Potenzial des Waldes im Landkreis noch nicht ausgeschöpft
Bei dem vom Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen initiierten Projekt „Klimaresilienz Altmühlfranken“ wird bisher das enorme Potenzial des Waldes leider noch nicht ausgeschöpft. Daher haben Dieter Popp aus Haundorf (FUTOUR Regionalberatung und Dipl. Forstingenieur) und Prof. Dr. Erwin Hussendörfer aus Ellingen (Fakultät Wald und Fortwirtschaft der Hochschule Weihenstephan-Triesdorf) für eine Optimierung dieses, den gesamten Landkreis einbeziehenden Zukunftsprojektes vorgeschlagen, deutlich stärker die möglichen Potenziale der Wälder zu nutzen.
Die Bedeutung der Wasserschutzfunktion der Wälder ist seit über 50 Jahren im Fokus der sogenannten Waldfunktionenkartierung. Diese Wasserschutzwälder sollen die Menge und Güte des Wassers (Grundwasser, fließendes und stehendes Oberflächenwasser) erhalten oder verbessern sowie die zeitliche Verteilung des Wasserabflusses optimieren. In Bayern sind über 30 % der Wälder kartierte Wasserschutzwälder. Ergänzt werden diese Funktionen neuerdings um weitere sogenannte Ökosystemleistungen wie z.B. die Leistung des Waldes für den Landschaftswasserhaushalt oder die Kühlung der Landschaft.
Bisherige Empfehlungen für die Struktur und die Bewirtschaftung der Wälder mit Wasserschutzfunktion sowie wissenschaftlichen Erkenntnissen über die Wirkung des Waldes für den Landschaftswasserhaushalt sind insbesondere folgende:
Strukturreiche Wälder mit hohen Laubbaumanteilen wirken sich positiv auf die Grundwasserneubildung aus. So sickern in Buchen-dominierten Wäldern im Vergleich zu Nadelwäldern pro Hektar und Jahr über 600 Kubikmeter mehr Wasser aus den Niederschlägen in die Waldböden. Diese höhere Speicherkapazität entspricht in etwa dem jährlichen Wasserverbrauch von 120 Menschen! Intakte und tief durchwurzelbare Waldböden verringern außerdem den Oberflächenabfluss von Starkniederschlägen und haben zudem ein deutlich höheres Wasserspeichervermögen. Dauerwälder mit geschlossenem Kronendach, stehendem und liegendem Totholz, weniger Rückewegen und der Rückbau von Entwässerungsgräben im Wald sind weitere potenzielle Stellschrauben.
In einzelnen, insbesondere trockenen Regionen Deutschlands sind bereits erste Projekte zu sogenannten „Schwammwäldern“ aktiv. Diese sollen Wasser länger speichern und verzögerter abgeben, um sowohl für den Wald, für die Gewässer aber auch für die Grundwasserneubildung mehr Wasser zur Verfügung zu haben. Zudem sollen sie Starkregenereignisse abpuffern, um potenzielle Hochwassersituationen zu verringern. Der Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen bietet aufgrund seiner geologischen Situation drei Modelloptionen für Schwammwälder-Projekte. Nämlich Kalkstein-geprägte Jurastandorte, sandige Böden und Standorte mit schweren, tonreichen Böden. Diese unter-schiedlichen Standorte zusammen mit den auf ihnen vorkommenden Waldstrukturen wirken sich verschieden auf die Aufnahme- und Versickerungsvermögen und dementsprechend auch auf die Grund-wasserneubildungspotenziale aus.
Mit einem Modellvorhaben „Schwammwald Altmühlfranken“ kann ein solch ambitioniertes Vorhaben die Gesamtzielsetzungen des bereits in die Wege geleiteten Klimaresilienz-Projektes im Landkreis nicht nur wirkungsvoll unterstützen, sondern ihm sogar noch einen ganzheitlich wirkenden Impuls von besonderer Bedeutung verleihen. Denn, während die Anlage von — noch so vielen — Wasserrückhalteflächen immer nur punktuell und zeitlich begrenzt einen relativ bescheidenen Beitrag zur Bewässerung von landwirtschaftlichen Flächen leisten können, können Waldlebensgemeinschaften da-gegen zu einem umfassend stabilen Wasserhaushalt nachhaltig und auf großer Fläche – immerhin ein Drittel des Landkreises sind bewaldet — beitragen! Durch eine Entwicklung der Wälder hin zu solch funktionierenden Waldlebensgemeinschaften (über gezielten Waldumbau) mit Vorrang für Wasserschutzfunktion kann der Wasserhaushalt auf großer Fläche deutlich verbessert und stabilisiert werden. Gleichzeitig werden diese damit quasi als „add on“ einen wichtigen Beitrag zum Erhalt weiterer Ökosystemleistungen für die Menschen in der Region aber letztlich dann auch für die nachhaltige Nutzung des Rohstoffes Holz leisten.
