Slow Food unterstützt die Landwirte, nicht aber die Form der Proteste

von | 15. Januar 2024 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Alt­mühl­fran­ken (red). Slow Food Alt­mühl­fran­ken sieht in der Strei­chung der Agrar­die­sel­bei­hil­fe und der Kfz-Steu­er­be­frei­ung eine nicht nach­voll­zieh­ba­re Benach­tei­li­gung aus­ge­rech­net der in der Land­wirt­schaft täti­gen Bevöl­ke­rung. Denn kli­ma­po­li­tisch hät­te eine Redu­zie­rung der Koh­le­ver­stro­mung oder die Sub­ven­tio­nie­rung des Flug­ver­kehrs deut­lich höhe­re Effek­te erzielt und vor allem für eine grö­ße­re Ent­las­tung des Bun­des­haus­halts bewir­ken kön­nen. Auch gesamt­ge­sell­schaft­lich wären dies effi­zi­en­te­re Maß­nah­men gewe­sen, zumal für die Land­wirt­schaft der­zeit noch kei­ne Alter­na­ti­ven für die Nut­zung von Trak­to­ren oder Die­sel ange­bo­ten wer­den kön­nen.

Ins­ge­samt muss aber die Kfz-Steu­er­be­frei­ung end­lich ein­mal – und natür­lich nicht allei­ne für die Land­wir­te – auf den Prüf­stand. Hier, wie auch bei der Agrar­die­sel­bei­hil­fe ist es ja gesell­schafts-poli­tisch nicht mehr zu ver­ant­wor­ten, dass in die­ser Zeit noch kli­ma­schäd­li­che Sub­ven­tio­nen gewährt wer­den. Das Umwelt­bun­des­amt mahnt schon seit Jah­ren statt­des­sen eine Umkehr zu einer nach­hal­ti­gen Land­wirt­schaft an und kri­ti­siert mas­siv die Agrar­die­sel­sub­ven­tio­nen sowie die par­ti­el­le Kfz-Steu­er­be­frei­ung. Soweit für bestimm­te Bran­chen nicht gerecht­fer­tig­te Nach­tei­le aus einer Besteue­rung oder der Höhe eines für die beruf­li­che Mobi­li­tät not­wen­di­gen Treib­stoffs tat­säch­lich ent­ste­hen, sind die­se Bran­chen end­lich über einen ande­ren Weg wir­kungs­voll zu ent­las­ten. Aber ange­sichts der glo­ba­len Anstren­gun­gen um jeden Mil­li­me­ter Fort­schritt bei den Bemü­hun­gen der für uns alle exis­tenz­be­dro­hen­den Kli­ma­ver­än­de­rung, ist die­ses Instru­ment einer kli­ma­schäd­li­chen Sub­ven­ti­on mitt­ler­wei­le völ­lig untrag­bar sowie gesell­schafts­po­li­tisch nicht zu ver­ant­wor­ten!
Und es ist gera­de des­we­gen auch höchst frag­wür­dig, dass dann noch mit die­sen von allen Steu­er-zah­len­den die­sel­sub­ven­tio­nier­ten Trak­to­ren zu Demons­tra­tio­nen auf­ge­ru­fen und auf­ge­fah­ren wird. Denn es gibt in der Tat sehr viel krea­ti­ve­re und eben­so öffent­lich­keits­wirk­sa­me Pro­tes­te, des­we­gen müs­sen – in bes­ter und gleich­wohl wenig sinn­vol­ler Kli­makle­ber-Manier – kei­ne Ver­kehrs- oder Was­ser­we­ge blo­ckiert wer­den.

