Brücke zwischen Technik und Philosophie

von | 28. Juni 2025 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Pleinfeld, Treuchtlingen, Weißenburg

Nor­bert Pau­lo über­nimmt Pro­fes­sur für Phi­lo­so­phie und Ethik der Digi­ta­li­sie­rung

Eichstätt/Ingolstadt (red). Nor­bert Pau­lo ist seit Anfang Mai neu­er Pro­fes­sor für Phi­lo­so­phie und Ethik der Digi­ta­li­sie­rung an der Katho­li­schen Uni­ver­si­tät Eich­stätt-Ingol­stadt (KU). Die Stif­tungs­pro­fes­sur, die von der Stadt Ingol­stadt ein­ge­rich­tet wur­de, soll eine Brü­cke bil­den zwi­schen Geis­tes­wis­sen­schaf­ten und Data Sci­ence und den Stand­or­ten Ingol­stadt und Eich­stätt. Da trifft es sich gut, dass Nor­bert Pau­lo im Brü­cken­bau­en schon Erfah­rung hat – ist er doch sowohl Phi­lo­soph als auch Jurist.

Der gebür­ti­ge Ber­li­ner bringt einen unge­wöhn­li­chen Hin­ter­grund mit: Er hat an der Uni­ver­si­tät Ham­burg ein Dop­pel­stu­di­um in Jura und Phi­lo­so­phie absol­viert. Start­punkt war für ihn die Rechts­wis­sen­schaft, über die Fra­ge nach Gerech­tig­keit kam er dann zur Phi­lo­so­phie. „Im Jura­stu­di­um geht es eher dar­um, wie das Recht ist – und weni­ger um die Fra­gen, die mich inter­es­sier­ten, näm­lich war­um es so ist und wie es bes­ser sein könn­te“, erin­nert sich Pau­lo. Sein Pro­fes­sor, der bekann­te Rechts­phi­lo­soph Rein­hard Mer­kel, habe ihn schließ­lich zu den Phi­lo­so­phen geschickt: „Das war das gro­ße Aha-Erleb­nis, das mein gan­zes Leben ver­än­dert hat.“

Pau­lo pro­mo­vier­te an der Uni Ham­burg, die Habi­li­ta­ti­on folg­te an der Uni­ver­si­tät Graz. Aka­de­misch tätig war er als Post­doc in Salz­burg und Graz. Eine Ver­tre­tungs­pro­fes­sur über­nahm er am Insti­tut für Phi­lo­so­phie der FU Ber­lin. Zuletzt lei­te­te Pau­lo an der LMU Mün­chen im Rah­men des Hei­sen­berg-Pro­gramms der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft (DFG) ein Pro­jekt zu Gedan­ken­ex­pe­ri­men­ten in der Prak­ti­schen Phi­lo­so­phie. Seit 2021 ist er zudem Ko-Lei­ter eines For­schungs­pro­jekts zur Ethik selbst­fah­ren­der Autos an der Uni­ver­si­tät der Bun­des­wehr in Mün­chen. Eine Tätig­keit, die er auch an der KU fort­set­zen will.

Pau­los phi­lo­so­phi­sches Inter­es­se gilt ins­be­son­de­re der Metho­do­lo­gie: In sei­ner Dis­ser­ta­ti­on nutz­te er sei­nen dop­pel­ten fach­li­chen Hin­ter­grund und unter­such­te, wie abs­trak­te Moral­prin­zi­pi­en in der Ethik im Ein­zel­fall zur Gel­tung kom­men und ori­en­tier­te sich dabei an der Metho­den­leh­re aus der Rechts­theo­rie. In sei­ner Habi­li­ta­ti­ons­schrift befass­te er sich mit der Fra­ge, wie Erkennt­nis­se der empi­ri­schen Wis­sen­schaf­ten in die nor­ma­ti­ve Ethik hin­ein­spie­len. „Man geht häu­fig davon aus, das sei­en getrenn­te Sphä­ren – aber ich glau­be, sie über­lap­pen sich auf vie­len Ebe­nen und für die Ethik habe ich das ver­sucht wei­ter aus­zu­ar­bei­ten.“ So ver­band Pau­lo in sei­ner bis­he­ri­gen aka­de­mi­schen Kar­rie­re nicht nur Jura und Phi­lo­so­phie, son­dern auch Theo­rie und Empi­rie.

Im Rah­men sei­nes Hei­sen­berg-Pro­jekts wid­met er sich Gedan­ken­ex­pe­ri­men­ten: „Die Grund­idee war, wis­sen­schaft­li­che Metho­den in die nor­ma­ti­ve Ethik zu brin­gen“, erläu­tert Pau­lo. Sze­na­ri­en wie das berühm­te Trol­ley-Pro­blem zeig­ten, wie sich durch klei­ne Ver­än­de­run­gen in Gedan­ken­ex­pe­ri­men­ten gro­ße Unter­schie­de in mora­li­schen Urtei­len erge­ben. „Das funk­tio­niert struk­tu­rell ähn­lich wie ein natur­wis­sen­schaft­li­ches Expe­ri­ment – nur eben im Kopf.“ Sein Ziel ist eine Theo­rie der Gedan­ken­ex­pe­ri­men­te in der prak­ti­schen Phi­lo­so­phie. Für die Stel­le an der KU pau­siert er das Hei­sen­berg-Pro­jekt zwar der­zeit, will aber die The­ma­tik in der Leh­re wei­ter­ver­fol­gen.

