Ausstellung zur 1100-Jahrfeier Gunzenhausens im Jahr 1924

von | 5. Mai 2023 | Allgemein

Inter­view mit Stadt­ar­chi­var Wer­ner Mühl­h­äu­ßer zu sei­ner Aus­stel­lung zur 1100-Jahr­fei­er Gun­zen­hau­sens im Jahr 1924

Das Jubi­lä­um der ers­ten Erwäh­nung von Gun­zen­hau­sen wird nicht zum ers­ten Mal groß gefei­ert! Im Jubi­lä­ums­jahr 2023 woll­te Stadt­ar­chi­var Wer­ner Mühl­h­äu­ßer auch auf die Fest­lich­kei­ten zum 1100-jäh­ri­gen Jubi­lä­um auf­merk­sam machen. Damals haben die Gun­zen­häu­ser rich­tig auf­ge­trumpft: Es gab ein gro­ßes Vor­be­rei­tungs­ko­mi­tee und man bau­te eigens eine Jubi­lä­ums­hal­le, die dann jahr­zehn­te­lang als  Turn­hal­le und als Fest­hal­le für die Kirch­weih genutzt wur­de. Im Inter­view erläu­tert Aus­stel­lungs-Macher Wer­ner Mühl­h­äu­ßer, wel­che Infor­ma­tio­nen und Expo­na­te er im Stadt­ar­chiv Gun­zen­hau­sen zum Jubel­fest vor 99 Jah­ren auf­ge­tan hat.

 

Eine schö­ne Aus­stel­lung ist Ihnen zur 1100-Jahr­fei­er gelun­gen, Herr Mühl­h­äu­ßer: 23 reich bebil­der­te Infor­ma­ti­ons­ta­feln, Urkun­den und wei­te­re Expo­na­te, die in der Stadt- und Schul­bü­che­rei Gun­zen­hau­sen bis Mit­te Juni zu sehen sind. Schon beim Jubi­lä­ums­pla­kat fällt auf: Im Jahr 1924, war das nicht ein Feh­ler der dama­li­gen Stadt­obe­ren?

Das his­to­ri­sche Bild zeigt den Start des Fest­zugs 1924 in der Nürn­ber­ger Stra­ße. Dazu ström­ten die Men­schen­mas­sen nach Gun­zen­hau­sen. Im Hin­ter­grund ist noch die alte katho­li­sche Kir­che zu erken­nen. Foto: Stadt­ar­chiv Gun­zen­hau­sen

Mühl­h­äu­ßer: Nein. Die Vor­ge­schich­te die­ser Fei­er beginnt im Jahr 1922 mit einem Brief des emsi­gen Hei­mat­for­schers und spä­te­ren Ehren­bür­gers Hans Bach. Dar­in schreibt er an den Stadt­rat, dass es im Jahr 1924 die 1100ste Wie­der­kehr der Erst­erwäh­nung

Gun­zen­hau­sen zu fei­ern gel­te. Tat­säch­lich ging er irr­tüm­li­cher­wei­se vom Jahr 824 als Erst­erwäh­nung aus, wie es in alten Chro­ni­ken behaup­tet wur­de.

In unse­rer Aus­stel­lung befin­det sich aber doch ein aus­ge­zeich­ne­tes Fak­si­mi­le der Erst­erwäh­nungs-Urkun­de mit ein­drucks­vol­len Sie­gel und gezeich­net im Namen des „aller­g­lor­reichs­ten“ Kai­sers. Die­se Urkun­de kann­ten die Chro­nis­ten wohl nicht? 

