Als blonde weiße Frau nach Indien …

von | 15. März 2023 | Allgemein, Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Anläss­lich des Inter­na­tio­na­len Frau­en­tags am 8. März berich­tet Aileen Mey­er aus Stör­zel­bach von ihren Ein­drü­cken in Indi­en.

Von Aileen Mey­er
„Als blon­de wei­ße Frau nach Indi­en rei­sen, das wür­de ich mir nie­mals trau­en.“ – Vor mei­nem Auf­bruch zu einem ein­jäh­ri­gen Frei­wil­li­gen­dienst in Indi­en habe ich die­sen Satz nur all­zu oft gehört. Die einen betrach­te­ten mich vol­ler Respekt und lob­ten damit mei­nen Mut. Die ande­ren sahen mich jedoch als jung und naiv an, ein sol­ches „Risi­ko“ ein­zu­ge­hen.
Ich sehe ein, war­um sich so vie­le um mich sorg­ten, kennt man Indi­en aus den Medi­en schließ­lich gera­de für das respekt­lo­se und gewalt­tä­ti­ge Ver­hal­ten gegen­über Frau­en. Dies war jedoch einer der Grün­de, war­um ich unbe­dingt dort­hin rei­sen woll­te. Mei­ne Absicht war es, zu ler­nen, inwie­fern sol­chen Frau­en auch gehol­fen wer­den kann. Ich enga­gie­re mich nun seit einem hal­ben Jahr in „Maher“ (Mara­thi für Haus der Mut­ter) im Rah­men des Welt­frei­wil­li­gen­diens­tes der Diö­ze­se Eich­stätt, unter ande­rem in einer Ein­rich­tung für trau­ma­ti­sier­te, psy­chisch kran­ke und mit­tel­lo­se Frau­en. 1997 grün­de­te Sis­ter Lucy die Orga­ni­sa­ti­on Maher, nach­dem sie Augen­zeu­gin eines grau­sa­men Ereig­nis­ses war: Eine schwan­ge­re Frau klopf­te eines Abends an der Tür des Klos­ters um Schutz bit­tend aus Angst vor ihrem gewalt­tä­ti­gen Ehe­mann. Unsi­cher, ob sie die­se Frau ohne Erlaub­nis der Obe­rin über­nach­ten las­sen durf­te, schick­te Sis­ter Lucy sie fort, mit dem Ver­spre­chen, ihr am nächs­ten Mor­gen zu hel­fen. Spät nachts hör­te Sis­ter Lucy plötz­lich Schreie aus dem Dorf. Sie sah mit an, wie eben die­se Frau von ihrem Ehe­mann leben­dig ange­zün­det wur­de. Selbst im Kran­ken­haus konn­te ihr nicht mehr gehol­fen wer­den und so star­ben in die­ser Nacht sowohl die Mut­ter als auch ihr unge­bo­re­nes Kind von sie­ben Mona­ten.
Ein sol­cher Vor­fall ist in Indi­en kein Ein­zel­fall. Doch wie viel Wahr­heit steckt hin­ter der Annah­me, in Indi­en wür­den alle Frau­en gede­mü­tigt und unter­drückt? Nach­dem ich nun sechs Mona­te hier ver­bracht habe, ver­ste­he ich vie­les lang­sam: Indi­en hat in den letz­ten Jahr­zehn­ten einen deut­li­chen Fort­schritt gemacht. Vor allem in Groß­städ­ten for­dern Frau­en mehr Rech­te für sich selbst. In länd­li­chen und ärme­ren Regio­nen fehlt jedoch meist Auf­klä­rung über Gleich­be­rech­ti­gung, alte Struk­tu­ren sind noch zu sehr in den Köp­fen der Men­schen ver­an­kert.