Slow Food sieht in der jetzt sicht­bar gewor­de­nen Pro­test­be­reit­schaft vie­ler Bäue­rin­nen und Bau­ern eine umfas­sen­de Unzu­frie­den­heit mit der Agrar­po­li­tik die­ser sowie aller vor­an­ge­gan­ge­ner Bun­des-regie­run­gen, weil eine Rei­he von Zusa­gen nicht ein­ge­hal­ten wur­den. Die­ter Popp hält es als Slow Food-Vor­sit­zen­der Alt­mühl­fran­ken für längst über­fäl­lig – und die­se For­de­rung wird auch von
der Gesell­schaft breit mit­ge­tra­gen – wenn Land­wir­te end­lich von gerech­ten Erzeu­ger­prei­sen und nicht von Sub­ven­tio­nen leben kön­nen. Solan­ge aber alle umwelt- und gesund­heits­po­li­tisch not­wen­di­gen Bewirt­schaf­tungs­auf­la­gen nicht aus­rei­chend hono­riert wer­den und vor allem die Gesell­schaft die dar­aus resul­tie­ren­den fai­ren Prei­se nicht akzep­tiert, kann sich an der aktu­el­len Situa­ti­on wenig ändern. Wenn Land­wir­te auf Trak­to­ren demons­trie­ren und par­al­lel dazu Ver­brau­cher gezielt nach den Bil­lig-Ange­bo­ten der Dis­coun­ter suchen, gewinnt nie­mand in die­sem Pro­zess.

Es gehört aber auch zur Wahr­heit, dass vie­le Ver­brau­che­rin­nen und Ver­brau­cher all die­se kom­pli-zier­ten Zusam­men­hän­ge nicht mehr wirk­lich umfas­send nach­voll­zie­hen kön­nen und des­we­gen die Land­wirt­schaft nicht sel­ten nur noch als eine höchst unzu­frie­de­ne Berufs­spar­te anse­hen, von der sie allen­falls die Höhe der ihr gewähr­ten Sub­ven­tio­nen genau­er bezif­fern kön­nen. Es fehlt lei­der noch immer ein ech­ter und vor allem direk­ter Dia­log zwi­schen den Kon­su­mie­ren­den und der Bau­ern­schaft. Die jetzt ent­brann­ten bäu­er­li­chen Demons­tra­tio­nen machen dies erneut deut­lich, da weder deren Hin­ter­grün­de von einer Bevöl­ke­rungs-Mehr­heit rich­tig ein­ge­schätzt, noch die Art und Wei­se eini­ger Pro­test­for­men als ange­mes­sen ange­se­hen wer­den.

Zur Wahr­heit gehört aber auch, dass die Sicher­heit der Lebens­mit­tel­er­zeu­gung nicht gegen Kli­ma-schutz und Bio­di­ver­si­tät aus­ge­spielt wer­den kann, wie das viel­fach in die­sen Tagen zu hören war. Es soll­te zum All­ge­mein­wis­sen gehö­ren, dass gera­de die Sicher­heit der Pro­duk­ti­on unse­rer Nah­rungs-mit­tel in einem zuneh­men­den Maße von einem wir­kungs­vol­len Schutz der Bio­di­ver­si­tät unmit­tel­bar abhän­gig sind. Bei­spie­le aus der Nahrungsmittel‑, aber auch der Arz­nei­mit­tel­for­schung bele­gen, wie unver­zicht­bar immer noch der Rück­griff auf das gene­ti­sche Poten­zi­al zahl­rei­cher Wild­for­men in der Arten­viel­falt ist. Und wenn uns im Bereich des Kli­ma­schut­zes nicht inner­halb des ver­blie­be­nen und jähr­lich gerin­ger wer­den­den Zeit­fens­ters für glo­bal wirk­sa­me Gegen­maß­nah­men, ein weit­rei­chen­der Durch­bruch gelingt, wer­den Agrar­die­sel­bei­hil­fen oder ande­re Sub­ven­tio­nen uns kaum vor einem dro­hen­den Kli­ma-Desas­ter bewah­ren kön­nen. Aber die­se Gegen­maß­nah­men wer­den – wenn sie denn Wir­kung zei­gen sol­len – uns allen eben auch sehr weh tun!

