„Kürzt uns nicht weg“ — Caritas Eichstätt protestiert gegen geplante Einsparungen bei Freiwilligendiensten

von | 14. November 2023 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Eich­stätt (red). Vor geplan­ten Kür­zun­gen der Bun­des­re­gie­rung bei den Frei­wil­li­gen­diens­ten warnt der Cari­tas­ver­band für die Diö­ze­se Eich­stätt. Jakob Strel­ler, Cari­tas-Koor­di­na­tor im Bis­tum für die­se Diens­te, erklärt: „Bei einem ‚Kaputt­spa­ren‘ ris­kiert die Bun­des­re­gie­rung den Ver­lust eines erfolg­rei­chen und jahr­zehn­te­lang bewähr­ten For­ma­tes für Ori­en­tie­rung, Bil­dung und gesell­schaft­li­ches Enga­ge­ment. Und man ver­liert Men­schen, die sich über einen Frei­wil­li­gen­dienst für eine spä­te­re beruf­li­che Tätig­keit ent­wi­ckeln könn­ten.“ Der Bun­des­tag will am 16. Novem­ber über Ein­spa­run­gen ent­schei­den. Am kom­men­den Mon­tag fin­det ein bun­des­wei­ter Pro­test­tag unter dem Mot­to „#Kürzt uns nicht weg“ statt.

Quan­ti­ta­ti­ve und qua­li­ta­ti­ve Ver­schlech­te­rung befürch­tet

Mit Ver­öf­fent­li­chung des Haus­halts­ent­wurfs am 5. Juli 2023 wur­de eine Strei­chung der Mit­tel in den Jugend­frei­wil­li­gen­diens­ten, vor allem beim Frei­wil­li­gen Sozia­len Jahr, und im Bun­des­frei­wil­li­gen­dienst (BFD) bekannt­ge­ge­ben. Im Jahr 2024 sol­len danach statt der bis­her 329 Mil­lio­nen Euro für alle Diens­te nur noch 251 Mil­lio­nen zur Ver­fü­gung ste­hen: also 78 Mil­lio­nen weni­ger als bis­her, was einen Rück­gang von rund 25 Pro­zent bedeu­ten wür­de. Für das Jahr 2025 sind wei­te­re Kür­zun­gen um noch­mals 35 Mil­lio­nen Euro geplant. Damit stün­den dann nur noch 216 Mil­lio­nen Euro zur Ver­fü­gung, also ins­ge­samt nur noch 65 Pro­zent der bis­he­ri­gen För­de­rung. „Damit wür­de ver­mut­lich jeder drit­te Frei­wil­li­gen­platz weg­fal­len“, warnt Jakob Strel­ler. Im Bis­tum Eich­stätt gibt es nach sei­nen Wor­ten der­zeit ein Kon­tin­gent von 50 Plät­zen für den BFD. „Die geplan­ten Kür­zun­gen bedeu­ten für uns eine Ver­rin­ge­rung von zunächst zwölf und dann 17 Plät­zen“, bedau­ert der Cari­tas-Koor­di­na­tor und fügt hin­zu: „Neben den weg­fal­len­den Plät­zen wür­de auch unse­re Arbeits­zeit für Koor­di­na­ti­on, Qua­li­täts­ar­beit und Päd­ago­gi­sche Beglei­tung redu­ziert wer­den müs­sen.“ Es käme somit zu einer quan­ti­ta­ti­ven wie qua­li­ta­ti­ven Ver­schlech­te­rung, so Strel­ler.

Neben vor allem jun­gen Men­schen, die durch die Kür­zun­gen weni­ger Chan­cen bekä­men, müss­ten die sozia­len Ein­rich­tun­gen ohne Frei­wil­li­ge ihre kon­kre­ten Ange­bo­te stark redu­zie­ren. „Das Fach­kraft­per­so­nal ver­liert Unter­stüt­zung bei Tätig­kei­ten, die kei­ne fach­li­che Qua­li­fi­ka­ti­on, aber Zeit erfor­dern. Dies hät­te mit­tel­bar Aus­wir­kun­gen auf die Qua­li­tät der Arbeit und wür­de die ohne­hin ange­spann­ten Arbeits­be­din­gun­gen wei­ter unter Druck gera­ten las­sen“, erklärt Jakob Strel­ler. „Und der sozia­le Bereich ver­liert ins­ge­samt den Zugang zu Men­schen, die sie über den Frei­wil­li­gen­dienst für eine spä­te­re beruf­li­che Tätig­keit gewin­nen könn­ten. Damit gehen Optio­nen ver­lo­ren, dem Fach- und Arbeits­kräf­te­man­gel zu begeg­nen, aber auch um für zukünf­ti­ges frei­wil­li­ges Enga­ge­ment zu moti­vie­ren.“ Strel­ler ver­steht nicht, war­um immer wie­der über die Ein­füh­rung eines sozia­len Pflicht­diens­tes dis­ku­tiert wird, „der jähr­lich 14 bis 17 Mil­li­ar­den Euro kos­ten wür­de, woge­gen doch die der­zeit 329 Mil­lio­nen Euro für die bewähr­ten Frei­wil­li­gen­diens­te im Ver­gleich sehr nied­rig anmu­ten“. Für die­se for­dert er eine „lang­fris­ti­ge Ver­ste­ti­gung der Haus­halts­mit­tel“.