Mühl­h­äu­ßer: Der Initia­tor Hans Bach kann­te sie nicht, denn aus die­sem his­to­ri­schen Doku­ment wird klar: Kai­ser Lud­wig der From­me ließ die Urkun­de im Jahr 823 aus­stel­len. dar­in wird das Klos­ter „Gun­zin­hu­sir, am Alt­mühl­flus­se gele­gen“, dem bedeu­ten­de­ren Klos­ter Ell­wan­gen über­eig­net. Schon damals – wie heu­te – wur­de die Urkun­de im Haupt­staats­ar­chiv Stutt­gart ver­wahrt. Nach­dem die Hei­mat­for­scher Hein­rich Eidam und Pfar­rer Claus dies klar­ge­stellt hat­ten, war dann das rich­ti­ge Datum bekannt.

Nichts des­to trotz ent­schloss sich der Gun­zen­häu­ser Stadt­rat, die 1100-Jahr­fei­er auf das Jahr 1924 zu ver­le­gen, wegen der schwie­ri­gen poli­ti­schen und wirt­schaft­li­chen Ver­hält­nis­se in der jun­gen Wei­ma­rer Repu­blik. — Zu die­sem Zeit­punkt mach­te ja eine extre­me Geld­ent­wer­tung den Men­schen zu schaf­fen.

Haben damals die ört­li­chen Hei­mat­for­scher die Fei­er­lich­kei­ten zum Stadt­ju­bi­lä­um initi­iert? 

Mühl­h­äu­ßer: Genau. Die Initi­al­zün­dung kam defi­ni­tiv von Hans Bach. Im Janu­ar 1924 began­nen dann die Pla­nun­gen. Es wur­den acht Aus­schüs­se gebil­det, in denen sich 56 Mit­glie­der um eine erfolg­rei­che Fei­er an fünf Fest­ta­gen küm­mer­ten. (Mühl­h­äu­ßer schmun­zelt) Für die Orga­ni­sa­ti­on der dies­jäh­ri­gen 1200-Jahr­fei­er mit einem umfang­rei­chen Ver­an­stal­tungs­pro­gramm für das gan­ze Jahr sind ledig­lich drei städ­ti­sche Mit­ar­bei­ter zustän­dig: der Pres­se­re­fe­rent Manu­el Gros­ser, der Lei­ter der Tou­ris­tik Wolf­gang Ecker­lein und ich als Stadt­ar­chi­var. Das ist schon ein kras­ser Unter­schied!

Im Vor­feld der dama­li­gen Fes­ti­vi­tä­ten wur­de in Rekord­zeit von drei Mona­ten die „Jubi­lä­ums­hal­le“ errich­tet, die sicher die älte­ren Gun­zen­häu­se­rin­nen und Gun­zen­häu­ser als Turn­hal­le und Bier­hal­le zur Kirch­weih ken­nen. Da gibt es ja ein erstaun­li­ches Doku­ment: Am 1. Juli 1924 war die Hal­le fer­tig, am 13. Juli 1924 begann die Fei­er. Wie sah denn nun das Fest­pro­gramm vor 99 Jah­ren aus? Star­te­te das Stadt­ju­bi­lä­um mit Maß­krug-Stem­men und Pro­sit-Sin­gen in der nagel­neu­en Hal­le?

Mühl­h­äu­ßer: Selbst­ver­ständ­lich nicht! Es gab an den fünf Tagen, vom Sams­tag dem 12.7. bis zum Mitt­woch, dem 16. 7.1924 die unter­schied­lichs­ten Pro­gramm­punk­te: Der ers­te Tag begann mit dem Jubi­lä­ums­schie­ßen und die Gewer­be- und Land­wirt­schafts­aus­stel­lung wur­de in der Jubi­lä­ums­hal­le eröff­net. Das Gan­ze war schon eine gro­ße Sache: Die Som­mer­fe­ri­en der Schul­kin­der wur­den um einen Tag vor­ver­legt, weil das Schul­haus am Markt­platz (das heu­ti­ge Spar­kas­sen­ge­bäu­de) als Mas­sen­quar­tier zur Über­nach­tung der zahl­rei­chen aus­wär­ti­gen Gäs­te umfunk­tio­niert wor­den war. Im Anschluss wur­de die his­to­ri­sche Aus­stel­lung im dama­li­gen Hei­mat­mu­se­um am Markt­platz (heu­te Kauf­haus Stein­gass) eröff­net. Das Prunk­stück schlecht­hin war in der Aus­stel­lung die Ori­gi­nal-Urkun­de mit dem kai­ser­li­chen Sie­gel Lud­wig des From­men.