Umfas­sen­der als mit den jetzt vor­ge­nom­me­nen Strei­chun­gen kann der Land­wirt­schaft in Deutsch-land gehol­fen wer­den, wenn end­lich als Aus­wir­kun­gen der letz­ten Bau­ern­pro­tes­te 2019/2020 die Emp­feh­lun­gen der sog. Bor­chert-Kom­mis­si­on sowie der Zukunfts­kom­mis­si­on Land­wirt­schaft – bei­de unter akti­ver Mit­wir­kung bäu­er­li­cher Ver­tre­tun­gen ent­stan­den – kon­kret umge­setzt wer­den. Dazu zäh­len vor allem der Umbau der Tier­hal­tung und eine nach­hal­ti­ge­re Form des Pflan­zen­baus, damit mehr umwelt­ver­träg­lich, kli­ma­scho­nend und tier­wohl­ge­recht gewirt­schaf­tet wer­den kann. Die­se Maß­nah­men sind auch ein Bei­trag zur höhe­ren Akzep­tanz der Land­wirt­schaft in der Gesamt­ge­sell-schaft. Und sie sind in wei­ten Tei­len sogar kos­ten­neu­tral umzu­set­zen, so dass damit der Bun­des­haus-halt nicht erheb­lich mehr belas­tet wer­den müss­te. Im Zeit­al­ter der Digi­ta­li­sie­rung soll­te es aber auch mög­lich sein, sich von flä­chen­ge­bun­de­nen Sub­ven­tio­nen zu ver­ab­schie­den, damit der Groß­teil die­ser Zah­lun­gen vor allem den Klein­be­trie­ben – gera­de hier in Fran­ken — zukommt, die nach wie vor bei den meis­ten Agrar­re­for­men der letz­ten Jahr­zehn­te zu kurz gekom­men sind. Es geht – ent­ge­gen man­cher Paro­len auf den durch Deutsch­land kut­schie­ren­den Trak­to­ren-Kon­vois – eben nicht vor­ran­gig um die­se Sub­ven­tio­nen, son­dern dar­um den Bau­ern eine ech­te beruf­li­che Per­spek­ti­ve zu bie­ten sowie ihnen end­lich sowie dau­er­haft auch kos­ten­de­cken­de Prei­se zu zah­len – eine immer wie­der erho­be­ne Slow Food-For­de­rung!

Slow Food ist eine welt­wei­te Bewe­gung, die sich für eine leben­di­ge und nach­hal­ti­ge Kul­tur des Essens und Trin­kens ein­setzt. Der Ver­ein tritt für die bio­lo­gi­sche Viel­falt ein, för­dert eine nach­hal­ti­ge und umwelt­freund­li­che Lebens­mit­tel­pro­duk­ti­on auf der Basis fai­rer Erzeu­ger­prei­se, betreibt Geschmacks­bil­dung und bringt Erzeu­ger von hand­werk­lich her­ge­stell­ten Lebens­mit­teln auf Ver­an­stal­tun­gen sowie durch Initia­ti­ven mit Ver­brau­chen­den zusam­men.

Slow Food Deutsch­land wur­de 1992 gegrün­det und ist ein ein­ge­tra­ge­ner Ver­ein mit Sitz in Ber­lin. Die Slow Food Bewe­gung zählt in Deutsch­land etwa 21.000 Mit­glie­der in über 90 Con­vi­vi­en (loka­le Gruppen),weltweit enga­gie­ren sich mehr als 190.000 Men­schen in über 165 Län­dern (www.slowfood.de).

Slow Food Alt­mühl­fran­ken wur­de 2012 gegrün­det und wid­met sich dem Bewusst­sein für die vor Ort noch vor­han­de­nen bäu­er­li­chen Erzeu­ger sowie das Lebens­mit­tel ver­ar­bei­ten­de Hand­werk. Eine hohe Dich­te selbst schlach­ten­der Metz­ge­rei­en, eine Viel­zahl an Müh­len und noch selbst backen­de Bäcke­rei­en oder die 13 hand­werk­li­chen Braue­rei­en zeu­gen von die­ser Qua­li­tät sowie einer hohen regio­na­len Wert­schöp­fung, die es zu erhal­ten gilt. Damit all die­se Pro­duk­te eine erleb­ba­re Büh­ne erhal­ten und um zu unter­strei­chen, dass sie ihren Preis wert sind, bemüht sich Slow Food um die Siche­rung die­ser Lebens­qua­li­tät.

Foto: Pix­a­bay