Abend mit Ralph Morgenstern im Café „El Retiro“
Weißenburg — Um die 66 Gäste, dicht an dicht auf Stühlen – ergänzt um zusätzliche Sitzgelegenheiten aus der Buchhandlung Meyer – füllten das Café „El Retiro“ bis auf den letzten Platz. Der Raum platzte sprichwörtlich aus allen Nähten. Und genau diese Enge wurde zur Stärke des Abends: Sie schuf Nähe, Konzentration und eine gemeinsame Aufmerksamkeit, die über zwei Stunden hinweg trug.
Unter dem Titel „Morgenstern liest Morgenstern“ entstand ein ungewöhnliches Zusammenspiel aus Literatur und Musik. Ralph Morgenstern las Texte von Christian Morgenstern – humorvoll, leicht und zugleich von überraschender Tiefe. Was zunächst zum Lachen einlädt, öffnet beim Zuhören Gedankenräume, die nachklingen. Manche Texte brauchten einen Moment, um sich zu entfalten – und führten dann zu einem oft befreienden, erkennenden Lachen im Publikum.
Begleitet wurde die Lesung von Sonja Edtinger und dem Super Flumina Sax Quartett mit Musik aus Edvard Griegs „Peer Gynt“. Die melodischen Kompositionen erzählten mit, schufen Atmosphäre und trugen die Worte weiter. So entstand kein Nebeneinander, sondern ein echtes Ineinander: Worte klangen, Musik erzählte.
Die Verbindung zwischen Text und Musik war dabei nicht zufällig gewählt. Christian Morgenstern hatte Henrik Ibsens „Peer Gynt“ aus dem Norwegischen ins Deutsche übertragen – eine literarische Brücke, die sich an diesem Abend auch musikalisch schloss.
Schon in der Begrüßung wurde deutlich, dass es nicht um eine klassische Lesung gehen würde. Initiatorin Eva Reichstadt dankte den Musikerinnen und Musikern für ihr Engagement und beschrieb den Abend als einen Raum zwischen Humor und Tiefe, zwischen Leichtigkeit und existenzieller Frage. Besonders persönlich wurde es in ihren Worten an Ralph Morgenstern, den sie als Freund willkommen hieß – als einen Menschen, der „rheinische Lebensfreude mit preußischer Disziplin“ verbinde, „herzensgut“ sei und zugleich von großer Verlässlichkeit.
Diese persönliche Ebene setzte sich im Abend fort. Es war heiter und nachdenklich zugleich – vor allem aber entstand ein gemeinsamer Raum, in dem Publikum, Wort und Klang miteinander verschmolzen. Gemeinschaft wurde spürbar.
Dass dieser Abend bei den Menschen weit über den Moment hinaus wirkte, zeigte sich auch im Publikum selbst: Mehrfach wurde im Anschluss der Wunsch nach einer Wiederholung geäußert – ein klares Zeichen dafür, wie sehr diese besondere Verbindung aus Literatur und Musik Anklang fand.
Was bleibt, lässt sich vielleicht mit einem Satz von Kurt Tucholsky über Christian Morgenstern beschreiben: Man lacht – und merkt am Ende, dass man einem Gedanken begegnet ist, der bleibt.
Ein Abend also, der nicht nur unterhielt, sondern nachwirkte.
Foto: Eva Reichstadt


