Heiterer Abschluss der Gunzenhäuser Theatersaison 2022/2023 – Willkommen im Hotel Mama

von | 4. Mai 2023 | Altmühlfranken, Gunzenhausen

Gun­zen­hau­sen (red). „Ne pas y aller par quat­re chem­ins“ rät ein belieb­tes fran­zö­si­sches Sprich­wort, und in der Tat soll­ten man­che Din­ge bes­ser sofort an- und aus­ge­spro­chen wer­den. Sonst kreist es sich nicht nur um den bekannt­li­chen hei­ßen Brei, son­dern Bezie­hun­gen kön­nen schon mal zur Belas­tungs­pro­be wer­den, ins­be­son­de­re in der eige­nen Fami­lie. Um Tücken der Kom­mu­ni­ka­ti­on und die ein oder ande­re dar­aus resul­tie­ren­de Kri­se ging es in der hei­te­ren fran­zö­si­schen Komö­die „Will­kom­men im Hotel Mama“, die am letz­ten Sonn­tag in der Gun­zen­häu­ser Stadt­hal­le gezeigt wur­de. Das Stück von Éric Lavai­ne und Héc­tor Cabel­lo Reyes war gelun­ge­ner Abschluss der 46. Thea­ter­sai­son.

Papa ist noch kein Jahr tot, doch die 70-jäh­ri­ge Mama Jac­que­line (Kers­tin Fern­ström) erlebt mit Nach­bar Jean (Ralf Wei­kin­ger) den zwei­ten Früh­ling. Den drei Kin­dern will sie die Affä­re bei einem gemein­sa­men Abend­essen beich­ten – kei­ne gute Idee, denn Ste­pha­nie (Anja Kla­wun), Caro­le (Eva Wit­ten­zel­ler) und Nico­las (Johan­nes Schön) haben einen gro­ßen Ruck­sack vol­ler eige­ner Pro­ble­me mit­ge­bracht. So ist Ste­pha­nie antriebs‑, arbeits- und mit­tel­los, bei „maman“ im Hotel Mama hat sie Zuflucht gefun­den. Dage­gen kommt Ange­ber und Play­boy Nico­las nur sel­ten nach Hau­se und wenn er mal vor­bei­schaut, dann bringt er sei­ner Mama kei­ne Lie­be, son­dern höchs­tens einen gro­ßen Sack dre­cki­ger Wäsche mit. Und Caro­le? Die ist von ihrem Mann (Andre­as Her­tel) genervt und auf die Geschwis­ter eifer­süch­tig. Die Stim­mung ist dem­entspre­chend auf­ge­la­den und Mamas Beicht­ver­su­che wer­den als geis­ti­ge Umnach­tung abge­tan. Dann platzt der vita­len Senio­rin der Kra­gen…

„Will­kom­men im Hotel Mama“ ist eine kurz­wei­li­ge Geschich­te und eine ech­te fran­zö­si­sche Komö­die. Ange­fan­gen beim Büh­nen­bild, das die Woh­nung Jac­que­lines zeigt und durch Detail­reich­tum begeis­tert. So ist die Ein­rich­tung anti­quiert und „typisch Oma“, inklu­si­ve Lam­pen mit Fran­sen­schirm, rosa Plüsch­kis­sen und häss­li­chem Blüm­chen­so­fa. Aus den Laut­spre­chern ertönt jedoch stim­mungs­voll „Born to be wild“ von Step­pen­wolf und auf dem Tisch liegt – für alle Fäl­le — ein Scrabb­le-Spiel. Über allem thront eine skur­ri­le Uhr in Kat­zen­form, die im Lau­fe der Hand­lung immer wei­ter vor­ge­stellt wird und den Fort­schritt der Hand­lung zeigt.

Die Cha­rak­te­re sind herr­lich über­zo­gen und ent­spre­chen so gar nicht gesell­schaft­li­chen Nor­men. Wo sich ande­re Stü­cke jedoch in Ste­reo­ty­pen ver­lie­ren, bleibt die Fami­lie Maze­rin trotz Kri­se char­mant und das Ver­hal­ten trotz man­cher Über­spit­zung nach­voll­zieh­bar. Auf die­se Wei­se bau­en die am ver­gan­ge­nen Sonn­tag bes­tens gelaun­ten Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­ler – die neben­bei wun­der­bar mit­ein­an­der har­mo­nier­ten — eine emo­tio­na­le Nähe zum Publi­kum auf, die sich mit dem Hap­py End in gro­ßer Glück­se­lig­keit auf­lös­te.

„Will­kom­men im Hotel Mama“ bedient sich meh­re­rer Nar­ra­tive­be­nen und zitiert an diver­sen Stel­len das Medi­um des Films. Zeit bleibt rela­tiv und so führt ein Gespräch zwi­schen Mama Jac­que­line und Nach­bar Jean zum voll­stän­di­gen Still­stand ande­rer Figu­ren. Die­se frie­ren qua­si ein und erwa­chen erst dann wie­der zum Leben, als das Gespräch zwi­schen den bei­den ein Ende fin­det. Eine net­te Idee und Zei­chen, dass auch klas­si­sches Thea­ter durch­aus für moder­ne, dra­ma­tur­gi­sche Ele­men­te offen sein kann. Spie­le­ri­sches High­light des Thea­ter­abends war sicher­lich die „Fern­seh­sze­ne“, die ein­mal quer durch den Stadt­hal­len­saal für gro­ßes Geläch­ter sorg­te. Mut­ter Jac­que­line und Toch­ter Ste­pha­nie sit­zen auf der Couch und schau­en sich eine fri­vo­le Tele­no­ve­la an. Um den Inhalt der Show zu meta­pho­ri­sie­ren tan­zen die kur­zer­hand als Trash TV-Pär­chen ver­klei­de­ten Schau­spie­ler Eva Wit­ten­zel­ler im Negli­gé und Andre­as Her­tel mit Son­nen­bril­le und offe­nem Hemd an den Büh­nen­rän­dern las­ziv und in Zeit­lu­pe zu schwüls­ti­gen Tönen. Unmög­lich, hier ernst zu blei­ben.

Das Stück „Will­kom­men im Hotel Mama“ war der Abschluss der 46. Gun­zen­häu­ser Thea­ter-Spiel­zeit statt. Die neue Sai­son star­tet am 14. Okto­ber 2023 mit der Komö­die „Nein zum Geld!“. Nähe­re Infor­ma­tio­nen erhal­ten Sie über das städ­ti­sche Kul­tur­amt unter Tel. 09831/508 109 oder unter kulturamt@gunzenhausen.de.

Foto: Stadt Gun­zen­hau­sen