Nicht warten, bis es zu spät ist — Wölfe stellen Viehhalter vor große Herausforderungen

von | 17. Mai 2023 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Win­disch­hau­sen (do). Mit der rasan­ten Aus­brei­tung der Wöl­fe und der Zunah­me der Wolfs­ris­se wächst die Sor­ge der Vieh­hal­ter um ihre Wei­de­tie­re. Aus Sicht der Fach­leu­te ist eine all­ge­mei­ne Beja­gung des geschütz­ten Wol­fes kei­ne geeig­ne­te Maß­nah­me gegen Nutz­tier­schä­den. Sie emp­feh­len die Nut­zung von Her­den­schutz­maß­nah­men und sehen damit das Pro­blem vom Tisch. Der Frei­staat Bay­ern för­dert den Bau von wolfs­si­che­ren Zäu­nen und die Anschaf­fung von Her­den­schutz­hun­den. Doch nach Ansicht der Land­wir­te sind die­se Rege­lun­gen völ­lig unzu­rei­chend, da sich die Wolfs­po­pu­la­ti­on trotz aller Her­den­schutz­maß­nah­men alle 2,5 Jah­re ver­dop­pelt. Exem­pla­risch kann hier auf die Ent­wick­lung aus Bran­den­burg her­an­ge­zo­gen wer­den. Hier gab es 2012 einen ähn­li­chen Bestand wie in Bay­ern (ca. 23), wel­cher inner­halb von weni­ger als 10 Jah­ren auf über 500 ange­wach­sen ist. Aus die­sem Grund ist eine Co-Exis­tenz mit dem Wolf nur durch eine Regu­lie­rung der Bestän­de mög­lich.  Ste­fan Hauck hat­te zur Ver­deut­li­chung der Pro­ble­ma­tik inter­es­san­tes Daten­ma­te­ri­al mit Gra­fi­ken prä­sen­tiert. Die­ses ist auch im Online-Arti­kel ver­linkt.   

„Es kann kein unbe­grenz­tes Wachs­tum geben“, for­dert Ste­fan Hauck aus Win­disch­hau­sen. Seit zwei Jah­ren beschäf­tigt sich der Bio­land­wirt inten­siv mit dem The­ma. Die Umset­zung des Her­den­schutz­zauns im ver­gan­ge­nen Jahr inklu­si­ve För­der­mit­tel habe unkom­pli­ziert geklappt. Des­halb wol­le er auch nicht schwarz­weiß Malen. Wich­tig sei ihm auf­zu­zei­gen, wo den Land­wir­ten der Schuh drückt, beton­te er beim Vor­ort­ter­min an sei­nem Hof, bei dem neben Wei­de­tier­hal­tern auch Ver­tre­ter der Stadt­ver­wal­tung und des Jäger­ver­eins anwe­send waren. Hauck ist sicher, dass die Schutz­maß­nah­men, die mit viel Steu­er­geld ange­prie­sen wer­den, vor allem auch die Kul­tur­land­schaft und Lebens­qua­li­tät der Men­schen ver­än­dern wer­den. Allein in Bay­ern müss­ten von den 352.000 ha die zur Bewei­dung genutzt wer­den mehr als die Hälf­te mit Her­den­schutz­zäu­nen ver­se­hen wer­den. Dazu müss­ten Her­den­schutz­zäu­ne auf einer Län­ge von ca. 57.000 km für Rin­der und 226 wolfs­si­che­re Pfer­che für die Scha­fe instal­liert wer­den. Die Inves­ti­ti­ons­sum­me läge laut einer Kos­ten­schät­zung der Bay­ri­schen Lan­des­an­stalt für Land­wirt­schaft bei über 320 Mio. Euro, moniert Hauck. Auch die Fol­ge­kos­ten sei­en immens. Zudem sei die Bio­di­ver­si­tät nicht mehr gege­ben, da ande­re Tie­re nicht mehr durch die Wei­de strei­fen kön­nen. „Wir wol­len in den Dia­log tre­ten, wie man mit die­ser Situa­ti­on umgeht und wel­chen Maß­nah­men sinn­voll sind“, so Hauck. Zudem sei der Zaun nur ein Bau­stein, Wei­de­tie­re gegen Wöl­fe zu schüt­zen. Her­den­schutz­hun­de sol­len laut Fach­leu­ten ein wei­te­rer Teil der Lösung sein. Doch die­se müss­ten nicht nur spe­zi­ell aus­ge­bil­det, son­dern auch im Win­ter beschäf­tigt wer­den.

Der emo­tio­na­le Streit um mensch­li­che Urängs­te, geris­se­ne Wei­de­tie­re, teu­re Zäu­ne und den Stel­len­wert von Natur lässt kaum Raum für Lösun­gen. Es ist ein The­ma, das spal­tet. Natur­freun­de sehen den Wolf als geschütz­tes Tier, das sich sei­nen eins­ti­gen Lebens­raum zurück­er­obert, Land­wir­te das Raub­tier als aktu­ell größ­te Bedro­hung für die Vieh­wirt­schaft. Auch die Jäger haben kei­ner­lei Hand­ha­be. Selbst wenn der Wolf ver­letzt ist, dür­fen sie nicht auf ihn schie­ßen. „In der Kul­tur­land­schaft wird viel gere­gelt, war­um also nicht beim Wolf“, stellt sich Dia­na Oster vom Jagd­ver­ein die Fra­ge und ani­miert dazu, ehr­lich und unpo­le­misch an die Sache her­an­zu­ge­hen. „Wir brau­chen ein Gleich­ge­wicht, mit dem jeder leben kann“. Sie kön­ne es sich auf jeden Fall nicht vor­stel­len, dass es kei­ne Wöl­fe mehr gibt. „Jedes Lebe­we­sen hat sei­ne Berech­ti­gung“.

Auch Treucht­lin­gens Bür­ger­meis­te­rin Dr. Dr. Kris­ti­na Becker möch­te nicht die gan­ze Natur ein­ge­zäunt haben. Zudem wür­den die Maß­nah­men viel Geld kos­ten, das an ande­rer Stel­le not­wen­di­ger wäre. Sie wünscht sich, alle Betei­lig­ten an einen Tisch zu bekom­men und die Natur­schutz­ver­bän­de zwin­gend ein­zu­schlie­ßen.

„Dia­log ist wich­tig“, ist auch Kreis­ob­mann Erwin Auern­ham­mer über­zeugt. Er wün­sche sich ein Umden­ken in der Bevöl­ke­rung und der Poli­tik, bevor es zu spät sei. Es brau­che eine Bestands­re­gu­lie­rung, wenn es zu viel wird. Man habe jetzt die Chan­ce nicht den glei­chen Feh­ler wie bei den Grau­gän­sen zu machen.

Fotos: Bri­git­te Dorr/ Foli­en: Ste­fan Hauck