Klimawandel lässt die Natur früher erwachen – auch im Hofgarten in Eichstätt

von | 10. April 2025 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Eich­stätt (red).  Die knall­gel­ben Blü­ten der For­sy­thie sind ech­te Früh­lings­bo­ten – und die haben es mitt­ler­wei­le deut­lich eili­ger als noch vor eini­gen Jahr­zehn­ten. Der phä­no­lo­gi­sche Früh­ling, also das Wie­der­erwa­chen der Vege­ta­ti­on nach dem Win­ter, beginnt auf­grund des Kli­ma­wan­dels immer eher. Prof. Dr. Susan­ne Joch­ner-Oet­te von der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät Eich­stätt-Ingol­stadt (KU) beob­ach­tet die­se euro­pa­wei­te Ent­wick­lung seit eini­gen Jah­ren auch im Eich­stät­ter Hof­gar­ten.

Seit 2017 führt Joch­ner-Oet­te mit ihrem Team an der Pro­fes­sur für Phy­si­sche Geographie/Landschaftsökologie und nach­hal­ti­ge Öko­sys­tem­ent­wick­lung Beob­ach­tun­gen zum Vege­ta­ti­ons­be­ginn im Hof­gar­ten durch. Rund 100 der ins­ge­samt 230 Bäu­me und Sträu­cher neh­men die Hilfs­kräf­te der Pro­fes­sur genau unter die Lupe: Jeden drit­te Tag notie­ren sie den Ent­wick­lungs­zu­stand der Pflan­zen und wer­ten die­se Daten aus.

Die Eich­stät­ter Daten stim­men mit deutsch­land- und euro­pa­wei­ten Beob­ach­tun­gen über­ein: Höhe­re Tem­pe­ra­tu­ren ver­schie­ben die Jah­res­zei­ten und ver­kür­zen den Win­ter. Den Start des soge­nann­ten Vor­früh­lings mar­kiert die Blü­te des Hasel­strauchs. Im Eich­stät­ter Hof­gar­ten war dies in den letz­ten Jah­ren im Schnitt am 7. Febru­ar der Fall – in mil­den Win­tern bereits im Janu­ar. „Die Daten des Deut­schen Wet­ter­diensts, der seit 1951 bun­des­weit Beob­ach­tun­gen durch­führt, zei­gen, dass sich der Win­ter in den ver­gan­ge­nen Jahr­zehn­ten um etwa 20 Tage ver­kürzt hat. Frü­her dau­er­te er rund 120 Tage, heu­te nur noch etwa 100“, sagt Joch­ner-Oet­te. Die Ver­än­de­run­gen sind nicht nur auf die Hasel­blü­te beschränkt: Auch der Pol­len­flug wei­te­rer Arten wie Esche oder Bir­ke setzt frü­her ein. Die For­sy­thie, die aus­schlag­ge­bend ist für den Start des soge­nann­ten Erst­früh­lings, blüht laut den Daten des Deut­schen Wet­ter­diensts heu­te im Schnitt 11 Tage frü­her als vor vier­zig Jah­ren. Für den Hof­gar­ten notier­ten Susan­ne Joch­ner-Oet­te und ihr Team den Beginn der For­sy­thi­en-Blü­te in die­sem Jahr am 19. März.

Um die Ände­run­gen gra­phisch zu ver­deut­li­chen, nut­zen die For­schen­den der KU eine soge­nann­te phä­no­lo­gi­sche Uhr. Die­se zeigt die ver­schie­de­nen Vege­ta­ti­ons­pha­sen eines Jah­res anhand aus­ge­wähl­ter, cha­rak­te­ris­ti­scher Pflan­zen­ar­ten. Die phä­no­lo­gi­sche Uhr der For­schen­den unter­schei­det nicht vier Jah­res­zei­ten, son­dern sie ist in zehn Abschnit­te unter­teilt. Das ermög­licht eine genaue Ana­ly­se von kli­ma­be­ding­ten Ver­än­de­run­gen in der Natur. Pflan­zen, die sehr früh im Jahr blü­hen, reagie­ren sehr sen­si­bel auf höhe­re Tem­pe­ra­tu­ren.

Beson­ders nütz­lich sind sol­che phä­no­lo­gi­schen Infor­ma­tio­nen für All­er­gi­ker, die so den Beginn des Pol­len­flugs bes­ser ein­schät­zen kön­nen. Auch Land­wir­te und Forst­wir­te kön­nen sich an phä­no­lo­gi­schen Daten ori­en­tie­ren, um z.B. Aus­saat und Dün­gung zeit­lich zu pla­nen. Dar­über hin­aus sind Ein­tritts­zeit­punk­te der Blü­te auch wich­tig für Insek­ten, die sich von Nek­tar ernäh­ren. Fin­det die Blü­te vor der Akti­vi­täts­pe­ri­ode der Insek­ten statt, kann dies nega­ti­ve Aus­wir­kun­gen auf das Nah­rungs­an­ge­bot und das öko­lo­gi­sche Gleich­ge­wicht haben.

Wert­vol­le Daten für die Ana­ly­se der phä­no­lo­gi­schen Ent­wick­lung gene­riert das Netz­werk der Inter­na­tio­na­len Phä­no­lo­gi­schen Gär­ten (IPG), das 1957 gegrün­det wur­de, um euro­pa­weit ver­gleich­ba­re phä­no­lo­gi­sche Daten zu sam­meln. 2023 hat Susan­ne Joch­ner-Oet­te die Koor­di­na­ti­on der IPG über­nom­men. Mit 171 Sta­tio­nen in 18 Län­dern – dar­un­ter auch einer in den USA – bie­tet das IPG-Netz­werk eine ein­zig­ar­ti­ge Mög­lich­keit, die Aus­wir­kun­gen des Kli­ma­wan­dels auf die Natur zu erfas­sen. „In die­sen Gär­ten wach­sen Pflan­zen, die gene­tisch iden­tisch sind – sie stam­men alle aus einem Gar­ten in Fürs­ten­feld­bruck“, erklärt KU-Pro­fes­so­rin Joch­ner-Oet­te. „So kön­nen wir sicher­stel­len, dass die Unter­schie­de, die wir beob­ach­ten, tat­säch­lich auf die kli­ma­ti­schen Bedin­gun­gen an den jewei­li­gen Stand­or­ten zurück­zu­füh­ren sind und nicht auf gene­ti­sche Unter­schie­de.“ Nach Ende der lau­fen­den Vege­ta­ti­ons­pe­ri­ode wer­den auch die Daten des IPG-Stand­orts in Eich­stätt, der sich seit 2023 bei der Zen­tral­bi­blio­thek befin­det, von den For­schen­den der KU erst­mals auf­be­rei­tet und ana­ly­siert.

Bild­un­ter­schrift: Phä­no­lo­gi­sche Uhr für den Eich­stät­ter Hof­gar­ten – die Daten ent­spre­chen dem durch­schnitt­li­chen Ein­tritts­ter­min der jewei­li­gen phä­no­lo­gi­schen Jah­res­zeit im Hof­gar­ten seit 2017. Foto: upd/ Chris­ti­an Klenk