Löcher in Tunnel schlagen

von | 27. November 2024 | Allgemein

Frank Mron­ga, Lei­ter des Sozi­al­psych­ia­tri­schen Diens­tes der Cari­tas, über Sui­zid

„Es kommt häu­fig vor, dass Betrof­fe­ne Lebens­un­muts­ge­dan­ken haben, Sui­zid­ver­su­che kom­men auch immer wie­der ein­mal vor. Sui­zi­de selbst habe ich in mei­ner 30-jäh­ri­gen Tätig­keit hier Gott sei Dank nur eini­ge weni­ge erle­ben müs­sen.“ Das erklärt Frank Mron­ga, Psy­cho­lo­gi­scher Psy­cho­the­ra­peut und Lei­ter des Sozi­al­psych­ia­tri­schen Diens­tes der Cari­tas-Kreis­stel­le Eich­stätt. Nach sei­ner Erfah­rung betrifft die Pro­ble­ma­tik Sui­zid Men­schen aller Schich­ten und Alters­klas­sen. „Vor allem sind es aber Men­schen mitt­le­ren Alters zwi­schen etwa 40 und 50 Jah­ren, die schon Schick­sals­er­leb­nis­se hat­ten“, so Mron­ga. Men­schen mit chro­nisch psy­chi­schen Erkran­kun­gen, die zu dem Sozi­al­psych­ia­tri­schen Dienst kom­men, berich­te­ten nicht sel­ten von ver­gan­ge­nen Sui­zid­ver­su­chen. „Meist folg­te danach eine inten­si­ve psych­ia­trisch-sta­tio­nä­re Unter­stüt­zung.“

Als Grün­de dafür, dass Men­schen an Sui­zid den­ken oder ihn sogar bege­hen wol­len, spie­len dem Psy­cho­the­ra­peu­ten zufol­ge zum Bei­spiel Tren­nung und Schei­dung eine gro­ße Rol­le, aber auch Arbeits­lo­sig­keit und in spe­zi­el­len Fäl­len Flucht- und Trauma­er­fah­run­gen. Grund­sätz­lich hät­ten die Betrof­fe­nen das Gefühl, den Anfor­de­run­gen des Lebens nicht mehr gerecht zu wer­den und in der Gesell­schaft nicht mehr „zu funk­tio­nie­ren“. „Sie füh­len sich in ihrer Per­sön­lich­keit ver­letzt.“ Bei vie­len sei auch man­geln­de Wert­schät­zung eine Ursa­che oder, dass sie sich die Schuld für ein ver­meint­li­ches Ver­sa­gen geben. „Sie sagen sich zum Bei­spiel: Was soll das noch? Es hat kei­nen Sinn mehr! Alles fällt mir so schwer. Mei­ne Mit­men­schen mögen mich nicht mehr. Ich hal­te das nicht mehr aus“, nennt Mron­ga Bei­spie­le.

Risi­ko- und Schutz­fak­to­ren erfra­gen

Um Betrof­fe­nen zu hel­fen, ist nach Erfah­rung des Lei­ters der Sozi­al­psych­ia­tri­schen Diens­tes zunächst ein­mal auf­merk­sa­mes Zuhö­ren und behut­sa­mes Nach­fra­gen wich­tig: „Was mei­nen Sie damit, wenn Sie sagen, es hat kei­nen Sinn mehr?“ Im Lau­fe der Bera­tung gehe es dann dar­um, „bei den Leu­ten Löcher in ihren Tun­nel zu schla­gen, aus dem sie selbst kei­nen Aus­weg sehen. Wir schla­gen ihnen Alter­na­ti­ven vor, auf die sie selbst nicht kom­men“, infor­miert Mron­ga. Wenn ihm jemand zum Bei­spiel sage, er schaf­fe sein Stu­di­um nicht, kön­ne er ihm emp­feh­len, es lang­sa­mer zu absol­vie­ren, etwa die Anzahl der Prü­fun­gen bes­ser zu steu­ern. „Oft kommt es bei den Betrof­fe­nen dann zu einem Aha-Effekt und zu einer Auf­hel­lung der Stim­mung. Die Fokus­sie­rung auf den Sui­zid ver­hin­der­te zuvor das Fin­den einer ver­meint­lich ein­fa­chen Lösung“, weiß der Psy­cho­lo­gi­sche Psy­cho­the­ra­peut. Ganz wich­tig sei es auch, sehr schnell ande­re Fähig­kei­ten und Fer­tig­kei­ten, soge­nann­te Res­sour­cen des Betrof­fen, zu fin­den und zu ent­wi­ckeln, damit er letzt­end­lich den Glau­ben an sich selbst wie­der­fin­den kön­ne. Zudem erfra­gen Mron­ga und sei­ne Mit­ar­bei­ten­den im Gespräch Risi­ko- und Schutz­fak­to­ren. Fra­gen zu Risi­ko­fak­to­ren könn­ten etwa sein: „Wur­den schon Vor­be­rei­tun­gen getrof­fen? Mit wem hat die Per­son schon gespro­chen? Fühlt sich die Per­son einer extre­men Belas­tung aus­ge­setzt? Fällt es schwer, an etwas ande­res als die­se Pro­ble­me zu den­ken?“ Schutz­fak­to­ren, die aus­fin­dig gemacht wer­den, sei­en zum Bei­spiel: „Was hält die betrof­fe­ne Per­son am Leben? Wer kann unter­stüt­zend wir­ken? Was müss­te anders wer­den, damit das Leben wie­der aus­zu­hal­ten ist? Kön­nen sie sich selbst etwas Gutes tun?“ Auch Fra­gen nach Hob­bys und der mög­li­chen Ver­wur­ze­lung in einer Reli­gi­on gehö­ren laut Mron­ga hier­zu.

