Stadt Gunzenhausen – Zehn Bäume gegen das Vergessen

von | 16. August 2023 | Altmühlfranken, Gunzenhausen

Gun­zen­hau­sen (red). Im Juden­tum sind Bäu­me von zen­tra­ler Bedeu­tung. Nicht nur in der Tora wird der Baum mehr­fach erwähnt, mit Tu Bischwat ist den Bäu­men sogar ein Neu­jahrs­fest gewid­met. Natur ist für uns Men­schen da und wur­de nach gött­li­chem Plan geschaf­fen. Die­se Schöp­fung gilt es zu schüt­zen, ste­hen Bäu­me doch für das Geschenk des Lebens. Frei nach dem Buch Mose ist der Mensch wie ein Feld­baum, er wächst und gedeiht, muss aber auch vor Schä­den bewahrt wer­den. Vor kur­zem haben Nach­kom­men jüdi­scher Fami­li­en aus Gun­zen­hau­sen zehn jun­ge Ahorn­bäu­me auf dem Hin­den­burg­platz gepflanzt. Als „trees of remem­berance“ sol­len die Bäu­me künf­tig Mahn­mal und Hoff­nungs­schim­mer sein, ein leben­di­ger Hin­weis auf ein schreck­li­ches Kapi­tel Stadt­ge­schich­te. Ange­regt wur­de die Akti­on von der Gun­zen­häu­ser Dia­log­grup­pe, die sich seit Jah­ren um eine Annä­he­rung bemüht. Rund 30 jüdi­sche Men­schen aus der gan­zen Welt sind nach Gun­zen­hau­sen gereist um mit der Dia­log­grup­pe über Ver­gan­gen­heit, Gegen­wart und Zukunft zu spre­chen. Die Baum­pflan­zung am Hin­den­burg­platz war der Abschluss einer inten­si­ven Annä­he­rung. An einem sym­bo­li­schen Platz wur­den kräf­ti­ge Wur­zeln für eine gemein­sa­me Zukunft gesetzt.

„Wir haben den Hin­den­burg­platz bewusst als Stand­ort für die Bäu­me gewählt“, erklärt Peter Schnell, Mit­glied der Dia­log­grup­pe und Zwei­ter Bür­ger­meis­ter der Stadt Gun­zen­hau­sen. „Hier haben die Gun­zen­häu­ser Nazis 1936 eine Gedenk­stät­te für die Opfer des Ers­ten Welt­kriegs ein­ge­weiht. Gezielt haben sie die Namen gefal­le­ner jüdi­scher Sol­da­ten ver­schwie­gen. Die­se wur­den erst in den 1950er-Jah­ren am Mahn­mal nach­ge­tra­gen. Die neu­en Bäu­me sol­len uns an die­se schreck­li­che Ver­gan­gen­heit erin­nern. Sie sind sicht­ba­res Zei­chen gegen Anti­se­mi­tis­mus, Ver­fol­gung und Gewalt.“

Die For­schung geht aktu­ell von 107 jüdi­schen Frau­en, Män­nern und Kin­dern aus Gun­zen­hau­sen aus, die wäh­rend der Nazi-Zeit in der Shoa ums Leben kamen. Die Stadt Gun­zen­hau­sen stellt sich ihrer Ver­gan­gen­heit und bemüht sich seit Jah­ren um einen frucht­ba­ren Dia­log mit jüdi­schen Nach­kom­men. Die Auf­ar­bei­tung ist nicht immer ein­fach, gemein­sam wird jedoch an einer Zukunft des Mit­ein­an­ders gefeilt. „Auch, wenn wir Geschich­te nicht ändern kön­nen, über­neh­men wir heu­te Ver­ant­wor­tung“, betont Peter Schnell. „Die Bäu­me sind ein Blick in die Zukunft und sol­len auch Kin­der und irgend­wann deren Kin­der an die furcht­ba­re Ver­gan­gen­heit erin­nern. Der Hin­den­burg­platz soll mit sei­nem Krie­ger­denk­mal nicht mehr nur den Tod reprä­sen­tie­ren, son­dern künf­tig auch das Leben und den Frie­den.“

An den gepflanz­ten Bäu­men wur­de jeweils eine Gedenk­ta­fel ange­bracht. Jede Tafel steht für eine ver­trie­be­ne Fami­lie, nament­lich sind es die Ber­manns, die Dot­ten­hei­mers, die Eisens, die Hell­manns, die Land­aus, die Leh­manns, die Rosen­fel­ders, die Roth­schilds, die Strauß´ und die Tei­tel­baums.

Wei­ter­füh­ren­de Infor­ma­tio­nen zum Jüdi­schen Leben in Gun­zen­hau­sen sind unter jl-gunzenhausen.de jeder­zeit abruf­bar.

Bild­un­ter­schrift: Die gesam­te Dia­log-Grup­pe am Hin­den­burg­platz. Foto: Stadt Gun­zen­hau­sen