Pro­ble­ma­tisch ist die ver­in­ner­lich­te Rol­len­ver­tei­lung. Selbst weib­li­chen Ange­stell­ten mei­ner Ein­rich­tung wird es bei­spiels­wei­se nicht zuge­traut, schwe­re Gegen­stän­de zu tra­gen, beim Fuß­ball wer­den die Mäd­chen belä­chelt und beim Vol­ley­ball sol­len sie eine ver­ein­fach­te Art spie­len. Als Frau gilt man noch immer als schwä­cher und bedürf­ti­ger. Der sehn­lichs­te Wunsch vie­ler jun­ger Mäd­chen ist es, ver­hei­ra­tet zu wer­den. Sie ler­nen früh, sich um den Haus­halt zu küm­mern, auch die Erzie­hung der Kin­der ist meist noch Auf­ga­be der Frau.
Ins­be­son­de­re die „Mit­gift“, wel­che seit Jahr­hun­der­ten Tra­di­ti­on ist, stellt eine gro­ße Belas­tung für Töch­ter und deren Fami­li­en dar. Ursprüng­lich wur­de die Braut zur Hoch­zeit von ihrer Fami­lie mit Wert­ge­gen­stän­den aus­ge­stat­tet. Dies hat sich aller­dings schnell zu einer Ein­nah­me­quel­le für die Fami­lie des Bräu­ti­gams ent­wi­ckelt. So eini­gen sich die Eltern auf einen Preis, den die Braut­fa­mi­lie den Schwie­ger­el­tern zah­len muss. Häu­fig kann die­se sol­che Zah­lun­gen nicht auf­brin­gen, wes­halb Mit­gift-Strei­tig­kei­ten in indi­schen Fami­li­en immer wie­der dazu füh­ren, dass Frau­en miss­han­delt, ver­sto­ßen oder sogar getö­tet wer­den. Obwohl das Gesetz die Mit­gift seit 1961 ver­bie­tet, ist sie noch immer sehr ver­brei­tet.
Nicht sel­ten wird eine Frau von ihrer Fami­lie ver­sto­ßen, ein­zig weil sie einen weib­li­chen Fötus in sich trägt. Die Abtrei­bung von Mäd­chen ist in Indi­en heu­te noch Gang und Gäbe und fin­det häu­fig ohne jeg­li­che Sicher­heits­vor­keh­run­gen statt, sodass oft­mals weder Mut­ter noch Toch­ter über­le­ben. Mit einer klei­nen schau­spie­le­ri­schen Ein­heit habe ich in der NGO, in der ich mich enga­gie­re, vor eini­gen Mona­ten auf die­ses The­ma auf­merk­sam machen kön­nen (sie­he Bild): „Save girl child“ – „Ret­tet die Mäd­chen“.
Außer­dem wur­de mir erklärt, dass der Sohn einer Fami­lie meist oben in der Hier­ar­chie steht. Soll­te die­ser erkran­ken, wür­de selbst in Fami­li­en, die von Armut betrof­fen sind, alles zusam­men­ge­tra­gen, um ihn zu ret­ten, wäh­rend im Krank­heits­fall einer Toch­ter, sich nie­mand um die­se küm­me­re. Des Wei­te­ren wer­den Frau­en zu Hau­se oft­mals extrem gede­mü­tigt und dis­kri­mi­niert. Ich habe erlebt, wie es ihnen ver­bo­ten wur­de, vor Män­nern mit mir zu spre­chen. Wenn Frau­en nie ein­mal das Wort erhe­ben dür­fen, ist es nicht ver­wun­der­lich, dass sol­che Ein­schrän­kun­gen gra­vie­ren­de Fol­gen für deren Psy­che haben. Auch häus­li­che Gewalt und sexu­el­ler Miss­brauch kom­men vor und häu­fig fin­den sich Frau­en irgend­wann ein­sam und trau­ma­ti­siert auf der Stra­ße wie­der.