Das Projekt „Klimaresilienz Altmühlfranken“ bietet jetzt mit einem ergänzenden Ansatz „Schwammwald“ die einzigartige Chance in einem Landkreis mit unterschiedlichen Standorten und dort für alle Besitzarten aufzuzeigen, wie eine gezielt auf den Landschaftswasserhaushalt ausgerichtete Waldgestaltung, eine naturnahe Waldentwicklung und eine nachhaltige Waldbewirtschaftung aussehen müssen, damit die Wälder im Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen auch zukünftig einen wichtigen Beitrag für die Verfügbarkeit zentral wichtiger Ressourcen wie Wasser und Holz sowie für die Lebensqualität der Menschen, wie u.a. Kühlung, Niederschlagsförderung oder Erholung im Klimawandel er-bringen können.
Bildunterschrift: Wälder mit funktionierenden Lebensgemeinschaften halten mehr Wasser zurück als aufgestaute Gräben oder eine Vernässung der Flächen. Foto: FUTOUR Regionalberatung.
Klimaresilienz Altmühlfranken — Ergänzungsvorschlag „Schwammwald“
Der Landkreis Weißenburg-Gunzenhausen hat das Projekt „Klimaresilienz Altmühlfranken“ initiiert. Im Rahmen eines abgestimmten Gesamtkonzeptes soll über eine Reihe umfassender Einzelmaß-nahmen der Landschaftswasserhaushalt verbessert und die verstärkte Rückhaltung von Wasser in der Fläche möglich erden.
Das Projekt verfolgt einen ganzheitlichen Ansatz mit dem Ziel,
- die Wasseraufnahmefähigkeit unserer Landschaft zu stärken,
- Wasser effizient zu speichern und nachhaltig zu nutzen
- Tiefengrundwasser verantwortungsvoll zu bewirtschaften,
- Gewässer klimaresilient zu gestalten,
- Siedlungsgebiete an den Klimawandel anzupassen sowie
- durch Öffentlichkeitsarbeit Bewusstsein zu schaffen und die Bevölkerung zum Mitwirken zu motivieren.
Dabei unterstützt die EU das Projekt in Teilbereichen über das LIFE-Programm. Im Juli 2026 ist dieses Projekt unter dem Titel „KeepWater4Later“ offiziell an den Start gegangen und wird bis 2030 laufen.
Mit 24 Pilotmaßnahmen sollen mit diesem Projekt jetzt wasserrückhaltende Infrastrukturen reaktiviert bzw. neu geschaffen, bestehende Gräben oder Drainagen steuerbar auch für eine Bewässerung genutzt und erste Ansätze des Keyline Design konkretisiert werden.
Es wäre jedoch sinnvoll, den Maßnahmenkatalog auch um Empfehlungen für den Anbau wasser-schonender bzw. grundwasserförderlicher Baumarten in der Waldwirtschaft zu ergänzen. Denn die reine Wasserrückhaltung wird im Wald nicht eine so hohe Wirkung erzielen, wie dies die über Jahrhunderte angepassten Baumarten mit ihren Ökosystemleistungen vermögen.
