Begegnung, Dialog und Verständnis

von | 10. Juli 2026 | Allgemein, Altmühlfranken, Gunzenhausen

Jugend­aus­tausch zwi­schen deut­schen und israe­li­schen Jugend­li­chen in Gun­zen­hau­sen

Gun­zen­hau­sen — Die Schre­cken des Natio­nal­so­zia­lis­mus mach­ten vor Gun­zen­hau­sen nicht Halt. Leb­ten 1933 noch 184 Juden hier, ver­lie­ßen 1939 die letz­ten jüdi­schen Ein­woh­ner die Alt­mühl­stadt. Das Leben vie­ler Ver­trie­be­ner ver­lief tra­gisch, häu­fig war das Ende des Schick­sals der Holo­caust. Seit vie­len Jah­ren wird in Gun­zen­hau­sen die Erin­ne­rung an die­se schreck­li­che Zeit sehr leben­dig gehal­ten. So tau­schen sich im Rah­men einer Dia­log­grup­pe regel­mä­ßig hier leben­de Bür­ge­rin­nen und Bür­ger mit Nach­kom­men ehe­ma­li­ger, in Gun­zen­hau­sen leben­der, jüdi­scher Bewoh­ne­rin­nen und Bewoh­ner aus. Gera­de die per­sön­li­chen Begeg­nun­gen stel­len berei­chern­de Momen­te dar mit dem Ziel der Annä­he­rung sowie enger, zukunfts­ori­en­tier­ter Bezie­hun­gen.

An einer Ver­stän­di­gung arbei­tet auch Mar­tin Schim­mel­schmidt inten­siv, der stell­ver­tre­ten­de Schul­lei­ter der Fach­aka­de­mie für Sozi­al­päd­ago­gik Hen­solts­hö­he und Mit­glied im Ver­ein Jüdi­sches Leben. Vom Gedan­ken moti­viert, Ver­ständ­nis auf bei­den Sei­ten zu schaf­fen, orga­ni­sier­te er mit zahl­rei­chen Mit­strei­tern, dar­un­ter Kunst­leh­rer Armin Lei­ckert, Lisa Schal­ler sowie dem ehe­ma­li­gen Grä­fen­stein­ber­ger Pfar­rer Mat­thi­as Knoch, einen zehn­tä­gi­gen Jugend­aus­tausch in Gun­zen­hau­sen. Für die Jugend­li­chen aus der klei­nen Stadt Kfar Vra­dim in Gali­läa stan­den Exkur­sio­nen nach Nürn­berg und Würz­burg, Frei­zeit­ak­ti­vi­tä­ten, vor allem aber der gemein­sa­me Aus­tausch im Mit­tel­punkt der Begeg­nungs­wo­che in Deutsch­land. Unter­ge­bracht waren sie in Gast­fa­mi­li­en, in denen sie die Kul­tur und Men­schen des Gast­lan­des bes­ser ken­nen­ler­nen konn­ten. Beglei­tet wur­de die Grup­pe von Dani­el Boue­nos, Sarit Shahar und Ilan Katz, der regel­mä­ßig Gun­zen­hau­sen besucht und auf des­sen Initia­ti­ve der Jugend­aus­tausch statt­fand. Neben dem per­sön­li­chen Ken­nen­ler­nen und Mit­ein­an­der-Ver­traut wer­den, ist das Ver­ste­hen- und Begrei­fen­wol­len des­sen, was in Gun­zen­hau­sen wäh­rend der Nazi-Herr­schaft pas­sier­te, von zen­tra­ler Bedeu­tung. Unter dem Mot­to „Wie lässt sich Zukunft gestal­ten“ mach­ten sich die Jugend­li­chen zur Auf­ga­be, die­sen wich­ti­gen Dia­log gemein­sam in ein abs­trak­tes Kunst­werk zu trans­for­mie­ren.

Die­ses Kunst­werk über­ga­ben die Jugend­li­chen am Kli­ma­platz an den Ers­ten Bür­ger­meis­ter Mat­thi­as Hörr. Der Ort war nicht zufäl­lig gewählt, denn dort, wo heu­te Men­schen an hei­ßen Tagen Abküh­lung fin­den, stand einst eine Syn­ago­ge. Der Kli­ma­platz ist damit nicht nur Erho­lungs­raum, son­dern auch ein Platz des Nach­den­kens über die Ver­gan­gen­heit. Dazu trägt eine von Künst­le­rin Elke Zim­mer­mann gestal­te­te Bron­ze­fi­gur bei, die den 13-jäh­ri­gen Wer­ner Dot­ten­hei­mer abbil­det. Wäh­rend des Natio­nal­so­zia­lis­mus wur­de die­ser depor­tiert und im Kon­zen­tra­ti­ons­la­ger Maj­da­nek ermor­det. Die Skulp­tur steht auf einem klei­nen Podest und gibt dem Opfer ein Gesicht, so dass sei­ne Geschich­te in Erin­ne­rung bleibt.

„Wir leben in einer Zeit, in der Anti­se­mi­tis­mus wie­der zunimmt“, beton­te Ers­ter Bür­ger­meis­ter Mat­thi­as Hörr. „Ihr Jugend­li­chen seid den Poli­ti­kern eini­ge Schrit­te vor­aus. Ihr hört zu und tauscht euch auf Augen­hö­he aus. Wir kön­nen die Ver­gan­gen­heit nicht unge­sche­hen machen, doch Ihr sen­det eine posi­ti­ve Bot­schaft. Dafür möch­te ich euch dan­ken. Eben­so für das tol­le Kunst­werk, durch das eure Begeg­nung sicht­ba­re Erin­ne­rung wird.“ Dem Schaf­fens­pro­zess gin­gen inten­si­ve Gesprä­che zwi­schen den Jugend­li­chen über die Bedeu­tung des Dia­logs vor­aus. Klei­ne Plat­ten wur­den gestal­tet, die zusam­men­ge­setzt ein gro­ßes, gemein­sa­mes Kunst­werk erge­ben.

Über die Ver­gan­gen­heit und die Zukunft zu spre­chen ist wich­tig. Dabei darf jedoch die Gegen­wart nicht ver­ges­sen wer­den, in der sich auf deut­scher und jüdi­scher Sei­te vie­le Men­schen um eine Annä­he­rung bemü­hen. Auch an die­sem Tag war der Kli­ma­platz gut besucht, dar­un­ter waren Mit­glie­der der deutsch-jüdi­schen Dia­log­grup­pe, Ver­tre­te­rin­nen und Ver­tre­ter der Geist­lich­keit, Alt­bür­ger­meis­ter Karl-Heinz Fitz sowie das Künst­ler­ehe­paar Elke und Rein­hard Zim­mer­mann. Abge­run­det wur­de die Ver­an­stal­tung durch einen Text der israe­li­schen Dich­te­rin Zel­da Schnerr­son Mish­kovs­ky namens „Each One Has A Name“, den die Jugend­li­chen zuerst auf Hebrä­isch, anschlie­ßend auf Deutsch vor­la­sen. Jeder Mensch ist ein­zig­ar­tig, einer Aus­sa­ge, der nichts hin­zu­zu­fü­gen ist. 

Wei­ter­füh­ren­de Infor­ma­tio­nen zum jüdi­schen Leben in Gun­zen­hau­sen erhal­ten Sie unter www.jl-gunzenhausen.de.  

Foto: Stadt Gunzenhausen/Manuel Gros­ser