Avanti! Avanti! Zum Mitsingen verführt

von | 15. April 2025 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Gun­zen­hau­sen (red). An die­ser Thea­ter­ad­ap­ti­on des Film­klas­si­kers „Avan­ti! Avan­ti!“ schei­den sich die Geis­ter! Das Stück ist völ­lig aus der Zeit gefal­len, es ist über­mä­ßig laut, vol­ler knal­li­ger Far­ben und schließ­lich unan­ge­bracht vul­gär. Fremd­schäm­mo­men­te wech­seln sich mit deutsch-ita­lie­ni­schen Schla­gern aus den 50er-/60er-Jah­ren ab. Den­noch wur­de mit­ten­drin immer wie­der geklatscht, am Ende gab es sogar ste­hen­de Ova­tio­nen. Das eher als zurück­hal­tend gel­ten­de Gun­zen­häu­ser Publi­kum hat­te mit­ge­sun­gen und mit­ge­wippt. Was ist da pas­siert, in die­sen fast drei Stun­den Unter­hal­tungs­pro­gramm? Viel­leicht ja das: Das Schau­spiel­ensem­ble ver­sprüh­te eine der­ma­ßen hohe Kon­zen­tra­ti­on an Vita­li­tät und guter Lau­ne, dass die Besu­che­rin­nen und Besu­cher am Ende gar nichts ande­res machen konn­ten, als laut­stark mit­zu­fei­ern.

Die Sto­ry von „Avan­ti! Avan­ti!“ tut eigent­lich nichts zur Sache, wer hier Kar­ten hat­te, woll­te ent­we­der Ste­fa­nie Her­tel als Ali­son Ames sehen oder ein­fach nur ein paar ohr­wurm­ver­däch­ti­ge Ever­greens hören. So plät­schert die Lie­be­lei zwi­schen dem Ame­ri­ka­ner San­dy Clair­born (Stuart Sum­ner) und der Eng­län­de­rin Ali­son Ames (Ste­fa­nie Her­tel) in Rom nur so dahin, dazwi­schen gibt es ein paar ein­ge­streu­te Plot-„Höhepunkte“, die so oder so ähn­lich schon tau­send Mal gezeigt wur­den. Was aller­dings sofort bei „Avan­ti! Avan­ti!“ auf­fällt, sind die ste­chen­den Far­ben, die immense Laut­stär­ke und die völ­lig über­zo­ge­ne Ges­tik und Mimik des Ensem­bles. Die Figu­ren sind der­ma­ßen über­zeich­net, dass sie zum per­so­ni­fi­zier­ten Kli­schee wer­den. Dabei trei­ben es die Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­ler immer mehr auf die Spit­ze, so man­che Sze­ne ver­fällt in sei­ne Bestand­tei­le, bis nur noch eine über­zo­ge­ne Par­odie übrig­bleibt. So etwa die zahl­rei­chen Aus­rei­ßer, etwa ein Pfei­le ver­schie­ßen­der Amor, der in Ten­nis­so­cken auf die Büh­ne tip­pelt, eine Live-Radio­re­pa­ra­tur mit­tels „auf Wand schla­gen“ oder ein thea­tra­lisch Mund­har­mo­ni­ka spie­len­der Hotel­di­rek­tor (Ken­ny Cas­sel). Skur­ri­le Sze­nen, wie sie auch in Film­klas­si­kern wie „Die nack­te Kano­ne“ oder „Poli­ce Aca­de­my“ vor­kom­men hät­ten kön­nen. Hier sor­gen sie für vie­le Lacher und ein woh­lig-war­mes Gefühl in der Magen­ge­gend.

Das Büh­nen­bild ist durch­weg klas­se und ver­sprüht bis ins Detail das Flair der „guten alten Zeit“. Dazu sind eini­ge Ele­men­te beweg­lich, im Hin­ter­grund fah­ren Auto, Ves­pa oder ein Schwan vor­bei. Ein gro­ßes Lob ver­die­nen alle Dar­stel­ler, die an die­sem Abend mehr Enter­tai­ner als Mimen sind. Sie wis­sen, was das Publi­kum will, und sie geben dem Publi­kum das, was es will. Dabei setz­ten sie immer noch einen oben drauf, so dass die Stuhl­rei­hen mehr und mehr in einen Eupho­rie-Flow ver­fal­len. Die­se Spi­ra­le gip­felt in der Zuga­be, ein nicht enden wol­len­des Med­ley aus alten Schla­gern. Auf der Büh­ne wird getanzt, gesprun­gen und gesun­gen, so lan­ge, bis der tote Punkt über­wun­den ist und die posi­ti­ven Gefüh­le alle beseelt nach Hau­se gehen las­sen. Abge­kämpft gehen bei­de Sei­ten aus­ein­an­der.

Den­noch war nicht alles Gold, was an die­sem Abend geglänzt hat. „Avan­ti! Avan­ti!“ ist näm­lich auch ein schlecht erzähl­ter Alt­her­ren­witz. Hier wird am Fließ­band sexu­ell beläs­tigt und anzüg­lich daher­ge­re­det. Sascha Hödl spielt sei­nen Bald­as­sa­re „Bal­do“ Pan­ta­leo­ne der­ma­ßen über­zo­gen gut, dass der Cha­rak­ter irgend­wann nur noch eine ner­ven­de Pro­jek­ti­ons­flä­che ist. In „Avan­ti! Avan­ti!“ wird gegrapscht, gegen den Wil­len geküsst und über­trie­ben wol­lüs­tig rum­ge­ham­pelt. „Nein heißt nein“ oder „MeToo“ kom­men in die­ser Welt der 1960er-Jah­re nicht vor. Frei­lich ist das alles dem Ensem­ble bewusst, aus Ste­fa­nie Her­tel wird es gegen­über dem mehr­mals auf ihr Hin­ter­teil schla­gen­den Film­re­gis­seur Vitto­rio Spi­na (David-Jonas Frei) irgend­wann her­aus­bre­chen: „In 20 Jah­ren hät­te ich Sie ange­zeigt“. Hier wird es unan­ge­nehm und wer genau hin­schaut, der liest das auch an den Gesich­tern der tap­fe­ren Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­ler ab. Doch bekannt­lich „must the show go on“ und so wird der grenz­wer­ti­ge Plot wohl auch wei­ter­hin in die­ser Form gespielt wer­den. Scha­de für das Ensem­ble, wel­ches es durch­weg rich­tig gut macht. Wie pas­send ein Zitat, wel­ches irgend­wann mit­ten im Stück fällt: „Moral ist eine schlim­me Krank­heit!“

Die dies­jäh­ri­ge Gun­zen­häu­ser Thea­ter­sai­son hat mit „Avan­ti! Avan­ti!““ ein ful­mi­nan­tes Ende gefun­den, bereits jetzt dür­fen Sie sich auf den Durch­gang 2025/2026 freu­en. Dann wird u.a. das Stück „Kar­di­nal­feh­ler“ mit Gerd Sil­ber­bau­er gezeigt und auch „Ein Som­mer­nachts­traum“, adap­tiert von dem her­aus­ra­gen­den Ensem­ble Per­so­na aus Mün­chen. Nähe­re Infor­ma­tio­nen erhal­ten Sie unter www.gunzenhausen.info.

Foto: Stadt Gunzenhausen/Manuel Gros­ser