Die Rolle des Waldes bei „Klimaresilienz Altmühlfranken“
Im Bereich der Waldentwicklung bestehen vielfältige Möglichkeiten, den Landschaftswasserhaushalt aktiv zu beeinflussen. Dies ist vor allem über die Funktionsfähigkeit der Waldlebensgemeinschaften möglich, dem eng miteinander verflochtenen Netzwerk von Boden, Bodenlebewesen, Mykorrhiza-Pilzgeflechten sowie der krautigen und verholzenden Pflanzen. In dieser Waldlebensgemeinschaft spielen die Bäume mit ihrem enormen Wasserbedarf und der damit zusammenhängenden Wurzel-intensität eine besondere Rolle für den Wasserhaushalt. Denn sie sind es, die sich in einem mindestens mehrere hundert Jahre währenden Ausleseprozess als besonders für diesen Standort und dessen Wasserhaushalt bewährt und durchgesetzt haben. Die entscheidenden Faktoren waren dabei die nach Baumarten unterschiedliche Sickerwasserspende und die Fähigkeit bestimmter Baumarten, einen auch tief verankerten Wasser- oder Nährstoffhorizont zu erschließen. Unter der Sickerwasser-spende wird der Anteil der Niederschläge verstanden, die bis ins Grundwasser gelangen und dessen Potenzial wieder auffüllen können. Die Wurzelintensität markiert die Fähigkeit bestimmter Baum-arten, durch hydraulischen Druck auch fest gebundenes Wasser (z.B. im Ton, der ja in vielen Böden Altmühlfrankens vorhanden ist) und darin gebundene Nährstoffe aus diesen Tiefen des Bodens bis in die höchsten Baumspitzen von mitunter 40 m sowie in alle Blattverästelungen zu pumpen. Je nach Baumart und Baumvolumen können dies bis 300 bis 600 Liter je qm Kronenfläche je Jahr, also durchaus enorme Wassermengen sein.
Es ist daher nachvollziehbar, dass – gerade in Zeiten von besonderer Trockenheit – der Landschaftswasserhaushalt von der jeweils dominierenden Waldgesellschaft abhängig ist. In der Regel sind die in Jahrhunderten gewachsenen potenziell-natürlichen Waldgesellschaften auch diejenigen, die eine optimale Sicherung des Wasserhaushalts gewährleisten.
Durch Baumartenveränderungen in der Vergangenheit oder geplante Baumartenwechsel in der Zukunft, können sich aber zum Teil erhebliche Änderungen im Wasserhaushalt einstellen. In einer Modellierung des Landschaftswasserhaushalts eines großräumigen Gebiets mit Kiefernforsten konnte nun ermittelt werden, dass eine Beibehaltung dieser strukturarmen Nadelbaumbestände in einem Zeitraum von etwa 30 Jahren und bei einem weiter anhaltenden Klimatrend, den Grundwasserstand der gesamten Region um bis zu 1,50 m absinken würde. Optional könnten sich dagegen die Grundwasserstände zwischen 0,2 und 0,8 m an diesem Standort erhöhen, wenn die einst künstlich eingebrachten Kiefern wieder in die hier ursprünglich heimischen Eichen, bzw. Eichen-Buchen-Wälder überführt würden.
Dieses Beispiel soll transparent machen, im Wald kann ein großräumig eingeleiteter Baumartenwechsel zu den ursprünglich dort heimischen Baumarten, diese Waldlebensgemeinschaft mit all ihren Organismen reaktivieren und den Landschaftswasserhaushalt spürbar positiv verändern!
Der Wald — ein Garant von Landschaftswasserhaushalts
Der Wald hat für den Wasserrückhalt in der Fläche, dem Schutz und der Erhöhung der Grundwasser-stände, bei der Interzeption, bei Landschaftskühlung und der Beeinflussung von Verdunstungsraten bzw. Niederschlagsbildung schon immer eine zentrale Rolle gespielt. Daher sollen sich diese wasser-affinen Ökosystemleistungen auch in der Strategie des Projektes „Klimaresilienz Altmühlfranken widerspiegeln. Im öffentlichen Wald (Bayerische Staatsforsten, Kommunalwald, Bundeswaldflächen) kann an das Urteil des Bundes-Verfassungsgerichts vom 31.05.1990 angeknüpft werden, in dem unmissverständlich zum Ausdruck gekommen ist, dass im öffentlichen Wald die Gemeinwohlinteressen Vorrang vor jeglichem Gewinnstreben einnehmen müssen. Daher ist im Hinblick auf denkbare Maßnahmen eindeutig zwischen Waldflächen im öffentlichen bzw. privatem Besitz zu differenzieren.
