Sehnsucht nach einfachen Antworten: Forschende untersuchen Zusammenhang von Desinformation und Affekten

von | 13. September 2023 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Eich­stätt (red). Was macht Men­schen beson­ders anfäl­lig für Des­in­for­ma­tio­nen und wie kann man prä­ven­tiv dage­gen­hal­ten? Die­se Fra­gen ste­hen im Mit­tel­punkt des neu­en For­schungs­pro­jek­tes „Inno­va­ti­ve Kom­mu­ni­ka­ti­ons­stra­te­gien zur Inter­ven­ti­on und Prä­ven­ti­on bei Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen“ (IKIP), das Prof. Dr. Frie­de­ri­ke Herr­mann als Pro­fes­so­rin für Jour­na­lis­tik und Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft an der KU koor­di­niert. Geför­dert wird das Vor­ha­ben durch das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für Bil­dung und For­schung. Zu den wis­sen­schaft­li­chen Part­ne­rin­nen und Part­nern des drei­jäh­ri­gen For­schungs­pro­jek­tes gehö­ren For­schen­de der Media School Ham­burg, der Poli­zei­aka­de­mie Nie­der­sa­chen, der Frank­fur­ter Goe­the Uni­ver­si­tät und der Frank­furt Uni­ver­si­ty of Appli­ed Sci­ence. Neben der Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft sind die Wis­sen­schaft­le­rin­nen und Wis­sen­schaft­ler in den Berei­chen Psy­cho­lo­gie sowie Medi­en- und Sozi­al­psy­cho­lo­gie tätig.

Zwar zieht sich die geziel­te Streu­ung von Des­in­for­ma­ti­on durch die Geschich­te der Mensch­heit. Doch die zuneh­men­de Digi­ta­li­sie­rung trägt nicht nur dazu bei, dass seriö­se Nach­rich­ten jeder­zeit und über­all ver­füg­bar sind, son­dern dass sich auch Falsch­in­for­ma­tio­nen rasant ver­brei­ten. „Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen benö­ti­gen für ihre Ver­brei­tung aber nicht nur tech­ni­sche Mög­lich­kei­ten. Wider­hall fin­den sie nur, wenn ihre Inhal­te und Dar­stel­lungs­wei­sen an Bedürf­nis­se und Gefüh­le des Publi­kums anknüp­fen“, schil­dert Pro­fes­so­rin Herr­mann. Einen sol­chen Kon­text wür­den Nar­ra­ti­ve etwa im Hin­blick auf Ras­sis­mus und Anti­se­mi­tis­mus bie­ten: Die Erzäh­lun­gen grei­fen dif­fu­se Ängs­te auf und recht­fer­ti­gen die­se, indem sie schein­ba­re Ursa­chen und angeb­lich Schul­di­ge dafür benen­nen. „Sol­che Erklä­run­gen kön­nen die Emp­fän­ge­rin­nen und Emp­fän­ger erleich­tern – egal, wie absurd sie bei nüch­ter­ner Betrach­tung sind. Die Erzäh­lun­gen bedie­nen affek­ti­ve Bedürf­nis­se, doch bleibt die­ser Zusam­men­hang meist unbe­wusst. Gera­de in Kri­sen­si­tua­tio­nen haben Men­schen die Ten­denz, ein­fa­che Lösun­gen zu bevor­zu­gen“, so Herr­mann.

Die Coro­na-Pan­de­mie sei ein gutes Bei­spiel für die Nei­gung, sich kla­re Ursa­chen und Schul­di­ge zu wün­schen. Doch die Infor­ma­tio­nen sei­en nicht ein­deu­tig und zum Teil wider­sprüch­lich gewe­sen, weil sich das Wis­sen um die Pan­de­mie erst im Lau­fe der Zeit aus­dif­fe­ren­ziert habe. Die­se Ambi­gui­tät sei für man­che Men­schen gera­de in Kri­sen­si­tua­tio­nen nur schwer aus­zu­hal­ten und ver­ur­sacht Ängs­te. Dies mach­ten sich wie­der­um die Initia­to­ren von Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen gezielt zunut­ze, um den öffent­li­chen Dis­kurs in eine Rich­tung zu len­ken.

Die Kom­mu­ni­ka­ti­ons­wis­sen­schaft­le­rin erklärt: „Wir set­zen einen Schritt vor den eigent­li­chen Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen an und beschäf­ti­gen uns mit ihrem Nähr­bo­den. Die The­se dahin­ter ist, dass bestimm­te Nar­ra­ti­ve den Boden dafür berei­ten, dass Des­in­for­ma­ti­on und Pola­ri­sie­rung bei Men­schen über­haupt ver­gan­gen und sie nur noch schwer erreich­bar sind für die Rich­tig­stel­lung von Fak­ten.“

