„Für mich war es die beste Chance“

von | 21. Juni 2023 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Plein­feld (red).  Deutsch­land? War­um nicht. Tat­ja­na Kähm hat vor elf Jah­ren die Ukrai­ne ver­las­sen, um sich ein Leben auf­zu­bau­en. Heu­te arbei­tet sie als stell­ver­tre­ten­de Pfle­ge­dienst­lei­tung im
Dia­ko­neo Senio­ren­hof Plein­feld. „Ich wür­de es wie­der machen“, sagt Tat­ja­na Kähm, die inzwi­schen in Plein­feld mit ihrem Mann und zwei Kin­dern hei­misch gewor­den ist. „Außer mei­ner Fami­lie ver­mis­se ich hier nichts.“ Im Gegen­teil. „Als ich ein­mal eine Woche in der Ukrai­ne im Urlaub war, woll­te ich unbe­dingt wie­der zurück.“ Die Lebens­qua­li­tät sei bes­ser, hier sei alles ordent­li­cher, „und es gibt gute Stra­ßen“, scherzt Tat­ja­na Kähm.

Dabei war der Anfang alles ande­re als leicht. Eine Freun­din hat­te ihr den Tipp gege­ben, ein Frei­wil­li­ges Sozia­les Jahr in Deutsch­land als Sprung­brett für ihr neu­es Leben zu nut­zen. Tat­ja­na Kähm woll­te ihre Fami­lie mit zwei klei­nen Schwes­tern unter­stüt­zen, „und natür­lich woll­te ich hin­aus in die Welt“. Da schreck­te auch die Aus­sicht, ohne ein Wort Deutsch nach Dres­den zu rei­sen, nicht. Nach einem vier­wö­chi­gen Crash-Kurs inklu­si­ve ers­ter deut­scher Voka­beln ging es an den Boden­see, wo Tat­ja­na Kähm mit Men­schen mit Behin­de­rung arbei­te­te. „Mei­ne Che­fin hat mir Bil­der auf­ge­malt, damit ich Deutsch ler­ne“, erin­nert sich die 32-Jäh­ri­ge. Ansons­ten war es „lear­ning by doing“. „Ich habe doch gese­hen, was die ande­ren machen, das habe ich nach­ge­macht.“ So unkom­pli­ziert klingt es öfter, wenn Tat­ja­na Kähm von ihrem neu­en Leben erzählt. Pro­ble­me sind eher Her­aus­for­de­run­gen, eine Lösung gibt es eigent­lich immer.

„Das stel­len wir bei vie­len Mit­ar­bei­ten­den mit Migra­ti­ons­hin­ter­grund fest“, sagt Jan Becher, Refe­rent Diens­te für Senio­ren bei Dia­ko­neo. Was gemein­hin als „deut­sche Tugen­den“ bekannt ist, fin­det sich unter ihnen gehäuft. „Natür­lich ist das nicht bei jedem so, aber Pflicht­be­wusst­sein, Arbeits­auf­fas­sung und Ehr­geiz sind bei die­sen Kol­le­gen weit ver­brei­tet.“

Ohne Ehr­geiz hät­te es Tat­ja­na Kähm auch nicht so weit gebracht. Nach ihrem Frei­wil­li­gen Sozia­len Jahr, bei dem sie ihren heu­ti­gen Mann ken­nen­ge­lernt hat, such­te sie einen Aus­bil­dungs­platz und bewarb sich im Senio­ren­hof Plein­feld. „Dass ich nicht rich­tig Deutsch konn­te, war für den dama­li­gen Lei­ter beim Vor­stel­lungs­ge­spräch gar kein Pro­blem.“ Die damals 22-Jäh­ri­ge ist dafür noch heu­te dank­bar. „Für mich war es die bes­te Chan­ce.“ Dar­an änder­te auch die Büro­kra­tie nichts. Ohne Arbeits­vi­sum muss­te sie das Ange­bot aus­schla­gen und ein hal­bes Jahr über­brü­cken, doch dann hat sie sich in Plein­feld zur Fach­kraft für Alten­pfle­ge aus­bil­den las­sen.

