unter gro­ßem Druck. Jede und jeder von uns hat die Mög­lich­keit sich für die­se ursprüng­li­chen Zie­le demo­kra­tisch ein­zu­set­zen: am 09. Juni 2024 mit der Wahl des euro­päi­schen Par­la­ments.

Die­ses hat einen gro­ßen Ein­fluss auf die Gesetz­ge­bung. Von daher soll­te die Teil­nah­me an die­ser Wahl den glei­chen Stel­len­wert für uns haben, wie die natio­na­len Wah­len.

Fotos: Wolf­gang Jank

Fotos: Wolf­gang Jank