Pestel-Institut legt Wohnungsmarkt-Analyse vor – mit Wohnungsbedarf und Leerstand

von | 21. August 2024 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Kreis Wei­ßen­burg-Gun­zen­hau­sen muss 420 Woh­nun­gen pro Jahr­neu bau­en – In leer­ste­hen­de Woh­nun­gen kann oft kei­ner ein­zie­hen

Land­kreis Wei­ßen­burg-Gun­zen­hau­sen (red). Es muss gebaut wer­den: Bis 2028 braucht der Land­kreis Wei­ßen­burg-Gun­zen­hau­sen den Neu­bau von rund 420 Woh­nun­gen – und zwar pro Jahr. Die­se Woh­nungs­bau-Pro­gno­se für die kom­men­den vier Jah­re hat das Pest­el-Insti­tut in einer aktu­el­len Regio­nal-Ana­ly­se zum Woh­nungs­markt ermit­telt. „Der Neu­bau ist not­wen­dig, um das bestehen­de Defi­zit – immer­hin feh­len im Land­kreis Wei­ßen­burg-Gun­zen­hau­sen aktu­ell rund 570 Woh­nun­gen – abzu­bau­en: Aber auch, um abge­wohn­te Woh­nun­gen in alten Häu­sern nach und nach zu erset­zen. Hier geht es ins­be­son­de­re um Nach­kriegs­bau­ten, bei denen sich eine Sanie­rung nicht mehr lohnt“, sagt Mat­thi­as Gün­ther vom Pest­el-Insti­tut.

An dem Woh­nungs­be­darf im Kreis Wei­ßen­burg-Gun­zen­hau­sen ände­re auch die Zahl leer­ste­hen­der Woh­nun­gen nichts: Der aktu­el­le Zen­sus regis­triert für den Land­kreis Wei­ßen­burg-Gun­zen­hau­sen immer­hin rund 2.790 Woh­nun­gen, die nicht genutzt wer­den, so das Pest­el-Insti­tut. Das sei­en 6 Pro­zent vom gesam­ten Woh­nungs­be­stand im Land­kreis. Ein Groß­teil davon – näm­lich rund 1.920 Woh­nun­gen – ste­he jedoch schon seit einem Jahr oder län­ger leer. „Das sind immer­hin rund 69 Pro­zent vom Leer­stand. Dabei geht es aller­dings oft um Woh­nun­gen, die auch kei­ner mehr bewoh­nen kann. Sie müss­ten vor­her kom­plett – also auf­wen­dig und damit teu­er – saniert wer­den“, sagt Mat­thi­as Gün­ther.

Grund­sätz­lich sei ein gewis­ser Woh­nungs­leer­stand aber immer auch not­wen­dig. „Rund 3 Pro­zent aller Woh­nun­gen, in die sofort jemand ein­zie­hen kann, soll­ten frei sein. Schon allein, um einen Puf­fer zu haben, damit Umzü­ge rei­bungs­los lau­fen kön­nen. Und natür­lich, um Sanie­run­gen über­haupt machen zu kön­nen. Aber es wird nur sel­ten gelin­gen, Woh­nun­gen, die lan­ge leer ste­hen, wie­der zu akti­vie­ren und an den Markt
zu brin­gen“, so das Fazit von Mat­thi­as Gün­ther. Denn vie­le Haus­ei­gen­tü­mer hal­ten sich nach Beob­ach­tun­gen des Pest­el-Insti­tuts mit einer Sanie­rung zurück: „In ihren Augen ist eine Sanie­rung oft auch ein Wag­nis. Sie sind ver­un­si­chert. Sie wis­sen nicht, wel­che Vor­schrif­ten – zum Bei­spiel bei Kli­ma­schutz-Auf­la­gen – wann kom­men. Es fehlt ein­fach die poli­ti­sche Ver­läss­lich­keit. Ein Hin und Her wie beim Hei­zungs­ge­setz darf es nicht mehr geben“, kri­ti­siert der Lei­ter des Pest­el-Insti­tuts. Außer­dem hape­re es bei vie­len auch am nöti­gen Geld für eine Sanie­rung.

Wei­te­re Grün­de, war­um leer­ste­hen­de Woh­nun­gen nicht ver­mie­tet wer­den: „Immer wie­der kommt bei Erb­strei­tig­kei­ten kein Miet­ver­trag zustan­de. Und oft scheu­en sich Haus­ei­gen­tü­mer auch, sich einen Mie­ter ins eige­ne Haus zu holen, mit dem sie sich am Ende viel­leicht nicht ver­ste­hen“, sagt Mat­thi­as Gün­ther. Für ihn steht des­halb fest: „Am Neu­bau von Woh­nun­gen führt daher auch im Kreis Wei­ßen­burg-Gun­zen­hau­sen kein Weg vor­bei.“

Das Pest­el-Insti­tut hat die Regio­nal-Ana­ly­se zum Woh­nungs­markt im Auf­trag des Bun­des­ver­ban­des Deut­scher Bau­stoff-Fach­han­del (BDB) durch­ge­führt. Für des­sen Prä­si­den­tin macht die Unter­su­chung eines deut­lich: „Es ist eine Milch­mäd­chen­rech­nung, die leer­ste­hen­den Woh­nun­gen gegen den aktu­el­len Bedarf an Woh­nun­gen gegen­zu­rech­nen. Das funk­tio­niert so nicht. Poli­ti­ker, die das gera­de ver­su­chen, betrei­ben Augen­wi­sche­rei“, sagt Katha­ri­na Metz­ger. Sie erteilt damit der Auf­for­de­rung von Kla­ra Gey­witz (SPD) eine kla­re Absa­ge. Die Bun­des­bau­mi­nis­te­rin hat­te zuletzt den Men­schen, die eine Woh­nung suchen, gera­ten, aufs Land zu zie­hen.

