Wieder illegaler Baggereinsatz in einem Naturschutzgebiet

von | 11. April 2023 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

(red). Nach den Zer­stö­run­gen am Rap­pen­alp­bach und an den geschütz­ten Sin­ter­ter­as­sen ist an einem Bach im Land­kreis Wei­ßen­burg-Gun­zen­hau­sen ein wei­te­rer ille­ga­ler Ein­griff im Bereich eines Natur­schutz­ge­bie­tes bekannt gewor­den. Im Natur­schutz­ge­biet Scham­bach­ried bei Treucht­lin­gen, einem 100 Hekt­ar gro­ßen öko­lo­gisch wert­vol­len Nie­der­moor, wur­den geschütz­te Bio­to­pe zer­stört und das Moor durch Ver­tie­fung von Grä­ben ent­wäs­sert und schwer geschä­digt.

Das Gebiet ist als euro­päi­sches Flo­ra-Fau­na-Habi­tat­ge­biet (FFH-Gebiet „Scham­bach­ried“) geschützt. Dem schnel­len Ein­grei­fen der ört­li­chen Natur­schutz­be­hör­de ist es zu ver­dan­ken, dass die Arbei­ten gestoppt und der Was­ser­ab­fluss ein­ge­dämmt wer­den konn­te. Noch am sel­ben Tag wur­den Erd­pfrop­fen in die Grä­ben wie­der ein­ge­baut und der Was­ser­ab­fluss erst­mal gestoppt. Der größ­te Teil der beab­sich­tig­ten Gra­ben­maß­nah­men war aber bereits voll­zo­gen, die Schä­den sind gra­vie­rend.

Ein Bür­ger hat­te beim BUND Natur­schutz Alarm geschla­gen. Im Bereich des Natur­schutz­ge­bie­tes Scham­bach­ried sei­en Bag­ger­ar­bei­ten im Gan­ge. Die sofort ver­stän­dig­ten ehren­amt­lich Akti­ven aus der BN-Kreis­grup­pe Wei­ßen­burg-Gun­zen­hau­sen sahen sich im Gebiet um und muss­ten fest­stel­len, dass dort mit typi­scher Feucht­ve­ge­ta­ti­on bewach­se­ne Grä­ben aus­ge­bag­gert und ver­tieft wur­den, gro­ße Wei­den mit Wur­zel­stö­cken her­aus­ge­ris­sen waren und der Grund­was­ser­stand im Moor bereits um ca. 20 cm abge­sun­ken war — sie waren sprach­los.

Nie­der­moo­re sind nicht nur wich­ti­ge CO2-Spei­cher und damit für die Bewäl­ti­gung der Kli­ma­kri­se unab­ding­bar. Wegen der dort herr­schen­den hohen Was­ser­stän­de und der spe­zi­el­len Nähr­stoff­ar­mut kom­men hier vie­le Spe­zia­lis­ten der Tier- und Pflan­zen­welt vor. Die dort vor­kom­men­den sel­te­nen und emp­find­li­chen Arten wie Teich­rohr­sän­ger, Schwarz­kehl­chen, Was­ser­spitz­maus, Schmal­blätt­ri­ges Woll­gras oder Fie­ber­klee sind auf den hohen Was­ser­stand ange­wie­sen, jede Aus­trock­nung scha­det ihnen und dem gan­zen Lebens­raum.

Wegen des Schut­zes als Natu­ra 2000-Gebiet ver­stößt die Ent­wäs­se­rung und Zer­stö­rung der Lebens­räu­me daher gegen euro­päi­sches Natur­schutz­recht, außer­dem gleich mehr­fach gegen baye­ri­sches Natur­schutz­recht, denn auch hier ist sowohl die Zer­stö­rung von Fecht­bio­to­pen als auch die Ver­tie­fung von Grä­ben und ver­stärk­te Ent­wäs­se­rung von Moo­ren ver­bo­ten. Denn Moo­re brau­chen sowohl für den Arten- als auch den Kli­ma- und Was­ser­schutz hohen Was­ser­stand.

