Grandioser Sommernachtstraum – Eier schütteln in der Altmühlstadt

von | 20. März 2026 | Allgemein, Altmühlfranken, Gunzenhausen

Gun­zen­hau­sen — Die von einem Esel pene­trier­te Feen­kö­ni­gin war in die­sem zwei­ein­halb Stun­den andau­ern­den thea­tra­len Kurio­si­tä­ten­ka­bi­nett ein ver­meint­li­cher Höhe­punkt. Viel­leicht war es aber auch Kobold Puck, der auf Knien gestützt die Skan­dal­ro­cker von Ramm­stein anstimm­te und dazu wip­pend tie­ri­sche Affen­lau­te von sich gab. Das Münch­ner Thea­ter-Ensem­ble Per­so­na mach­te es einem dies­mal wirk­lich nicht leicht. Deren Inter­pre­ta­ti­on des Shakespeare´schen Som­mer­nachts­traums fühl­te sich zeit­wei­se an wie eine Rund­rei­se durch Thea­ter-Absur­di­stan. An sich kein Pro­blem, vor allem nicht für Freun­de moder­ner Insze­nie­run­gen. Dass hier­bei viel­leicht der ein oder ande­re „klas­si­sche“ Thea­ter­fan auf der Stre­cke bleibt, geschenkt. Aber der Som­mer­nachts­traum ist per se schon kei­ne leich­te Thea­ter­kost, allei­ne wegen der vie­len Namen und Bezie­hungs­ge­flech­te. Den Über­blick zu behal­ten ist für Unge­üb­te und Text­frem­de sehr schwie­rig. Bei die­ser Som­mer­nachts­traum­ge­schich­te (Koope­ra­ti­on mit dem Scharoun Thea­ter Wolfs­burg) setzt Regis­seur Tobi­as Maeh­ler aller­dings noch einen oder meh­re­re drauf und zielt auf schweiß­trei­bend-dyna­mi­sche Per­for­mance-Akte, Wort­akro­ba­tik und den ein oder ande­ren Vor­stoß in die Jetzt­zeit.

76-mal hat das Ensem­ble Per­so­na den Som­mer­nachts­traum auf die Büh­ne gebracht, doch von Abnut­zung kei­ne Spur. Das Stück ist den Damen und Her­ren aus der baye­ri­schen Lan­des­haupt­stadt ans Herz gewach­sen, sie spie­len die Figu­ren nicht nur, sie leben sie. Und das mit viel Kör­per­ein­satz, denn es wird geschrien, gerannt und geschwitzt. Es ist der Ver­weis auf das ani­ma­lisch Rausch­haf­te, was in die­ser Insze­nie­rung zen­tral her­aus­ge­ar­bei­tet wird. Dio­ny­sisch und mit leicht expres­sio­nis­ti­schem Ein­schlag wer­den die zwei bekann­ten Paa­re Hermia/Lysander sowie Helena/Demetrius nach einer Zau­ber­be­hand­lung durch Kobold Puck zu mensch­li­chen Tie­ren. Oder nähern sich die­sen zumin­dest cha­rak­ter­lich an. Das Trieb­haf­te steht im Vor­der­grund und bahnt sich Raum auf allen Ebe­nen. Der von Yan­nick Zür­cher superb ver­kör­per­te Lys­an­der tän­zelt plötz­lich einem Raub­tier gleich knur­rend um sei­ne Beu­te Hele­na (Julia Gröbl). Sophia Lah­me als Her­mia ent­geht sei­nem brüns­ti­gen Wer­ben zwar, schlägt sich aller­dings mit dem unmo­ra­li­schen Deme­tri­us (Han­nes Achim Langan­ky) her­um. Immer wie­der umkrei­sen sich die Prot­ago­nis­ten und war­ten auf ein Zei­chen der Schwä­che. Dass in die­ser Pha­se Feen­kö­nig Obe­ron (Peter Kemp­kes), Georg Heyms per­so­ni­fi­zier­tem „Krieg“ gleich, stamp­fend die Rei­hen der Feen abläuft, hin­ter ihm fol­gend auf allen Vie­ren der erge­be­ne Puck, ist Aus­druck von Abs­trak­ti­on jeg­li­cher kör­per­li­chen Form. Wie in einem Gemäl­de Kan­din­skys wer­den Instink­te sicht­bar und das Ani­ma­li­sche beseelt. Das Tie­ri­sche wird dem Mensch­li­chen als über­le­gen gezeigt. Auf der Büh­ne äußert sich das buch­stäb­lich in har­ter Arbeit. Den Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­lern wird eini­ges zuge­mu­tet, die Gesich­ter glän­zen vom Schweiß und die ein oder ande­re Kla­mot­te muss dran glau­ben.