An der KU rich­tet Pau­lo sei­nen Blick vor allem auf zwei Schwer­punk­te: Digi­ta­li­sie­rung und Nach­hal­tig­keit sowie Digi­ta­li­sie­rung und Demo­kra­tie. Dabei geht es ihm um zen­tra­le Fra­gen zur Zukunft der Gesell­schaft: „KI frisst unglaub­lich viel Ener­gie und Res­sour­cen – aber sie kann auch hel­fen, Lebens­sti­le oder Infra­struk­tu­ren so zu ver­än­dern, dass ein­ge­spart wird“, sagt er. Es gehe nicht dar­um, Ent­wick­lun­gen im Bereich KI zu stop­pen, son­dern sie so zu gestal­ten, „dass wir mit Blick auf Nach­hal­tig­keits­fra­gen mög­lichst sinn­voll damit umge­hen“. Pau­lo plä­diert zudem für demo­kra­ti­sche Kon­trol­le tech­ni­scher Ent­wick­lun­gen. „Aktu­ell wird die Ent­wick­lung von KI vor­nehm­lich von weni­gen ame­ri­ka­ni­schen Män­nern mit teils merk­wür­di­gen Ansich­ten gesteu­ert“, sagt der Phi­lo­soph und for­dert: „Der Staat soll­te sich hier deut­lich stär­ker ein­mi­schen, die Men­schen in die­ser Gesell­schaft soll­ten mit­be­stim­men über die Gren­zen und Mög­lich­kei­ten der Ent­wick­lung.“ Als kon­kre­tes Bei­spiel führt er den Bereich auto­no­mes Fah­ren an: „Wir haben bereits teil­au­to­no­me Fahr­zeu­ge auf der Stra­ße und den­noch lässt der Gesetz­ge­ber in Deutsch­land vie­le Fra­gen offen und ver­zich­tet auf Regu­lie­rung.“ Ent­schei­dun­gen in poten­zi­ell töd­li­chen Unfall­si­tua­tio­nen wür­den damit „fak­tisch den Auto­bau­ern über­las­sen“. Für ihn ein kla­rer Fall: „Das muss expli­zit gere­gelt wer­den.“

Neben For­schung und Leh­re ist dem neu­en KU-Pro­fes­sor auch der Trans­fer in die Öffent­lich­keit wich­tig. In Ingol­stadt soll ein the­ma­ti­scher Anker­punkt dabei Mary Shel­leys „Fran­ken­stein“ wer­den. Der Roman, der teil­wei­se in Ingol­stadt spielt, bie­tet für Pau­lo eine kul­tu­rel­le Vor­la­ge, um die KI-Debat­te zugäng­lich zu machen: „Shel­ley lässt den jun­gen Vic­tor Fran­ken­stein in wis­sen­schaft­li­cher Hybris eine Krea­tur erschaf­fen, ohne sich der Fol­gen sei­ner Erfin­dung bewusst zu sein. Die Par­al­le­len zu aktu­el­len Ent­wick­lun­gen im Bereich der KI lie­gen auf der Hand.“

Pau­los Pro­fes­sur ist ver­or­tet an der School of Trans­for­ma­ti­on and Sus­taina­bi­li­ty der KU und gezielt fakul­täts- sowie standort­über­grei­fend ange­legt. Die­se Brü­cken­funk­ti­on ver­steht er als Chan­ce: „Mein Ziel ist es, die Berei­che Geis­tes- und Sozi­al­wis­sen­schaft sowie Data Sci­ence stär­ker zu ver­bin­den, auch in der Leh­re.“ Geplant ist unter ande­rem die Wei­ter­ent­wick­lung von Ethik­mo­du­len sowie eine bes­se­re Ver­net­zung der Stu­die­ren­den in Eich­stätt und Ingol­stadt. Die Stif­tungs­pro­fes­sur ist eine von drei Pro­fes­su­ren, die von der Stadt Ingol­stadt an der KU ein­ge­rich­tet wur­den – die ande­ren bei­den Pro­fes­su­ren sind im Mathe­ma­ti­schen Insti­tut für Maschi­nel­les Ler­nen und Data Sci­ence ange­sie­delt.

Was ihn an der neu­en Stel­le beson­ders gereizt hat, beschreibt Pau­lo so: „Mich hat vor allem die Mög­lich­keit ange­spro­chen, bei null zu star­ten und einen Bereich nach eige­nen Vor­stel­lun­gen auf­zu­bau­en.“ Genau das will er nun tun – in For­schung, Leh­re und Trans­fer. „Das Poten­zi­al, das wir in den ver­schie­de­nen Fakul­tä­ten der KU zum The­ma Ethik bereits haben, möch­te ich gern hel­fen zu heben, zu bün­deln und sicht­ba­rer zu machen.“

Foto: upd/Petra Hem­mel­mann