Großes Theater in Gunzenhausen: August Strindbergs „Fräulein Julie“ lässt bitten!

von | 1. April 2023 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Gun­zen­hau­sen (red). Haben Sie sich schon ein­mal gefragt, was ein gutes Thea­ter aus­macht? Klar, es braucht Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­ler, die ihre Berufs­be­zeich­nung auch ver­die­nen. Dann eine Spiel­stät­te, deren Akus­tik über­zeugt und nicht zum Kopf­schüt­teln bzw. spä­tes­tens nach dem ers­ten Akt zum Davon­lau­fen zwingt. Und natür­lich einen über­zeu­gen­den, fes­seln­den Plot. Lei­der kon­zen­triert sich das moder­ne Thea­ter zu oft auf die Unter­hal­tung und hat damit das Erbe der gro­ßen Grie­chi­schen Tra­gö­di­en ein wenig aus den Augen ver­lo­ren. Statt tra­gi­scher Geschich­ten vol­ler schick­sal­haf­ter Ver­stri­ckun­gen und mit einem Lern- sowie Kathar­sis­ef­fekt am Ende gibt es heu­te all­zu oft Trash-Thea­ter ohne gro­ßes Niveau. Jedem Tier­chen sein Plä­sier­chen, aber zufrie­den­ge­ben muss sich Thea­ter­freun­din und Thea­ter­freund nicht damit. Es gilt die wert­vol­len Per­len im Meer des Thea­ter­mo­de­schmucks her­aus­zu­fil­tern. „Fräu­lein Julie“ mit Judith Ros­mair und Domi­ni­que Hor­witz als kon­ge­nia­les Schau­spiel­paar in den Rol­len der Julie und des Jean ist eines die­ser Büh­nen­schmuck­stü­cke. Vol­ler Lie­be und Hin­ga­be ent­füh­ren die bei­den Pro­fis das Publi­kum auf eine dia­logrei­che tour de force der psy­chi­schen und phy­si­schen Bedro­hun­gen. Ein Genuss für Schau­spiel­gour­mets. Ver­gan­ge­nen Sams­tag wur­de das Stück in der Gun­zen­häu­ser Stadt­hal­le auf­ge­führt.

Zu August Strind­berg und sei­ner „Fräu­lein Julie“ wur­de in der Ver­gan­gen­heit bereits viel geschrie­ben. Der schwe­di­sche Dra­ma­ti­ker war umstrit­ten und wur­de u.a. als Blas­phe­mist dif­fa­miert. Auch ein Frau­en­feind soll er gewe­sen sein, wobei sein „Fräu­lein Julie“ mit ihren Taten und Wor­ten dage­gen argu­men­tiert. Die natu­ra­lis­ti­sche Geschich­te spielt in irgend­ei­ner Mitt­som­mer­nacht auf irgend­ei­nem Guts­hof in Schwe­den. Von ihrem Dasein und ihrer pri­vi­le­gier­ten Stel­lung gelang­weilt lässt sich Gra­fen­toch­ter Julie auf eine Lieb­schaft mit dem Arbei­ter­sohn Jean ein. Die­ser wit­tert sei­ne Chan­ce zum sozia­len Auf­stieg, wird mani­pu­la­tiv und anma­ßend, doch die jun­ge Ade­li­ge ist antriebs­los, wech­sel­haft und hadert mit ihrem Schick­sal. Gesell­schaft­li­che Kon­ven­tio­nen las­sen sich nicht ein­fach so über­win­den und ihren ver­such­ten Aus­bruch aus dem Stan­des­kor­sett bezahlt sie am Ende mit dem Leben.

Bereits die ers­ten Minu­ten von „Fräu­lein Julie“ sind Gän­se­haut und Dra­ma­tik pur. Domi­ni­que Hor­witz steigt aus dem Publi­kum auf die Büh­ne und tän­zelt in Zeit­lu­pe und mit Son­nen­bril­le auf der Nase gedan­ken­ver­lo­ren vor sich hin. Judith Ros­mair befin­det sich ein „Stock­werk höher“ auf einem Vor­sprung, sie hält eine Reit­peit­sche von sich gestreckt und voll­zieht sta­ti­sche, pup­pen­glei­che Bewe­gun­gen. Dazu kichert sie immer wie­der hys­te­risch. Das Publi­kum ist irri­tiert und ein wenig hilf­los. Spä­ter kommt die Erkennt­nis, dass Zuschaue­rin­nen und Zuschau­er bereits zu die­sem Zeit­punkt ein meta­pho­ri­sches Spiel der Stan­des­un­ter­schie­de beob­ach­ten durf­ten. Dazu ist die Atmo­sphä­re außer­ge­wöhn­lich, das Ver­hal­ten ist unna­tür­lich und wirkt bedroh­lich: Dunk­le Schat­ten und lei­se Musik geben einen Vor­ge­schmack auf die zuneh­men­de phy­si­sche und psy­chi­sche Gewalt im Ver­lauf des Stücks.

Dem auf­füh­ren­den Renais­sance-Thea­ter Ber­lin Euro-Stu­dio Land­graf ist ein gro­ßes Kom­pli­ment zu machen. „Fräu­lein Julie“ wur­de behut­sam moder­ni­siert, ohne jedoch den natu­ra­lis­ti­schen Stil, ein Stück her­aus­ge­ris­se­nes Leben auf die Büh­ne zu brin­gen, zu ver­ken­nen. Modern sind Glit­zer­kleid und Son­nen­bril­le, dazu Pis­to­le und Rot­wein­glas. Irgend­wann ist in der Fer­ne Hub­schrau­ber­lärm zu hören, der die Ankunft von Julies Vater ankün­digt. Im 19. Jahr­hun­dert ver­an­kert geblie­ben sind die gran­dio­sen Wort­ge­fech­te zwi­schen Julie und Jean. Ros­mair und Hor­witz spie­len lan­ge Zeit ein aus­ge­gli­che­nes Spiel der Macht und fokus­sie­ren den ewi­gen Kampf der Geschlech­ter auf die Mitt­som­mer­nacht. Dort durch­le­ben sie Epi­so­den des Hoch­muts, aber auch des tie­fen Falls, erfah­ren wech­sel­haf­te Lie­be und Hass im Schnell­durch­lauf. Der Künst­le­rin und dem Künst­ler ist Hoch­ach­tung zu zol­len, denn das Publi­kum war gebannt vom inten­si­ven Spiel der bei­den.

Schön, dass es solch gro­ßes Thea­ter auch auf klei­nen Büh­nen zu bestau­nen gibt. „Fräu­lein Julie“ ist viel­leicht nicht Strind­bergs bes­tes Werk, aber auf jeden Fall eines sei­ner berüh­rends­ten. Und wenn es dann noch der­art lie­be- und hin­ge­bungs­voll auf­ge­führt wird, soll­ten Thea­ter­freun­de dank­bar sein.

Das Stück „Fräu­lein Julie“ fand im Rah­men der 46. Gun­zen­häu­ser Thea­ter-Spiel­zeit statt. Die­se geht am Sonn­tag, 16. April 2023, mit der hei­te­ren Komö­die „Will­kom­men im Hotel Mama“ um 19.30 Uhr in die letz­te Run­de. Nähe­re Infor­ma­tio­nen erhal­ten Sie über das städ­ti­sche Kul­tur­amt unter Tel. 09831/508 109 oder unter kulturamt@gunzenhausen.de.

Foto: Stadt Gun­zen­hau­sen