Jugendbuch zum Thema Alltagsrassismus in der Schule — Lesungen mit Kathrin Schrocke in der Wirtschaftsschule und im Simon-Marius-Gymnasium

von | 16. April 2024 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Gun­zen­hau­sen (red). Die Jugend­buch­au­to­rin Kath­rin Schro­cke ist sich sicher: Das The­ma ‚Ras­sis­mus in der Schu­le‘ pola­ri­siert und ruft ganz unter­schied­li­che Reak­tio­nen her­vor. Rund 35 Pro­zent der Jugend­li­chen und jun­gen Erwach­se­nen im Alter von 15 bis 20 Jah­ren haben einen Migra­ti­ons­hin­ter­grund. Sowohl sie als auch ihre Klas­sen­ka­me­ra­din­nen und Klas­sen­ka­me­ra­den sowie die Lehr­kräf­te haben sicher­lich ganz unter­schied­li­che Erfah­run­gen mit ras­sis­ti­schen Äuße­run­gen oder ras­sis­ti­schem Ver­hal­ten gemacht. Auch unter den Lese­rin­nen und Lesern von Kath­rin Schro­ckes neu­es­tem Jugend­buch „Weis­se Trä­nen“ gibt es unter­schied­li­che Hal­tun­gen. Die Autorin berich­tet von vie­len posi­ti­ven Rück­mel­dun­gen, aber auch von Hass­mails. Ihr Vor­schlag an ihr Publi­kum: „Ihr macht euch sel­ber eine Mei­nung!“

Zwei Lesun­gen haben die Wirt­schafts­schu­le Gun­zen­hau­sen und das Simon-Mari­us-Gym­na­si­um in Zusam­men­ar­beit mit der Stadt- und Schul­bü­che­rei Gun­zen­hau­sen für die Schü­le­rin­nen und Schü­lern der ach­ten Klas­sen orga­ni­siert. Und an bei­den Schu­len gibt es eine gespann­te Auf­merk­sam­keit im Publi­kum, wenn die Autorin von den Vor­gän­gen in der Thea­ter-AG eines länd­li­chen Gym­na­si­ums im Schwarz­wald erzählt. Im Mit­tel­punkt steht die Freund­schaft zwi­schen Len­ni, des­sen Eltern ein ört­li­ches Unter­neh­men füh­ren, und Ser­kan, dem Enkel­sohn einer Gast­ar­bei­ter­fa­mi­lie. Bei­de machen in der Thea­ter-AG der Schu­le mit, Ser­kan als Schau­spie­ler, Len­ni als Tech­ni­ker. Gelei­tet wird die AG von einem älte­ren Leh­rer Prasch, ein net­ter und schlag­fer­ti­ger Typ, bei den Jugend­li­chen beliebt, auch wenn er manch­mal auf Ser­kans Kos­ten „harm­lo­se“ Wit­ze reißt und ihn scherz­haft „Osa­ma“ nennt, also mit dem Namen eines ara­bi­schen Ter­ro­ris­ten anspricht.

Dar­auf reagiert nie­mand aus der Klas­se. Auch Ser­kan bleibt am liebs­ten unter dem Radar der Auf­merk­sam­keit und möch­te ein­fach dazu­ge­hö­ren. Bis der neue Mit­schü­ler Ben­ja­min Schreit­mül­ler an die Schu­le kommt. Die ers­te Fra­ge, die ihm Leh­rer Prasch mit Blick auf sei­ne schwar­ze Haut­far­be stellt: „Ben­ja­min, wo kommst du her?“ Die Ant­wort „aus Leip­zig“ quit­tiert der Leh­rer mit Stau­nen und lässt sich zu Fra­ge hin­rei­ßen, ob denn nicht eigent­lich aus Gha­na… Zum ers­ten Mal platzt da Ben­ja­min der Kra­gen und immer wie­der the­ma­ti­siert er im Schul­all­tag jede ras­sis­ti­schen „Mikro­ag­gres­si­on“, die er erkennt.

Als dann in der Thea­ter-AG das Musi­cal „King Kong“ auf­ge­führt wer­den soll und Leh­rer Prasch für Ser­kan die Rol­le des Affen vor­schlägt, eska­liert das Gan­ze. Len­ni, der bis­lang sei­nem Leh­rer die dum­men Wit­ze auf Kos­ten Ser­kans immer sofort ver­zie­hen hat, muss plötz­lich Stel­lung bezie­hen…

Bei ihrer sehr leben­di­gen Lesung stößt Kath­rin Schro­cke beim jun­gen Publi­kum auf viel vor­sich­ti­ge Zurück­hal­tung, aber auch auf eini­ge gut durch­dach­te Rede­bei­trä­ge. Sie kennt das: „Wenn man Ras­sis­mus anspricht, sinkt die Raum­tem­pe­ra­tur gefühlt um 10 Grad, das ist ein Stim­mungs­kil­ler…“ Sie benennt auch das Phä­no­men der „Wei­ßen Trä­nen“: Eine Per­son, die wegen Ras­sis­mus ange­grif­fen wird, fühlt sich sofort ver­letzt. Für Kath­rin Schro­cke wäre eine ande­re Ver­hal­tens­wei­se rich­tig: Nach­fra­gen, zuhö­ren, nicht gleich eine empör­te Abwehr-Hal­tung ein­neh­men!

Die in Essen leben­de Autorin Kath­rin Schro­cke hat Ger­ma­nis­tik und Psy­cho­lo­gie stu­diert, eini­ge Jah­re in einem Kin­der­buch­ver­lag gear­bei­tet, ehe sie ihre Lauf­bahn als freie Schrift­stel­le­rin begann. Vie­le ihrer Jugend­bü­cher wur­den zu Klas­sen­lek­tü­ren.

Kath­rin Schro­cke: „Weis­se Trä­nen“ erschie­nen im Jahr 2023 im Münch­ner Ver­lag Mixtvi­si­on. ISBN: 978–3‑95854–205‑1, Preis 17,- Euro

Bild­un­ter­schrift: Schreibt Jugend­bü­cher mit viel Stoff zum Nach­den­ken: Kath­rin Schro­cke bei ihrer Lesung in der Aula des Staat­li­chen Beruf­li­chen Schul­zen­trums Alt­mühl­fran­ken. Foto: Babett Gut­h­mann