„Es ist mir völ­lig unver­ständ­lich, wie ein Bag­ger­fah­rer direkt neben den Hin­weis­ta­feln zum Schutz­ge­biet, auf denen auf die wich­ti­gen Feucht­ge­biets­be­din­gun­gen hin­ge­wie­sen wird, ohne Rück­fra­gen beim Auf­trag­ge­ber tie­fe Ent­wäs­se­rungs­grä­ben anle­gen kann. Noch weni­ger zu ver­ste­hen ist es, war­um die Stadt­ver­wal­tung von Treucht­lin­gen ohne Rück­spra­che mit der Natur­schutz­be­hör­de oder den Eigen­tü­mern der Flä­che, dar­un­ter der BN, sowas in und an einem Natur­schutz­ge­biet in Auf­trag geben kann. Das muss nun genau geklärt wer­den“, so Karl-Heinz Schork von der Kreis­grup­pe Wei­ßen­burg-Gun­zen­hau­sen, der von den Schä­den Fotos mach­te.

Bri­git­te Löff­ler, Vor­sit­zen­de der BN-Kreis­grup­pe: „Wir dan­ken der Natur­schutz­be­hör­de, dass sie so schnell reagiert haben. Wich­tig ist nun aber, dran­zu­blei­ben und rasch die nöti­gen Maß­nah­men zur Wie­der­vernäs­sung vor­an­zu­brin­gen und die Schä­den so weit wie mög­lich zu behe­ben.“

Mar­tin Geil­hu­fe, BN-Lan­des­be­auf­trag­ter: „Es ist doch absurd, dass hier ein intak­tes Moor zer­stört und Natur­schutz­ge­set­ze igno­riert wer­den, wäh­rend anders­wo Mil­lio­nen Euro aus­ge­ge­ben wer­den, um ent­wäs­ser­te Moo­re wie­der zu rena­tu­rie­ren. Wir wer­den beim Land­rats­amt Wei­ßen­burg-Gun­zen­hau­sen einen Antrag auf Durch­füh­rung eines Umwelt­scha­dens­ver­fah­rens stel­len. In die­sem Ver­fah­ren muss das Land­rats­amt dar­über ent­schei­den, wel­che Maß­nah­men, zur Besei­ti­gung des Umwelt­scha­dens getrof­fen wer­den. Ob der BN Straf­an­zei­ge stellt, wer­den wir nach wei­te­ren Ermitt­lun­gen ent­schei­den.“

Was pas­siert ist:

Am 28.03.2023 führ­te eine ört­li­che Bag­ger­fir­ma im Auf­trag der Stadt Treucht­lin­gen soge­nann­te Gra­ben­räu­mun­gen durch. Die Räu­mun­gen hat­te offen­bar der Eigen­tü­mer der benach­bar­ten Kohl­müh­le von der Stadt erbe­ten. Der größ­te Teil der Bag­ger­ar­bei­ten war bereits erfolgt, als eine Mit­ar­bei­te­rin der Unte­ren Natur­schutz­be­hör­de des Land­krei­ses die Tätig­kei­ten stopp­te und wei­te­re Arbei­ten unter­sag­te. Neben den bereits aus­ge­bag­ger­ten Grä­ben soll­ten noch wei­te­re Grä­ben süd­lich der Staats­stra­ße in Rich­tung Diet­furt aus­ge­bag­gert wer­den.

Die mit Bin­sen, Seg­gen und wei­te­ren typi­schen Pflan­zen bewach­se­nen Grä­ben waren bereits voll­stän­dig zer­stört. Sie stan­den eben­falls unter Schutz. Die ent­lang der Grä­ben wach­sen­den und geschütz­ten Röh­rich­te, Hoch­stau­den­flu­ren, Seg­gen­rie­de und bin­sen­rei­chen Nass­wie­sen wur­den durch die Maß­nah­me beein­träch­tigt. Die durch­ge­führ­ten Maß­nah­men stel­len eine erheb­li­che Beein­träch­ti­gung die­ser gesetz­lich geschütz­ten Flä­chen dar. Die Ent­wäs­se­rung des Natur­schutz­ge­bie­tes käme einer Zer­stö­rung die­ser geschütz­ten Flä­che gleich.

