Weißenburg — Von Archäologen behauptet man gerne mal, dass sie, in Büchern versunken, ein wortwörtliches Spa®tenfach betreiben. Tatsächlich lässt es sich innerhalb der Archäologie nochmals spezialisieren. Denn nicht alle Archäologinnen und
Archäologen sind reine Theoretiker – es gibt eine Forschungsrichtung, die sich Experimentelle Archäologie nennt. Deren Protagonisten sind praxisbegabte Forschende oder auch archäologiebegeisterte Handwerker, die wissen wollen, wie etwas funktionierte, wie Werkzeuge eingesetzt wurden und wie Menschen in der Vergangenheit lebten.
Um sich darüber auszutauschen, trafen sich rund 70 Experimentalarchäologen aus Deutschland, Österreich und der Slowakei vergangene Woche zu ihrer Jahrestagung in Weißenburg. Der Vorstand der Vereinigung „ExAr — Europäische Vereinigung zur Förderung der Experimentellen Archäologie e.V.“ trat im letzten Jahr an den Leiter der Museen Weißenburg Simon Sulk heran, ob eine Ausrichtung der Tagung vorstellbar wäre. Einige Monate später versammelte man sich nun, um aktuelle Forschungen, laufende Versuchen und neue Fragestellungen zu diskutieren. Unter anderem gab es Einblicke in die Rekonstruktion römischer Katapulte oder bronzezeitlicher Einbaumboote. Ein Archäologe aus Österreich hatte Teile eines keltischen Musikinstruments ausgegraben und wollte wissen, wie es funktionierte – also baute er es nach. Die Klangprobe begeisterte die Anwesenden. Die Frage, man die Überreste von römischen Glasöfen von anderen Öfen unterscheidet trieb eine Archäologin aus dem Saarland dazu einen solchen Ofen zu bauen, zu betrieben und ihn dann abzureißen. Wie lässt sich die Funktion archäologischer Objekte mit 3D-Scans erforschen und wie verständigten sich die Soldaten von Limesturm zu Limesturm? In insgesamt 17 interessanten Vorträgen wurde eine Zeitspanne von der Steinzeit bis in das 18. Jahrhundert bedient. Auch Prof. Dreyer von der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen war zu Gast und berichtete von den Nachbauten der Römerbooten, wovon eines erst kürzlich durch die spektakuläre Rückholaktion aus Kroatien durch die Medien schiffte und Dreyer die aufregenden Tage rekapitulierte.
Mit Teilnehmenden unter anderem von der Keltenwelt am Glauberg, dem Niedersächsischen Landesmuseum Hannover, dem Römerkastell Saalburg oder dem Oberösterreichischen Landesmuseum waren Vertreter vieler wichtiger Forschungs- und Vermittlungsinstitutionen vertreten. Zusammen mit Museumspädagogen und Handwerken zeigte die Veranstaltung die Bandbreite archäologischer Forschungs- und Vermittlungsarbeit. Entsprechend zufrieden zeigte sich auch Prof. Dr. Gunther Schöbel, Direktor des Pfahlbaumuseums Unteruhldingen am Bodensee und erster Vorsitzender des Vereins ExAr. In seinen Schlussworten am Samstagabend lobte er die Organisation der Veranstaltung durch seine Vorstandskollegen und den Weißenburger Museumsleiter Simon Sulk und dankte der Stadt Weißenburg für die Gastfreundschaft. Zudem betrachtete er mit nachdenklichen Worten die aktuelle Situation vieler Museen, die aufgrund von finanziellen und politischen Komplikationen ihre wichtige Funktion als Vermittlungsorte für Geschichte und damit auch Identität immer schwerer aufrechterhalten können. Zuvor hatte schon Oberbürgermeisterin Eva Reichstadt in ihrer Begrüßung die Bedeutung von Museen und von Forschungen hervorgehoben. Hierbei erhalte man wichtige Erkenntnisse, mit denen auch die Museen Weißenburg Geschichte erlebbar und interessant präsentieren können.
Dass Weißenburg in Punkto Geschichte Einiges zu bieten hat, davon konnten sich die Teilnehmenden bei einer Stadtführung und Rundgängen durch die Museen überzeugen. So mancher Teilnehmer kündigte bereits an, mit etwas mehr Freizeit in das „putzige, gemütliche und faszinierende Städtchen“ zurückzukommen.
Den Abschluss der dreitätigen Veranstaltung bildete am Sonntag eine Exkursion an den Altmühlsee, wo Prof. Dreyer an der Reparatur des zurückgekehrten Römerbootes arbeitet und weitere Rekonstruktionen – darunter ein römischer Reisewagen und ein keltischer Streitwagen – vorantreibt. Wer wollte durfte dann auch an Bord des ersten Römerbootes, der Danuvina Alacris zeigen, was Experimentalarchäologie ausmacht. Unter dem Kommando von Boris Dreyer wurden unter authentischen Bedingungen Manöver und synchroner Ruderschlag exerziert. Für die Praktiker unter den Archäologen keine große Herausforderung und für jene eine willkommene Abwechslung, die dann am Montag wieder an den Schreibtisch zurückkehrten.
Bildunterschrift: Die Teilnehmenden der Tagung beim Rudern des Römerbootes auf dem Altmühlsee. Prof. Dreyer gibt vor dem Ablegen letzte Anweisungen. Foto: Museen Weißenburg


