Hesses Siddhartha als Musical – Dualität des Lebens

von | 10. März 2024 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Gun­zen­hau­sen (red). So ein wenig Sid­dha­rtha steckt in jedem von uns. Die ewi­ge Suche nach Sinn, Erkennt­nis und Voll­kom­men­heit lässt uns ver­zwei­feln und hof­fen zugleich. Mit den Jah­ren kommt zwar lin­dern­de Erfah­rung, den Gren­zen ratio­na­ler Fremd­be­stim­mung zu ent­kom­men, erscheint jedoch nahe­zu unmög­lich. Am Ende war­tet der Tod, viel­leicht auch die Auf­lö­sung des Ichs in gren­zen­lo­se Ener­gie und Frei­heit von Zwän­gen. Her­mann Hes­se hat­te die­ser Dua­li­tät des Lebens mit sei­ner legen­dä­ren Geschich­te um den Sinn­su­cher „Sid­dha­rtha“ ein klei­nes Denk­mal gesetzt. Das welt­be­rühm­te Buch um die viel­leicht-fik­ti­ve Lebens­ge­schich­te Bud­dhas hat Gene­ra­tio­nen bewegt, nun wur­de es als Musi­cal-Ver­si­on in der Gun­zen­häu­ser Stadt­hal­le auf­ge­führt. Das kurz­wei­li­ge Stück war Teil der Thea­ter­sai­son 2023/2024.

Sid­dha­rtha ist der per­so­ni­fi­zier­te flüch­ti­ge Gedan­ke. Er klopft stän­dig an die geheim­nis­vol­le Tür des Lebens, hin­ter der viel­leicht die fina­le Ant­wort auf die Fra­ge nach dem Sinn des Lebens war­tet. Doch bevor jemand öff­net, wird er hin­fort geris­sen vom Stru­del des Seins, sieht sich mit einem Berg neu­er Fra­gen kon­fron­tiert und muss sei­nen stei­ni­gen Weg zur Erleuch­tung fort­set­zen. Das Münch­ner a.gon Thea­ter hat sich der Geschich­te Hes­ses ange­nom­men und die Hand­lung als Musi­cal adap­tiert. Eine groß­ar­ti­ge Idee und die Wei­ter­ent­wick­lung des Gedan­kens, dass es ver­schie­dens­te Wege gibt, um die Augen und Ohren für die Schön­hei­ten die­ser Welt zu öff­nen. Die Spra­che der Musik ist grenz­über­win­dend und mit­rei­ßend. Sie folgt der Sid­dha­rtha-Logik und ist eine leicht ver­träg­li­che Mischung aus Aske­se und Eksta­se, der Rausch der dadurch ent­fach­ten Emo­tio­nen führt das Publi­kum ganz nah an den Kern­ge­dan­ken des natür­li­chen Ursprungs zurück.

In der Tat ist auch das Büh­nen­bild aske­tisch, aus­ge­rich­tet auf die Ver­mitt­lung eines höhe­ren Ziels. Den jun­gen Sid­dha­rtha spielt Alex­an­der Bam­bach mit viel Hin­ga­be und Fin­ger­spit­zen­ge­fühl. Er ist sei­ner Rol­le ver­fal­len, die Stra­pa­zen des Auf und Abs der ewi­gen Sinn­su­che spie­geln sich in sei­nem Äuße­ren. Er har­mo­niert per­fekt mit sei­nem Alter Ego, dem erwach­se­nen Sid­dha­rtha Ingo Brosch. Die bei­den sind Sinn­bild für Wer­den und Ver­ge­hen, fast zärt­lich streu­en sie Tei­le der indi­schen Phi­lo­so­phie über das fas­zi­nier­te Publi­kum. Ange­trie­ben von den Klän­gen des hoch­wer­ti­gen Ensem­bles um Key­boar­der Chris Bihl­mai­er wird Sehn­sucht geweckt, Sehn­sucht nach inne­rer Ruhe, wie sie Sid­dha­rtha viel­leicht am ein­dring­lichs­ten bei der Kur­ti­sa­ne Kama­la und am Ende sei­nes Lebens am Fluss fin­det.

Das Schau­spiel­ensem­ble, es agiert durch die Bank groß­ar­tig. Kama­la wird von Simo­ne Wer­ner ver­kör­pert, deren ster­ben­de Kur­ti­sa­ne zu Trä­nen rührt und für Stil­le in den Rei­hen sorgt. Ihre Gesangs­stim­me ist pure Gän­se­haut. Ein gro­ßes Kom­pli­ment ist dane­ben unbe­dingt Mar­kus Schöttl als Sid­dha­rtha-Freund Govin­da zu machen. Sei­ne leicht über­dreh­te Art des Spiels amü­siert köst­lich und zeig­te ein­drucks­voll, welch gro­ßes Poten­ti­al in die­sem Talent schlum­mert.

Am Ende dann, Stan­ding Ova­ti­on, alles ande­re wäre auch nicht ange­bracht gewe­sen. Sid­dha­rtha ist zeit­los schön und tief­grün­dig, die a.gon-Mannschaft hat ein­drucks­voll gezeigt, dass ein eher schwer zugäng­li­cher Stoff niveau­voll und mit Lie­be zum Detail für ein Mas­sen­pu­bli­kum auf­ge­ar­bei­tet wer­den kann. Cha­peau und dan­ke für die­sen herr­li­chen Abend.

Wei­ter geht´s mit der Gun­zen­häu­ser Thea­ter­spiel­zeit 2023/2024 mit der Komö­die „Und wenn wir alle zusam­men­zie­hen?“ am Sams­tag, 4. Mai 2024. Nähe­re Infor­ma­tio­nen fin­den Sie unter www.gunzenhausen.info.

Bild­un­ter­schrift; Ingo Brosch über­zeug­te als „älte­rer“ Sid­dha­rtha auf gan­zer Linie. Im Hin­ter­grund zu sehen, ist Sid­dha­rt­has Freund Govin­da, gespielt vom groß­ar­ti­gen Mar­kus Schöttl. Foto: Stadt Gunzenhausen/Manuel Gros­ser