FFH-Gebiet „Scham­bach­ried“ (Nr. 7031–371):

Im Manage­ment­plan heißt es: „Das Scham­bach­ried ist ein geschlos­se­ner Feucht­bio­top­kom­plex mit den FFH-Lebens­raum­ty­pen Kalk­rei­ches Nie­der­moor, Pfei­fen­gras­wie­se, Flach­land-Mäh­wie­se, und mit aus­ge­dehn­ten Schilf­be­stän­den, Groß­seg­gen­be­stän­den, Wei­den­ge­bü­schen und klei­nen Nass­wie­sen. Es wird von natur­na­hen Bächen und Quell­grä­ben durch­zo­gen. Das Scham­bach­ried ist ein für Mit­tel­fran­ken ein­ma­li­ges, aus­ge­dehn­tes Feucht­ge­biet. Kern des Gebie­tes ist das gleich­na­mi­ge Natur­schutz­ge­biet Scham­bach­ried. Es ist Doku­ment eins­ti­ger exten­si­ver Bewirt­schaf­tung als Streu­wie­se, eine Nut­zung, die pflanz­li­che und tie­ri­sche Viel­falt her­vor­ge­bracht hat. Wich­tigs­te und wert­volls­te Teil­le­bens­räu­me sind die auf kalk­hal­ti­ge Quell­wäs­ser und Stau­näs­se zurück­zu­füh­ren­den kalk­rei­chen Nie­der­moo­re und Pfei­fen­gras­wie­sen mit einer beson­ders arten­rei­chen, geo­gra­phisch iso­liert lie­gen­den Eis­zeit-Relikt­flo­ra.“ Für FFH-Gebie­te gilt ein Ver­schlech­te­rungs­ver­bot und alle Ver­än­de­run­gen und Stö­run­gen, die zu einer erheb­li­chen Beein­träch­ti­gung eines Natu­ra2000-Gebiets in sei­nen für die Erhal­tungs­zie­le oder den Schutz­zweck maß­geb­li­chen Bestand­tei­len füh­ren kön­nen, sind unzu­läs­sig. Die erfolg­te Ent­wäs­se­rung und Zer­stö­rung von Lebens­räu­men ist unzwei­fel­haft eine sol­che unzu­läs­si­ge Beein­träch­ti­gung.

Bild­un­ter­schrift:  Hin­weis­ta­fel zur natur­schutz­fach­li­chen Bedeu­tung Nie­der­moo­res. Direkt dane­ben wur­de der Gra­ben geräumt. Foto: Karl-Heinz Schork

Hin­ter­grund­in­for­ma­ti­on BUND Natur­schutz

Der BUND Natur­schutz in Bay­ern e. V. (BN) ist mit über 265.000 Mit­glie­dern und För­de­rern der größ­te Natur- und Umwelt­schutz­ver­band Bay­erns. Er setzt sich für unse­re Hei­mat und eine gesun­de Zukunft unse­rer Kin­der ein – bay­ern­weit und direkt vor Ort. Und das seit über 100 Jah­ren. Der BN ist dar­über hin­aus star­ker Part­ner im deut­schen und welt­wei­ten Natur­schutz. Als Lan­des­ver­band des Bund für Umwelt und Natur­schutz Deutsch­land e.V. (BUND) ist der BN Teil des welt­wei­ten Umwelt­schutz-Netz­wer­kes Fri­ends of the Earth Inter­na­tio­nal. Als star­ker und finan­zi­ell unab­hän­gi­ger Ver­band ist der BN in der Lage, sei­ne Umwelt- und Natur­schutz­po­si­tio­nen in Gesell­schaft und Poli­tik umzu­set­zen.