Für die Ver­bands­che­fin vom Bau­stoff-Fach­han­del steht fest: „Der Woh­nungs­bau ist auch im Kreis Wei­ßen­burg-Gun­zen­hau­sen das Boh­ren dicker Bret­ter.“ Um vor­an­zu­kom­men, for­dert Metz­ger, die Bau­stan­dards zu sen­ken: „Ein­fa­cher bau­en – und damit güns­ti­ger bau­en. Das geht, ohne dass der Wohn­kom­fort dar­un­ter lei­det. Andern­falls baut bald kei­ner mehr.“ Es müs­se ein „star­kes Abspe­cken“ bei Nor­men und Auf­la­gen geben – im Bund, bei den Län­dern und Kom­mu­nen. Katha­ri­na Metz­ger warnt: „Am Ende stop­pen über­zo­ge­ne För­der­kri­te­ri­en, Nor­men und Auf­la­gen den Neu­bau von Woh­nun­gen – von hoch geschraub­ten Kli­ma­schutz­maß­nah­men, ohne die es kei­ne För­de­rung gibt, bis zu Stell­plät­zen, ohne die erst
gar nicht gebaut wer­den darf.“

Schar­fe Kri­tik rich­tet Metz­ger an den Bund: „Es pas­siert zu wenig. Und was jetzt pas­siert, kommt zu spät. Wer 400.000 Neu­bau­woh­nun­gen – dar­un­ter 100.000 neu gebau­te Sozi­al­woh­nun­gen – im Wahl­kampf ver­spricht und im Koali­ti­ons­ver­trag fest­schreibt, der darf nicht erst ein Jahr vor der nächs­ten Bun­des­tags­wahl wach wer­den.“ Ohne eine deut­lich stär­ke­re staat­li­che Unter­stüt­zung wür­den weder der not­wen­di­ge Neu­bau noch die Sanie­run­gen von Woh­nun­gen im erfor­der­li­chen Umfang gelin­gen.

Außer­dem kri­ti­siert Metz­ger gemein­sam mit den Wis­sen­schaft­lern vom Pest­el-Insti­tut den geplan­ten Bun­des­haus­halt für 2025: Dar­in fehl­ten drin­gend not­wen­di­ge För­der­mit­tel für den Woh­nungs­neu­bau – allen vor­an für den sozia­len Woh­nungs­bau. Der benö­tigt nach Berech­nun­gen des Pest­el-Insti­tuts min­des­tens 12 Mil­li­ar­den Euro pro Jahr von Bund und Län­dern. Der Bund stel­le für 2025 jedoch ledig­lich 3,5 Mil­li­ar­den Euro bereit.
Auch die Per­spek­ti­ve sei schlecht: Bis 2028 wol­le die Bun­des­re­gie­rung Sozi­al­woh­nun­gen mit weni­ger als 22 Mil­li­ar­den för­dern. „Das reicht hin­ten und vor­ne nicht. Und es ist ein will­kür­lich gegrif­fe­ner Zeit­raum, um eine ver­meint­lich hohe Mil­li­ar­den­sum­me in den Raum zu stel­len. Doch die Wahr­heit dahin­ter ist: Der sozia­le Woh­nungs­bau wird bei die­ser Bun­des­re­gie­rung auch wei­ter auf der Stre­cke blei­ben. Das müs­sen die Men­schen den hei­mi­schen Bun­des­tags­ab­ge­ord­ne­ten im Land­kreis Wei­ßen­burg-Gun­zen­hau­sen jetzt klar­ma­chen. Nur wenn es mas­si­ven Druck vor Ort gibt, wer­den die­se und die kom­men­de Bun­des­re­gie­rung begrei­fen, wie ernst die Lage ist“, sagt Katha­ri­na Metz­ger.

Aktu­ell erle­be die Woh­nungs­bau-Bran­che „einen regel­rech­ten Absturz“. Vie­le Unter­neh­men hät­ten bereits Kapa­zi­tä­ten abbau­en müs­sen. „Die Neu­bau-Zah­len gehen in den Kel­ler. Mau­er­stein-Her­stel­ler zum Bei­spiel schlie­ßen Wer­ke. Die Ent­las­sungs­wel­le rollt: Der Bau ver­liert Beschäf­tig­te – dar­un­ter gute Fach­kräf­te. Dabei ist das das Letz­te, was sich Deutsch­land jetzt erlau­ben darf“, so Katha­ri­na Metz­ger. Die Ver­bands­prä­si­den­tin des Bau­stoff-Fach­han­dels warnt gemein­sam mit dem Pest­el-Insti­tut vor einer „Absturz-Spi­ra­le beim Woh­nungs­neu­bau“. Die Situa­ti­on sei fatal: „Woh­nungs­not trifft auf Nicht-Woh­nungs­bau. Die­se toxi­sche Ent­wick­lung muss drin­gend gestoppt wer­den.“ Denn Woh­nungs­man­gel schaf­fe sozia­le Span­nun­gen. „Wenn sich Men­schen wochen- und mona­te­lang um eine neue Woh­nung küm­mern müs­sen, dann braut sich da etwas zusam­men. Das ist Gift für das sozia­le Mit­ein­an­der in der Gesell­schaft“, so Katha­ri­na Metz­ger.

Bild­un­ter­schrift: Wo woh­nen? – Der Land­kreis Wei­ßen­burg-Gun­zen­hau­sen braucht neue Woh­nun­gen. Nur: Der Neu­bau muss ein­fa­cher und damit
güns­ti­ger wer­den, so Exper­ten. Foto: Flo­ri­an Göri­cke