„Büro­kra­tie ist tat­säch­lich unser größ­tes Pro­blem“, sagt Lori­ne Güm­pel­ein, die Ein­rich­tungs­lei­tung im Dia­ko­neo Senio­ren­hof Plein­feld. Men­schen aus dem Aus­land für die Pfle­ge zu gewin­nen, sei eine Chan­ce, gute Mit­ar­bei­ten­de zu gewin­nen. Doch ohne inten­si­ve Unter­stüt­zung nicht nur am Arbeits­platz wird das manch­mal schwie­rig. „Wir hel­fen wo wir kön­nen, ver­su­chen Kon­tak­te zu Behör­den auf­zu­bau­en, unse­ren Kol­le­gen bei der Antrag­stel­lung zu unter­stüt­zen oder Deutsch­kur­se zu orga­ni­sie­ren, weil die staat­li­chen über­füllt sind.“

Und manch­mal kann man auch Hil­fe beim Ein­kau­fen in einem frem­den Super­markt mit unbe­kann­ten Pro­duk­ten gut gebrau­chen. „Ich habe ein­mal Haft­creme statt Zahn­pas­ta gekauft“, erin­nert sich Tat­ja­na Kähm und grinst. Da war auch die­ser selt­sa­me Bis­mark-Hering. „Viel zu viel Essig, so etwas kann­te ich vor­her nicht.“ Wie gut, dass sich am Boden­see zwei Fami­li­en ihrer ange­nom­men haben. „Die haben mich über­all mit­ge­nom­men und mir viel gehol­fen.“

Das ist in Plein­feld nicht anders. „Wir sind ein gutes Team“, sagt Tat­ja­na Kähm. Und ein diver­ses. Unter den rund 65 Mit­ar­bei­ten­den sind eini­ge Natio­na­li­tä­ten ver­tre­ten: Alba­ni­en, Rumä­ni­en, Ungarn und eben Ukrai­ne. „Für uns ist die­se Diver­si­tät sehr wich­tig“, erklärt Lori­ne Güm­pel­ein. Wenn man die Men­schen ganz­heit­lich und indi­vi­du­ell betreu­en wol­le, käme man ohne ein mög­lichst viel­sei­ti­ges Team gar nicht aus. „Jeder geht mit den Bewoh­nern ein biss­chen anders um. „Uns berei­chert das unge­mein“, so Lori­ne Güm­pel­ein.

Doch auch die Mit­ar­bei­ten­den kön­nen bei ihrer Arbeit in der Alten­pfle­ge pro­fi­tie­ren. „Es gibt kaum eine Bran­che, in der man mit Fort- und Wei­ter­bil­dung so dif­fe­ren­zier­te Wege ein­schla­gen kann“, sagt Refe­rent Jan Becher. Selbst ohne offi­zi­ell aner­kann­ten Schul­ab­schluss steht die Aus­bil­dung zum Pfle­ge­hel­fer offen – und damit nahe­zu unbe­grenz­te Mög­lich­kei­ten sich wei­ter­zu­ent­wi­ckeln. Fach­lich zum Bei­spiel zum Wund­ex­per­ten, zur Pain Nur­se, Pal­lia­ti­ve Care Fach­kraft, zur geron­to­psych­ia­tri­schen Fach­kraft oder Pra­xis­an­lei­tung. Tat­ja­na Kähm selbst hat sich gleich mit den bei­den letzt­ge­nann­ten Fort­bil­dun­gen wei­ter­qua­li­fi­ziert. Arbei­ten kann man mit einer Aus­bil­dung in der Alten­pfle­ge auch bei Kran­ken­kas­sen, beim Medi­zi­ni­schen Dienst, im Sani­täts­haus oder in einer Reha-Kli­nik. Und auch die Kar­rie­re­mög­lich­kei­ten in der Pfle­ge sind viel­fäl­tig: Qua­li­täts­ma­nage­ment, Wohn­be­reichs­lei­tung, Pfle­ge­dienst­lei­tung oder gar eine Ein­rich­tungs­lei­tung kann man mit ent­spre­chen­der Wei­ter­bil­dung wer­den.

Für Tat­ja­na Kähm gilt das auch. Sie hat unter schwie­ri­gen Vor­aus­set­zun­gen ihre Kar­rie­re in der Alten­pfle­ge begon­nen. Nach zwölf Jah­ren steht sie auf dem Sprung zur Aus­bil­dung als Pfle­ge­dienst­lei­tung. „Ein­rich­tungs­lei­tung mache ich auf kei­nen Fall“, winkt sie ab, wenn es um die wei­te­re Zukunft geht. Ihre Che­fin, Lori­ne Güm­pel­ein, ist da nicht so sicher. „Tat­ja­na will immer wei­ter. Und das ist gut so.“

Foto: DIAKONEO KdöR