Ein klei­ner Teil fin­det zu Orga­ni­sa­tio­nen wie „Maher“, wel­che ihnen einen Zufluchts­ort und ein neu­es Zuhau­se bie­ten. Ich habe gese­hen, wie Maher ihnen eine Fami­lie schenkt, sie viel­leicht das ers­te Mal im Leben, wirk­lich Lie­be erfah­ren und so in klei­nen Schrit­ten einen Weg zurück ins Leben fin­den. Dem Groß­teil die­ser Mäd­chen und Frau­en ist die­ses Schick­sal jedoch nicht gewährt und sie blei­ben in Armut sich selbst über­las­sen, oder gelan­gen in Struk­tu­ren der Pro­sti­tu­ti­on und des Men­schen­han­dels.
Indi­en ist nicht das ein­zi­ge Land, in dem die Situa­ti­on der Frau noch immer so gra­vie­rend ist. Selbst in Deutsch­land ist es noch nicht lan­ge her, dass Frau­en mit vie­len Ungleich­hei­ten zu kämp­fen hat­ten: Vor 1952 konn­ten schwan­ge­re Frau­en noch immer legal von ihrem Arbeits­platz gekün­digt wer­den. In den USA wur­de ein ent­ge­gen­wir­ken­des Gesetz sogar erst 1978 erlas­sen. Vor 1958 konn­ten Frau­en kein eige­nes Kon­to eröff­nen und erst nach 1995 wur­de sexu­el­ler Miss­brauch am Arbeits­platz gesetz­lich ver­bo­ten. Zudem ist es Frau­en erst seit 2018 erlaubt, ihr Kind in der Öffent­lich­keit zu stil­len. 2022 lag der geschlech­ter­spe­zi­fi­sche Ver­dienst­ab­stand laut Sta­tis­ti­schem Bun­des­amt in Deutsch­land bei 18%. Bis Frau­en und Män­ner voll­kom­men gleich­ge­stellt sind, liegt vor uns auch in Deutsch­land noch ein lan­ger Weg.
Seit 1911 wird der 8. März als Inter­na­tio­na­ler Frau­en­tag gefei­ert. Ein Tag, der an all die star­ken Frau­en erin­nern soll, die ihr Leben dafür geben, Ver­än­de­rung zu schaf­fen und an all die Frau­en, wel­che noch immer in Stil­le lei­den. Es braucht Zeit, um Ver­hal­ten und Struk­tur zu ändern. Doch es ist kein aus­sichts­lo­ser Kampf. Ich glau­be fest dar­an, dass die Zeit kom­men wird, wenn Lie­be und Respekt vor Macht und Gier ste­hen. Um dies zu errei­chen, ist es wich­tig, gemein­nüt­zi­ge Orga­ni­sa­tio­nen wie Maher zu unter­stüt­zen. Obwohl Maher als Ein­zel­un­ter­kunft für Frau­en in Not begann, wur­de das Maher-Team bald mit einem Zustrom von unter­pri­vi­le­gier­ten Kin­dern kon­fron­tiert, auch Män­ner benö­tig­ten drin­gend Ver­sor­gung. Maher ist auf Spen­den­gel­der ange­wie­sen, um ihre Arbeit wei­ter­füh­ren zu kön­nen (wei­te­re Infos im Inter­net: https://maherashram.org/, Aus­lands­über­wei­sung: Kon­to­na­me: Maher, Kon­to­num­mer: 40050122249, Swift Code: SBININBB104, IFSC: SBIN 0000691, Sta­te Bank of India, New Delhi Main Branch, FCRA Cell, 4th Flo­or, 11 Sans­ad Marg, New Delhi – 110001, India).

Bild­un­ter­schrift: Neben den 67 bestehen­den Ein­rich­tun­gen betreibt Maher auch Auf­klä­rungs­ar­beit. Die­se Frau­en eines länd­lich gele­ge­nen Dor­fes, im Bild mit Aileen Mey­er und Sis­ter Lucy, kom­men regel­mä­ßig zusam­men, um gemein­sam zu ler­nen und zu nähen. Zu Hau­se war­ten auf sie Mann und Kin­der, die Arbeit im Haus und auf dem Feld. Sie schaf­fen sich Zeit, weil sie gelernt haben, wie wich­tig Bil­dung für ihre Zukunft ist. Maher gibt ihnen Raum dafür. Foto: pri­vat