Um gegen die geplan­ten Ein­spa­run­gen zu pro­tes­tie­ren, haben Bun­des­frei­wil­li­gen­dienst­leis­ten­de im Bis­tum Eich­stätt am 11. Okto­ber die­ses Jah­res eine Post­kar­ten­ak­ti­on gestar­tet. Jeder BFD­ler konn­te hier­bei kurz auf­zei­gen, wer er ist, was er macht und was er von den Kür­zungs­plä­nen hält. Die Post­kar­ten wur­den an das Büro des Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten Dr. Rein­hard Brandl geschickt. Beim bun­des­wei­ten Pro­test­tag am 6. Novem­ber sind Frei­wil­li­ge dazu auf­ge­ru­fen, Flash­mobs, die Ver­tei­lung von Post­kar­ten an Poli­ti­ker und ande­re Aktio­nen zu orga­ni­sie­ren. Es kam zudem die Idee auf, dass sich an die­sem Tag Frei­wil­li­ge ein Drit­tel ihres Tages nicht ihren regu­lä­ren Auf­ga­ben wid­men, um sicht­bar zu machen, was pas­sie­ren wür­de, wenn die Kür­zun­gen so umge­setzt wür­den, wie sie der­zeit geplant sind. Zu die­ser Maß­nah­me ist im Bis­tum Eich­stätt aber nicht auf­ge­ru­fen wor­den.

Per­so­nel­le Per­spek­ti­ven gin­gen ver­lo­ren

Eine gro­ße Bedeu­tung hat der Bun­des­frei­wil­li­gen­dienst zum Bei­spiel im Cari­tas-Kin­der­dorf Mari­en­st­ein. Dort leis­ten die BFD­ler nach Mit­tei­lung von des­sen Ver­wal­tungs­lei­ter Flo­ri­an Fischer einen ganz wich­ti­gen Bei­trag in ver­schie­dens­ten Berei­chen: „von der Mit­ar­beit in den Wohn­grup­pen über Fahr­diens­te bis hin zu Haus­meis­ter­tä­tig­kei­ten“, beschreibt er die brei­ten Ein­satz­mög­lich­kei­ten. Und er stellt klar: „Wenn die­se Diens­te weg­fal­len, kön­nen wir man­che Din­ge so nicht mehr auf­recht­erhal­ten.“ Bedau­er­lich wäre es für ihn vor allem auch, dass in die­sem Fall per­so­nel­le Per­spek­ti­ven im Kin­der­dorf ver­lo­ren gin­gen: In den letz­ten Jah­ren konn­ten Fischer zufol­ge zwei Mit­ar­bei­ten­de fest ein­ge­stellt wer­den, die frü­her in der Ein­rich­tung einen Bun­des­frei­wil­li­gen­dienst leis­te­ten und danach Sozia­le Arbeit stu­dier­ten. Drei wei­te­re ehe­ma­li­ge BFD­ler aus dem Kin­der­dorf stu­die­ren der­zeit und wol­len danach auch in der heil­päd­ago­gi­schen Ein­rich­tung auf dem Blu­men­berg tätig wer­den. Inso­fern erfährt Fischer den Bun­des­frei­wil­li­gen­dienst in Zei­ten des Per­so­nal­man­gels als ganz wich­ti­gen Aus­gangs­punkt für die Gewin­nung von Mit­ar­bei­ten­den.

Zwei jun­ge Men­schen, die der­zeit im Kin­der­dorf ihren Bun­des­frei­wil­li­gen­dienst leis­ten, sind Johan­na Rin­nagl (18) und Simon Mün­zer (19). Johan­na Rin­nagl ist vor allem in der heil­päd­ago­gi­schen Tages­s­stät­te Ammo­nit enga­giert. Dort hilft sie zum Bei­spiel im Haus­halt, unter­stützt die Kin­der bei den Haus­auf­ga­ben, spielt mit ihnen und betreibt mit ihnen Sport. „Ich will im Berufs­all­tag Erfah­run­gen sam­meln“, nennt sie eines ihrer Zie­le. Sie hat vor, Sport zu stu­die­ren und könn­te sich gut vor­stel­len, spä­ter ein­mal als Sport­leh­re­rin im Kin­der­dorf zu arbei­ten. Von den geplan­ten Ein­spa­run­gen bei den Frei­wil­li­gen­diens­ten hält sie „gar nichts“. Sie fän­de es scha­de, wenn nicht mehr so vie­le jun­ge Men­schen die­sel­be Chan­ce bekä­men wie sie.

„Kürzt uns nicht weg“, meint auch ihr Kol­le­ge Simon Mün­zer. Er geht in sei­nem BFD vor­mit­tags dem Haus­meis­ter des Kin­der­dor­fes zur Hand, trägt zum Bei­spiel Müll weg, repa­riert Din­ge und baut Spiel­ge­rä­te auf. Ab dem Mit­tag ist er in der heil­päd­ago­gi­schen Wohn­grup­pe Mor­gen­rot, hilft etwa den Kin­dern beim Ler­nen und macht ihnen Frei­zeit­an­ge­bo­te. „Ich woll­te schon immer etwas Sozia­les machen und der Gesell­schaft etwas zurück­ge­ben“, erklärt Simon Mün­zer. Doch auch ihm geht es eben­so dar­um, selbst Erfah­run­gen zu sam­meln, den eige­nen Hori­zont zu erwei­tern und Berufs­ori­en­tie­rung zu fin­den. Und genau das wünscht er auch noch vie­len ande­ren jun­gen Men­schen.

Bild­un­ter­schrift: Jakob Strel­ler, Cari­tas-Koor­di­na­tor für Frei­wil­li­gen­diens­te, warnt vor Kür­zun­gen. Foto: Caritas/Esser