Zwar sei­en Nar­ra­ti­ve als Trieb­fe­der von Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen etwa zu Fra­gen von Migra­ti­on schon ein­ge­hend The­ma der wis­sen­schaft­li­chen Dis­kus­si­on gewe­sen, jedoch meist bezo­gen auf expli­zit sicht­ba­re Inhal­te. Unbe­rück­sich­tigt geblie­ben sei bis­lang die sub­ti­le Wir­kung von laten­ten Nar­ra­ti­ven, die „gewis­ser­ma­ßen zwi­schen den Zei­len ste­hen und sich erst durch die Reak­ti­on der Medi­en­nut­zen­den dar­auf ent­fal­ten“. So schenk­ten Men­schen einer Infor­ma­ti­on eher Glau­ben, die ihnen bereits ver­traut vor­kom­me, etwa weil sie – ein typi­sches Merk­mal von Kam­pa­gnen – häu­fig wie­der­holt wur­de. Vor die­sem Hin­ter­grund haben es seriö­se Infor­ma­tio­nen schwer, durch­zu­kom­men, weil sie dif­fe­ren­zie­ren und kei­ne ein­fa­chen Lösun­gen prä­sen­tie­ren. „Sie kön­nen damit nicht in glei­cher Wei­se an bestimm­te Grund­mus­ter des Den­kens und Füh­lens anknüp­fen und kei­ne ver­gleich­ba­re Macht ent­fal­ten“, erklärt Pro­fes­so­rin Herr­mann.

Ent­ge­gen die­ser Erkennt­nis­se ope­rier­ten bis­he­ri­ge Ansät­ze gegen die Ver­brei­tung von Des­in­for­ma­ti­on meist auf kogni­ti­ver Ebe­ne. Doch mit ratio­na­len Argu­men­ten sei nur schwer gegen Emo­tio­nen anzu­kom­men. Des­halb ver­folgt das IKIP-Pro­jekt einen brei­te­ren Ansatz: „Die Funk­tio­nen der in Des­in­for­ma­ti­on ent­hal­te­nen Nar­ra­ti­ve und Frames müs­sen in ihrer Wir­kungs­wei­se bewusst­ge­macht wer­den, um sie zu ent­zau­bern.“ Auch Jour­na­lis­ten sind, wie alle Men­schen, in bestimm­ten Situa­tio­nen anfäl­lig für ein­fa­che Lösun­gen. Des­halb gehö­ren neben Mul­ti­pli­ka­to­rin­nen und Mul­ti­pli­ka­to­ren in Hoch­schu­le und Schu­le auch expli­zit Medi­en­schaf­fen­de zur Ziel­grup­pe von spe­zi­el­len Trai­nings, die dazu bei­tra­gen sol­len, ein­fa­chen Ant­wor­ten und Pola­ri­sie­run­gen zu wider­ste­hen. In Koope­ra­ti­on mit der Süd­deut­schen Zei­tung und der Medi­en­aka­de­mie von ARD und ZDF sol­len außer­dem Kon­zep­te ent­ste­hen, die Jour­na­lis­tin­nen und Jour­na­lis­ten Ori­en­tie­rung dafür bie­ten, wie sich Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen in sozia­len Medi­en, Nut­zer­kom­men­ta­ren oder der Bericht­erstat­tung ent­ge­gen­wir­ken lässt.

Die Ent­wick­lung der Prä­ven­ti­ons- und Inter­ven­ti­ons­maß­nah­men beruht auf Fra­ge­bo­gen- und Inter­viewstu­di­en der IKIP-For­schen­den zu den psy­chi­schen Fak­to­ren, die für Des­in­for­ma­ti­on anfäl­lig machen. Sie wer­den mit der qua­li­ta­ti­ven und quan­ti­ta­ti­ven Ana­ly­se der Angst­nar­ra­ti­ve ver­knüpft.

Bis­her gebe es, wie Pro­fes­so­rin Herr­mann schil­dert, erst rela­tiv wenig For­schung dazu, wel­che Per­so­nen in beson­de­rer Wei­se für Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen anfäl­lig sind; der Zusam­men­hang der Emp­fäng­lich­keit für bestimm­te Nar­ra­ti­ve auf­grund spe­zi­fi­sche psy­chi­scher Dis­po­si­tio­nen wur­de bis­lang noch nicht unter­sucht. Zen­tral ist hier das Kon­zept der Ambi­gui­täts­to­le­ranz. Es bezeich­net die Fähig­keit, Wider­sprüch­lich­kei­ten, Mehr­deu­tig­keit und Unsi­cher­heit zu ertra­gen. Gera­de in Kri­sen­si­tua­tio­nen nei­gen man­che Men­schen zu ein­fa­chen Ant­wor­ten und scha­blo­nen­haf­tem Schwarz-Weiß-Den­ken, das durch Angst­nar­ra­ti­ve und Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen bedient wird, so Herr­mann. Men­schen mit gerin­ger Ambi­gui­täts­to­le­ranz wür­den uner­war­te­te, schwer kon­trol­lier­ba­re Situa­tio­nen oft als Bedro­hung wahr­neh­men. Vom Wunsch nach Ein­deu­tig­keit ist es nicht weit zu ein­fa­chen Ant­wor­ten, wie sie von den Ver­schwö­rungs­er­zäh­lun­gen und Des­in­for­ma­ti­ons­kam­pa­gnen gelie­fert wer­den. Sie stell­ten den Ver­such dar, Ambi­gui­tät gar nicht erst spür­bar wer­den zu las­sen, und sei­en damit eine Trieb­kraft für radi­ka­le Ein­stel­lun­gen sowie eine Bedro­hung für die Demo­kra­tie. „Denn die psy­chi­sche Ent­las­tung erfolgt um den Preis einer ver­zerr­ten Wahr­neh­mung der Rea­li­tät und damit ver­bun­de­nen Ein­schrän­kun­gen der Hand­lungs­op­tio­nen.“

Foto: Frie­de­ri­ke Herrmann/ pri­vat