Aha, das war also die Leih­ga­be des Stutt­gar­ter Staats­ar­chivs. War­um haben wir in Gun­zen­hau­sen zum 1200-er Jubi­lä­um das Ori­gi­nal nicht vor Ort? … Jetzt gucken Sie aber zer­knirscht!

Mühl­h­äu­ßer: Ich habe ein Leih-Ersu­chen an das zustän­di­ge Archiv gestellt. Die­se Bit­te wur­de abge­lehnt. Es ist aus kon­ser­va­to­ri­schen Grün­den nicht mehr gestat­tet, ein sol­ches Doku­ment aus­zu­lei­hen.

Zurück zum eins­ti­gen Fest­pro­gramm: Haben wir den ers­ten Tag mit der ein­drucks­vol­len Gewer­be- und Land­wirt­schafts­aus­stel­lung mit 61 Aus­stel­lern und Pro­duk­ten vom Fut­ter­dämpf­kes­sel der Fir­ma Loos bis zum Pelz­man­tel schon kom­plett?

Mühl­h­äu­ßer: Nein. Krö­nen­der Abschluss des ers­ten Tages war der Fest­kom­mers mit einem bun­ten Pro­gramm. Mit dabei waren die Stadt­ka­pel­le und die bei­den Gesangs­ver­ei­ne „Lie­der­kranz“ und „Sän­ger­bund“. Die Hei­mat­dich­te­rin Eli­sa­beth Rohn ver­fass­te einen für unser heu­ti­ges Emp­fin­den eigen­ar­ti­gen Fest­pro­log – nach­zu­le­sen in der Aus­stel­lung.

Das war ja ein Mam­mut-Pro­gramm! Ging es am zwei­ten Fest­tag mit ähn­li­chem Tem­po wei­ter?

Mühl­h­äu­ßer: Am Sonn­tag begann der Tag mit einem Fest­got­tes­dienst. Spä­ter hat­te als einer der Höhe­punk­te der Schä­fer­tanz sei­ne Pre­mie­re. 16 Paa­re waren dabei und die Cho­reo­gra­phie des Tan­zes stammt von einem ech­ten Schä­fer, einem gewis­sen Mey­er, den alle nur „Wut­la“ nann­ten. Hans Bach hat­te die Idee dazu und es gibt in der Aus­stel­lung ein paar schö­ne Foto­gra­fien.

Aber das war noch nicht alles an die­sem Tag: Am Nach­mit­tag star­te­te der „his­to­ri­sche Fest­zug“ mit 32 Grup­pen an der Nürn­ber­ger Stra­ße. Damals ström­ten Tau­sen­de von Besu­che­rin­nen und Besu­chern in die Stadt. Dazu gibt es zwei gro­ße Schau­ta­feln in der Aus­stel­lung.

Und wer jetzt noch nicht müde war, konn­te im Adler­bräu-Saal das Hei­mat­schau­spiel „Kreuz im Alt­mühl­tal“ genie­ßen. Das Stück, ver­fasst vom Gebe­rei­be­sit­zer Gus­tav Schnei­der, war schon 1922 ein Publi­kums­ren­ner und die Auf­füh­rung auch dies­mal wie­der bis auf den letz­ten Platz aus­ver­kauft.

Eine sol­che Auf­füh­rung des aus einem Sagen­stoff ent­stan­de­nen Hei­mat­spiels steht ja auch im aktu­el­len Jubi­lä­ums­jahr auf dem Pro­gramm. Wel­che wei­te­ren High­lights gab es 1924?