Beson­ders her­aus­zu­he­ben ist die exzel­len­te Anja Neu­kamm, die im Som­mer­nachts­traum den Puck ver­kör­pert. Ihre sze­ni­sche Abhän­gig­keit vom Elfen­kö­nig Obe­ron zwingt sie in einen per­ma­nent gehetz­ten Zustand hin­ein. Die Büh­ne wird zur schlicht deko­rier­ten Are­na, in der sich das Fabel­we­sen über­all wie­der­fin­det und auf­hält. Puck ist Wäch­ter aller Figu­ren­ge­füh­le und beein­flusst damit das Publi­kum. Geschickt öff­net der Kobold einen Raum für emo­tio­na­le Offen­heit und macht die Besu­che­rin­nen und Besu­cher zu Kom­pli­zen und Zeu­gen. Sinn­bild­lich geschieht dies durch bun­te Plas­tikei­er, wel­che vor der Vor­füh­rung auf die Sitz­plät­ze gelegt wur­den und auf Kom­man­do Pucks geschüt­telt wer­den müs­sen. Natür­lich ein gro­ßer Spaß, gleich­zei­tig aber auch Beweis, welch mäch­ti­ge Mit­tel Empa­thie und Emo­tio­nen sein kön­nen.

Den Dau­er­stress unter­bricht das Ensem­ble Per­so­na geschickt durch wit­zi­ge Ein­schü­be, in denen eine bunt geklei­de­te Hand­wer­ker­trup­pe um ein Thea­ter­stück für die Hoch­zeit des The­seus ringt. Die­ser radi­kal-ambi­va­len­te Bruch for­dert den Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­lern viel ab. Das dun­kel Mys­ti­sche weicht dem hei­ter All­täg­li­chem, dass zügel­los Rausch­haf­te über­ra­schen­den Slap­stick­ein­la­gen. Die­ser radi­ka­le Wech­sel zeigt das gro­ße schau­spie­le­ri­sche Poten­ti­al der Grup­pe, wel­che Stim­mungs- und Sze­nen­wech­sel mit Bra­vour meis­tert.

Die Insze­nie­rung ist bis ins Detail per­fekt aus­ba­lan­ciert. Ver­fol­gungs­jag­den über die Büh­ne wer­den zum „Run­ning Gag“, Geräu­sche ein­fühl­sam und inspi­rie­rend ein­ge­setzt. Kör­per­re­ak­tio­nen wie Hus­ten oder Nie­sen las­sen das Publi­kum bewusst­wer­den, dass in die­sem Stück Traum nur viel­leicht Wirk­lich­keit und Wirk­lich­keit viel­leicht aber auch nur Traum ist. Dazu gehö­ren deplat­ziert wir­ken­de Schla­ger­ein­schü­be. Von „Lie­be ist ein selt­sa­mes Spiel“ bis „Du hast den Farb­film ver­ges­sen“ wur­de das Publi­kum mit Ohr­wür­mern mal­trä­tiert. Ganz nach dem Mot­to: „Wer Wor­te nicht fühlt, ver­steht sie nicht!“

Bedroh­te Lie­be­lei­en, schäd­li­ches Patri­ar­chat, Lügen, Ver­derb, Glück – alles drin in die­sem Som­mer­nachts­traum. Doch über­treibt es die­se Insze­nie­rung in sei­ner expe­ri­men­tel­len Radi­ka­li­tät? Zumin­dest auf das Schat­ten­thea­ter mit kopu­lie­ren­dem Esel, Feen­kö­ni­gin und sich räkeln­den Feen hät­te Zuschau­er wohl ver­zich­ten kön­nen. Im orgi­as­ti­schen Akt sind Mensch und Tier gleich, die Inten­si­on ist klar. Doch die­se Mons­tro­si­tät hät­te es zum Ver­ständ­nis wahr­lich nicht gebraucht. Wei­ter geht es mit der Gun­zen­häu­ser Thea­ter­spiel­zeit am 25. April 2026. Dann wird in der Stadt­hal­le „Was war und was wird“ gezeigt. Nähe­re Infor­ma­tio­nen erhal­ten Sie unter www.gunzenhausen.info.   

Foto: Stadt Gunzenhausen/Manuel Gros­ser