Jugendaustausch zwischen deutschen und israelischen Jugendlichen in Gunzenhausen
Gunzenhausen — Die Schrecken des Nationalsozialismus machten vor Gunzenhausen nicht Halt. Lebten 1933 noch 184 Juden hier, verließen 1939 die letzten jüdischen Einwohner die Altmühlstadt. Das Leben vieler Vertriebener verlief tragisch, häufig war das Ende des Schicksals der Holocaust. Seit vielen Jahren wird in Gunzenhausen die Erinnerung an diese schreckliche Zeit sehr lebendig gehalten. So tauschen sich im Rahmen einer Dialoggruppe regelmäßig hier lebende Bürgerinnen und Bürger mit Nachkommen ehemaliger, in Gunzenhausen lebender, jüdischer Bewohnerinnen und Bewohner aus. Gerade die persönlichen Begegnungen stellen bereichernde Momente dar mit dem Ziel der Annäherung sowie enger, zukunftsorientierter Beziehungen.
An einer Verständigung arbeitet auch Martin Schimmelschmidt intensiv, der stellvertretende Schulleiter der Fachakademie für Sozialpädagogik Hensoltshöhe und Mitglied im Verein Jüdisches Leben. Vom Gedanken motiviert, Verständnis auf beiden Seiten zu schaffen, organisierte er mit zahlreichen Mitstreitern, darunter Kunstlehrer Armin Leickert, Lisa Schaller sowie dem ehemaligen Gräfensteinberger Pfarrer Matthias Knoch, einen zehntägigen Jugendaustausch in Gunzenhausen. Für die Jugendlichen aus der kleinen Stadt Kfar Vradim in Galiläa standen Exkursionen nach Nürnberg und Würzburg, Freizeitaktivitäten, vor allem aber der gemeinsame Austausch im Mittelpunkt der Begegnungswoche in Deutschland. Untergebracht waren sie in Gastfamilien, in denen sie die Kultur und Menschen des Gastlandes besser kennenlernen konnten. Begleitet wurde die Gruppe von Daniel Bouenos, Sarit Shahar und Ilan Katz, der regelmäßig Gunzenhausen besucht und auf dessen Initiative der Jugendaustausch stattfand. Neben dem persönlichen Kennenlernen und Miteinander-Vertraut werden, ist das Verstehen- und Begreifenwollen dessen, was in Gunzenhausen während der Nazi-Herrschaft passierte, von zentraler Bedeutung. Unter dem Motto „Wie lässt sich Zukunft gestalten“ machten sich die Jugendlichen zur Aufgabe, diesen wichtigen Dialog gemeinsam in ein abstraktes Kunstwerk zu transformieren.
Dieses Kunstwerk übergaben die Jugendlichen am Klimaplatz an den Ersten Bürgermeister Matthias Hörr. Der Ort war nicht zufällig gewählt, denn dort, wo heute Menschen an heißen Tagen Abkühlung finden, stand einst eine Synagoge. Der Klimaplatz ist damit nicht nur Erholungsraum, sondern auch ein Platz des Nachdenkens über die Vergangenheit. Dazu trägt eine von Künstlerin Elke Zimmermann gestaltete Bronzefigur bei, die den 13-jährigen Werner Dottenheimer abbildet. Während des Nationalsozialismus wurde dieser deportiert und im Konzentrationslager Majdanek ermordet. Die Skulptur steht auf einem kleinen Podest und gibt dem Opfer ein Gesicht, so dass seine Geschichte in Erinnerung bleibt.
„Wir leben in einer Zeit, in der Antisemitismus wieder zunimmt“, betonte Erster Bürgermeister Matthias Hörr. „Ihr Jugendlichen seid den Politikern einige Schritte voraus. Ihr hört zu und tauscht euch auf Augenhöhe aus. Wir können die Vergangenheit nicht ungeschehen machen, doch Ihr sendet eine positive Botschaft. Dafür möchte ich euch danken. Ebenso für das tolle Kunstwerk, durch das eure Begegnung sichtbare Erinnerung wird.“ Dem Schaffensprozess gingen intensive Gespräche zwischen den Jugendlichen über die Bedeutung des Dialogs voraus. Kleine Platten wurden gestaltet, die zusammengesetzt ein großes, gemeinsames Kunstwerk ergeben.
Über die Vergangenheit und die Zukunft zu sprechen ist wichtig. Dabei darf jedoch die Gegenwart nicht vergessen werden, in der sich auf deutscher und jüdischer Seite viele Menschen um eine Annäherung bemühen. Auch an diesem Tag war der Klimaplatz gut besucht, darunter waren Mitglieder der deutsch-jüdischen Dialoggruppe, Vertreterinnen und Vertreter der Geistlichkeit, Altbürgermeister Karl-Heinz Fitz sowie das Künstlerehepaar Elke und Reinhard Zimmermann. Abgerundet wurde die Veranstaltung durch einen Text der israelischen Dichterin Zelda Schnerrson Mishkovsky namens „Each One Has A Name“, den die Jugendlichen zuerst auf Hebräisch, anschließend auf Deutsch vorlasen. Jeder Mensch ist einzigartig, einer Aussage, der nichts hinzuzufügen ist.
Weiterführende Informationen zum jüdischen Leben in Gunzenhausen erhalten Sie unter www.jl-gunzenhausen.de.
Foto: Stadt Gunzenhausen/Manuel Grosser