In Zeiten zunehmender Trockenheit, Niederschlagsdefiziten, sinkender Grundwasserspiegel und einer daraus abgeleiteten Diskussion um klimaangepasste Baumartenwahl für den notwendig gewordenen Umbau in „klimaplastische Wälder“, muss sich diese Thematik auch in den Lösungsansätzen für das Projekt „‘Klimaresilienz Altmühlfranken“ wiederfinden. Unter der Prämisse der dabei angestrebten Verbesserungen des Landschaftswasserhaushalts darf aber die Frage nach den geeigneten Baum-arten nicht vorrangig am potenziell besten Zuwachs und damit höchsten Holzertrag gemessen wer-den. Es ist vielmehr zwingend erforderlich, die Auswahl potenziell geeigneter Baumarten durch die Initiierung einer Entwicklung zu ersetzen, bei der eine an diese veränderten Klimabedingungen angepasste Waldlebensgemeinschaft steht. Gerade unter diesen sich extrem verändernden Bedingungen ist vorrangig dem optimal funktionierenden Bodenleben eine hohe Aufmerksamkeit zu widmen, um besonders wichtige koadaptierte Assoziationen zwischen den Mykorrhizapilzen und den standort-heimischen Baumarten synergistisch zu nutzen. Lebensgemeinschaften, die durch ökosystemische und genetische Mechanismen über Jahrmillionen Anpassungserfahrung geübt haben, werden im Zweifel auch die größten Perspektiven der evolutionären Adaption im Klimawandel aufweisen.
Auch wenn mitunter standortheimische Baumarten, wie z.B. die Buchen durch Kronenverlichtungen geschädigt sind oder sogar komplett absterben können, bedeutet dies nicht zwingend den Ausfall der gesamten Buchenwald-Lebensgemeinschaft. Entscheidend ist, wie rasch sich diese wieder regenerieren kann (Resilienz). Nur die Baumart Buche an dem betreffenden Standort durch andere – vermeintlich besser angepasste – Baumarten zu ersetzen, ohne die Lebensgemeinschaft gesamthaft zu betrachten, ist daher kritisch zu hinterfragen. Denn es sollte mit großem Respekt bedacht werden, dass dieser Baumart es seit der letzten Eiszeit und ihrer Rückkehr nach Mitteleuropa immer wieder gelungen ist, sich an all die klimatischen Veränderungen über diesen Zeitraum von rund 6000 Jahren anzupassen! Dabei ist es bereits wissenschaftlich nachgewiesen, dass sich im Saatgut der letzten Trockenjahre seit 2018 u.a. auch entsprechende epigenetische Veränderungen vollzogen haben und aus diesem Genpool jetzt junge Pflanzen erwachsen, die bereits eine bessere Anpassung an diese aktuellen Klimaveränderungen aufweisen.
Wir benötigen daher — auch in Altmühlfranken und gerade in diesem Projekt — den Mut zu einem deutlich größeren Vertrauen in die bewährten Selbstregelationskräfte der Natur. Dies gilt auch in gleicher Weise für die anderen hier heimischen Baumarten, wie z.B. die Eichen, Hainbuchen, die verschiedenen Ahornarten, die Weißtanne, Erle oder Weiden.
Neue Bäume braucht das Land ??
In den Zeiten des Klimawandels wird aktuell aber immer stärker – auch aus den Reihen der Forstwirtschaft selbst – auf das Einbringen von „Alternativbaumarten“ gesetzt, die häufig von anderen Kontinenten eingeführt werden. In Bayern wird u.a. mit Baumhasel und Atlaszeder geforscht. Die damit verbundene Gefahr der ggf. auszulösenden Invasivität und der Verdrängung heimischer Baumarten, anderer Pflanzen und Tiere und sogar der symbiotischen Pilze ist durch eine Fülle zum Teil erschreckender Beispiele belegt. Es wäre daher nur verantwortlich, bisher nicht-heimische Baumarten ggf. hier – unter noch zu definierenden Rahmenbedingungen und auch nur auf limitierter Fläche — einzubringen, wenn dafür die notwendig werdenden Voraussetzungen erfüllt sind. Dazu gehören die genetische Anpassungsfähigkeit, die Überlebensfähigkeit und Eignung als begleitende Baumart sich in einer Waldlebensgemeinschaft ökologisch als unproblematisch zu erweisen. Eine solche langfristig anzulegende Überprüfung wurde aber bei keiner der hier bereits jetzt eingeführten Baumarten durchgeführt, als man sich für deren Anbau entschied! Und auch für die jetzt neu diskutierten Baumarten sind derartige Untersuchungen bislang nicht bekannt. Dementsprechend haben auch die mit diesen Fremd-Baumarten aufgetretenen Probleme – u.a. auch bei der Sicherung von Grundwasservorkommen – zu den heute kritischen Diskussionen über die weitere Nutzung solcher Exoten geführt.