Mühl­h­äu­ßer: Die Land­wirt­schafts­aus­stel­lung lief ja an allen fünf Tagen und zog die Bevöl­ke­rung der umlie­gen­den Orte nach Gun­zen­hau­sen, es gab meh­re­re Preis­tier­schau­en mit Prä­mie­rung beson­de­rer Zucht­tie­re. Als zwei­tes Hei­mat­schau­spiel wur­de das von Hans Bach ver­fass­te Stück „Stern­wirts Töch­ter­lein“ auf­ge­führt, eben­falls ein gro­ßer Publi­kums­er­folg.

Am letz­ten Haupt-Fest­tag, dem Mitt­woch 16.7.1924, sorg­te der ein­zig­ar­ti­ge Kin­der-Fest­zug für dicht gedräng­te Men­schen­mas­sen ent­lang der Stra­ßen. Die Fei­er­lich­kei­ten wur­den mit einem ful­mi­nan­ten Bril­lant-Feu­er­werk mit „Pfau­en­rä­dern, Schlan­gen­py­ra­mi­den, Leucht­ku­geln, Steig­ra­ke­ten, ben­ga­li­scher Beleuch­tung“ been­det.  Mit vie­len „Ahs“ und „Ohs“ wur­de am Ende die Jubi­lä­ums­zahl 1100 am Nacht­him­mel bewun­dert. So etwas hat­te die Stadt noch nicht gese­hen.

Das wur­de ja – wie man in Fran­ken sagt – „ganz schee viel Geld naus­ghaut“. Wie sah damals die Fest­bi­lanz aus?

Mühl­h­äu­ßer: Die Stadt Gun­zen­hau­sen hat­te damals 6000 Ein­woh­ner und es kamen wäh­rend die­ser Fest­ta­ge 18000 Gäs­te nach Gun­zen­hau­sen. Berech­nun­gen erga­ben, dass die­se damit 54 000 Gold­mark – das war eine sta­bi­le Wäh­rung nach der Infla­ti­on —  in die Stadt gebracht hat­ten, Gewer­be und ört­li­cher Han­del pro­fi­tier­ten davon. Auch der Käm­me­rer der Stadt Gun­zen­hau­sen konn­te sich über ein sat­tes Plus freu­en: 25119,12 Gold­mark an Ein­nah­men stan­den 22 426,22 Gold­mark an Aus­ga­ben gegen­über. Ange­sichts die­ses sat­ten Plus tat sich der Stadt­rat leicht mit der Ent­schei­dung, zur Erin­ne­rung an die­se erfolg­rei­chen Fest­ta­ge ein far­bi­ges, blei­ver­glas­tes Jubi­lä­ums­fens­ter für den Sit­zungs­saal des dama­li­gen Rat­hau­ses in Auf­trag zu geben.

Die Aus­stel­lung „Die 1100-Jahr­fei­er Gun­zen­hau­sens im Jahr 1924“ des Stadt­ar­chi­vars Wer­ner Mühl­h­äu­ßer ist bis zum 19. Juni 2023 in der Stadt- und Schul­bü­che­rei Gun­zen­hau­sen in der Luit­pold­stra­ße 13 zu sehen. Öff­nungs­zei­ten: Diens­tag, Mitt­woch und Frei­tag 11.00 bis 18.00 Uhr, Mitt­woch 1–00 bis 20.00 Uhr und Sams­tag 10.00 bis 13.00 Uhr.

Bild­un­ter­schrift: Bür­ger­meis­ter Karl-Heinz Fitz und Stadt­ar­chi­var Wer­ner Mühl­h­äu­ßer mit dem vom Gun­zen­häu­ser Künst­ler Michel Hertlein gestal­te­ten Jubi­lä­ums­pla­kat. Hertlein stu­dier­te damals noch in Mün­chen bei Franz von Stuck, hat sich aber immer für sei­ne alte Hei­mat ein­ge­setzt. Foto: Stadt Gun­zen­hau­sen