Dr. Ingo Friedrich — Präsident des Europäischen Wirtschaftssenats
Gunzenhausen — In Deutschland herrschen heute ein von vielen gepflegter Pessimismus und schlimme Ängste bis hin zu regelrechten Untergangsszenarien. Ist diese Haltung berechtigt? Nun: wir sollten mal sprichwörtlich die Kirche im Dorf lassen und die wichtigsten Fakten sprechen lassen:
- Ja, die Politik hat vor lauter Sucht nach Wählerwohlwollen „zu viel des Guten“ getan, sprich die Sozialstaatskosten deutlich über das Leistbare hinaus überdehnt. Offenbar haben Hunderttausende statt persönlicher Leistung zu erbringen, ihren Ehrgeiz dafür eingesetzt, staatliche Förderungen zu bekommen. Dass dabei insbesondere Zuwanderer „hingelangt“ haben, ist inzwischen nicht mehr abzustreiten. Die Politik hat offensichtlich vergessen, neben dem schönen Fördern auch das schwierige Fordern einzubringen. Aber das kann und muss sich ändern, sprich normalisiert werden! Das solche unpopulären
Reformen auch in Europa möglich und erfolgreich sind, zeigt sich etwa in Griechenland und Portugal. - Warum war Deutschland über viele Jahre und Jahrzehnte so erfolgreich und ist es seit wenigen Jahren. nicht mehr? Weil offenbar von zu vielen Menschen die eigentlich „ewigen sozusagen deutschen Werte“ Fleiß, Disziplin und Gründlichkeit irgendwie abgelegt oder einfach vergessen worden sind. Die Arbeit der ständig wachsenden Zahl von NGOs hat daran
gewollt oder ungewollt auch ihren Anteil denn: Viele dieser Organisationen vermitteln den Eindruck, wenn nur die „richtigen“ Politiker die „richtigen Entscheidungen“ treffen würden, wäre alles in Ordnung. Die Tatsache, dass es aber in der ganzen Wirtschaft auf Fleiß, Gründlichkeit und Disziplin eines jeden einzelnen Mitarbeiters ankommt, interessiert dabei viel zu wenige. Das kann und muss sich ändern und wieder so werden wie es lange war. Dann kommt auch der Erfolg zurück. - Natürlich ist die Härte des heutigen globalen Wettbewerbs — Stichwort China — von einer völlig anderen Dimension als die Herausforderungen, die wir in früheren Zeiten bewältigen mussten. Das bedeutet unvermeidbar, wir Deutsche müssen heute mehr neue Ideen und hervorragende Leistungen „auf die Matte bringen“, wenn wir in dieser neuen Welt unseren
Platz und unseren Wohlstand behalten wollen. Das ist aber auch keine Hexerei, sondern durchaus machbar, weil auch die Bäume der Wettbewerber nicht in den Himmel wachsen. Für die Politik heißt das: Vorrang für alle Maßnahmen, die Wettbewerbsfähigkeit und Wachstum fördern. - In der Situation in der wir uns gerade befinden kann die Maxime nur lauten: gerade, weil es gerade so herausfordernd und dramatisch ist, muss diese Situation als außerordentliche und besondere Chance zur Erneuerung genutzt werden. Wann wenn nicht jetzt ist in breiten Kreisen die Bereitschaft vorhanden. auch ans „Eingemachte“ zu gehen und alte Zöpfe
abzuschneiden. Wann wenn nicht jetzt kann die Lage grundsätzlich gewendet werden. Trauen wir uns das zu denn die Chance, dass die Wende gelingt ist objektiv vorhanden.
Foto. Dr. Ingo Friedrich