Mit man­chen Kli­en­ten ver­ein­ba­ren die Bera­te­rin­nen und Bera­ter, täg­lich zu tele­fo­nie­ren, mit vie­len schlie­ßen sie auch eine Art Ver­trag ab, dass sich die Betrof­fe­nen nichts antun. „Das kann münd­lich oder auch schrift­lich erfol­gen. Da sich Sui­zid­ge­fähr­de­te häu­fig zurück­zie­hen, ist es fer­ner wich­tig, für sie ein sozia­les Netz auf­zu­bau­en aus Ange­hö­ri­gen, Bekann­ten und Freun­den“, betont der Psy­cho­the­ra­peut. Für den Ernst­fall ergänzt er: „Wenn ein Sui­zid­ver­such unmit­tel­bar bevor­steht, soll­te man die 112 anru­fen. Wenn jemand das Bedürf­nis hat, sei­ne Lage mit­zu­tei­len und sie mit jeman­dem zu bespre­chen, weil kein Aus­weg zu fin­den sei, kann er sich ent­we­der an den Kri­sen­dienst Psych­ia­trie unter 0800 6553000 wen­den oder an die Tele­fon­seel­sor­ge unter 0800 1110111.“

Not­falls schnell exter­ne Hil­fe suchen

Für ganz wich­tig hält Frank Mron­ga die Erfah­rung, dass „in der Regel nicht das Spre­chen, son­dern das Nicht­an­spre­chen die sui­zi­da­le Absicht ver­stär­ken kann. Spre­chen ist für die Betrof­fe­nen eine Erleich­te­rung.“ Natür­lich sol­le man es aber behut­sam im Sin­ne eines Gesprächs­an­ge­bo­tes tun, ohne zudring­lich zu wer­den. Man kön­ne zum Bei­spiel fra­gen: „Was ist los mit dir? Was emp­fin­dest du als sinn­los? Was tut dir jetzt gut?“ Wenn sich Ange­hö­ri­ge über­for­dert füh­len, soll­ten sie schnell exter­ne Hil­fe suchen.

Kon­tak­te:

Cari­tas-Kreis­stel­le Eich­stätt, Sozi­al­psych­ia­tri­scher Dienst, Pfahl­stra­ße 17, 85072 Eich­stätt, Tele­fon: 8421 50870, E‑Mail: spdi@caritas-eichstaett.de,  Inter­net: www.spdi-eichstaett.de

Cari­tas-Kreis­stel­le Ingol­stadt, Bera­tungs­stel­le für psy­chi­sche Gesund­heit, Jesui­ten­stra­ße 1, 85049 Ingol­stadt, Tele­fon: 0841309100, E‑Mail: spdi@caritas-ingolstadt.de, Inter­net: www.spdi-ingolstadt.de

Bild­un­ter­schrift: Frank Mron­ga ist Lei­ter des Sozi­al­psych­ia­tri­schen Diens­tes der Cari­tas in Eich­stätt und berät auch immer wie­der Men­schen, die Sui­zid­ge­dan­ken haben. Foto: Caritas/Peter Esser