Dringend benötigte Hilfe für die Ukraine kommt an

von | 29. Januar 2024 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Gun­zen­hau­sen (red). Die Hil­fe für das Reha-Zen­trum im Regio­nal­kran­ken­haus Pol­ta­wa in der Zen­tralukrai­ne läuft an. Ende Janu­ar wur­de bereits die zwei­te LKW-Ladung mit 22 Kran­ken­haus­bet­ten, vier Behand­lungs­lie­gen, zwei Gene­ra­to­ren, einem iso­ki­ne­ti­schen Kraft­mess­sys­tem, einem Seil­zug­sys­tem sowie Pati­en­ten­spin­den von Gun­zen­hau­sen nach Pol­ta­wa trans­por­tiert. Gleich­zei­tig fin­den seit Sep­tem­ber 2023 regel­mä­ßi­ge Online-Fort­bil­dun­gen statt, an denen bis­her 93 ukrai­ni­sche Ärz­te und medi­zi­ni­sche Fach­kräf­te teil­ge­nom­men haben.

Im Rah­men einer Kli­nik­part­ner­schaft unter­stützt die Alt­mühl­see­kli­nik Hen­solts­hö­he, eine Reha-Kli­nik in Gun­zen­hau­sen, seit dem Som­mer 2023 das ukrai­ni­sche Regio­nal­kran­ken­haus bei der Wei­ter­ent­wick­lung der Reha-Abtei­lung, geför­dert durch die Deut­sche Gesell­schaft für Inter­na­tio­na­le Zusam­men­ar­beit (GIZ) und das Bun­des­mi­nis­te­ri­um für wirt­schaft­li­che Zusam­men­ar­beit und Ent­wick­lung (BMZ).

Wis­sen ver­mit­teln und Gerä­te beschaf­fen

„Der völ­ker­rechts­wid­ri­ge Angriffs­krieg der Rus­si­schen Föde­ra­ti­on gegen die Ukrai­ne hat zu unzäh­li­gen Kriegs­op­fern mit Ampu­ta­tio­nen von Glied­ma­ßen und schwe­ren ortho­pä­di­schen Ver­let­zun­gen (Poly­trau­men) geführt“, erklärt der Chef­arzt der Alt­mühl­see­kli­nik Dr. Fried­bert Herm. Die Ver­letz­ten könn­ten ihren Beruf zum Teil nicht mehr aus­üben oder nur noch ein­ge­schränkt am gesell­schaft­li­chen Leben teil­neh­men, so Herm. Dazu kämen psy­chi­sche und psy­cho­so­ma­ti­sche Beein­träch­ti­gun­gen der Betrof­fe­nen und deren Umfeld.

Ver­wal­tungs­lei­ter Bela Hans Gerd Kaun­zin­ger ergänzt: „Gegen­wär­tig sind in der Ukrai­ne nahe­zu kei­ne Ein­rich­tun­gen in der Lage, medi­zi­ni­sche Reha­bi­li­ta­ti­on für die Ver­letz­ten qua­li­täts­ge­si­chert und evi­denz­ba­siert durch­zu­füh­ren. Da die Alt­mühl­see­kli­nik über brei­te Erfah­run­gen in der ortho­pä­di­schen Reha­bi­li­ta­ti­on ver­fügt, kann genau hier ein Wis­sens­trans­fer statt­fin­den.“ Die Reha-Kli­nik unter­stüt­ze daher die Beschaf­fung der rich­ti­gen Aus­stat­tung und füh­re selbst Schu­lungs­maß­nah­men durch – auf­grund des Krie­ges vor­erst jedoch nur online. Dar­an kön­ne das medi­zi­ni­sche Per­so­nal in den Gesund­heits­ein­rich­tun­gen der Regi­on Pol­ta­wa nach Abspra­che mit den ukrai­ni­schen Behör­den wäh­rend der Arbeits­zeit teil­neh­men.

Aus­bau des Reha-Zen­trums

Die Gebiets­haupt­stadt Pol­ta­wa liegt etwa 350 Kilo­me­ter süd­öst­lich von Kiew und hat rund 300.000 Ein­woh­ner. In der Ukrai­ne sind die ortho­pä­di­schen Reha-Sta­tio­nen direkt an Schwer­punkt­kran­ken­häu­ser ange­glie­dert, es gibt also kei­ne eige­nen Reha­kli­ni­ken wie in Deutsch­land. Das Regio­nal­kran­ken­haus in Pol­ta­wa ist solch ein Maxi­mal- und Schwer­punkt­ver­sor­ger und ver­fügt über 779 sta­tio­nä­re Bet­ten. Hier wur­de ein Zen­trum für Reha­bi­li­ta­ti­ons­me­di­zin gegrün­det, das über­re­gio­nal aus­ge­baut wer­den soll, um nicht nur Kriegs­ver­letz­te, son­dern auch Opfer von Ver­kehrs­un­fäl­len reha­bi­li­ta­tiv zu ver­sor­gen. Die Lie­fe­run­gen aus Gun­zen­hau­sen erset­zen nun die alten Bet­ten und erwei­tern das Zen­trum von 30 auf 50 Bet­ten.

„Als loka­ler Pro­jekt­ko­or­di­na­tor in Pol­ta­wa ist der gut ver­netz­te Arzt Vita­liy Schewtschen­ko für die Kli­nik­part­ner­schaft tätig“, berich­tet Kaun­zin­ger. „Im Lau­fe des Augusts 2023 stimm­te er mit Dr. Gri­go­ry Oksak, Kli­nik­vor­stand und Chef­arzt des Regio­nal­kran­ken­hau­ses, den Bedarf an medi­zi­ni­scher Aus­rüs­tung, Pfle­ge­bet­ten, Reha-Gerä­ten sowie Fort­bil­dun­gen ab. Ein Pro­jekt­as­sis­tent an unse­rer Kli­nik küm­mert sich seit­dem um die Orga­ni­sa­ti­on und Beschaf­fung der Sach­gü­ter.“ Die ers­te Lie­fe­rung mit 29 Kran­ken­haus­bet­ten inklu­si­ve Zube­hör sei bereits Ende Okto­ber in Pol­ta­wa ange­kom­men.

Luft­alarm unter­bricht Schu­lun­gen

Im Herbst began­nen Fach­ärz­te der Alt­mühl­see­kli­nik mit tele­me­di­zi­ni­schen Bera­tun­gen und Online-Fort­bil­dun­gen, die gro­ßen Anklang fin­den. Chef­arzt Dr. Fried­bert Herm schil­dert: „Die ers­te Schu­lung star­te­te mit 32 Ärz­ten und medi­zi­ni­schen Fach­kräf­ten zum The­ma Reha­bi­li­ta­ti­ons­kon­zep­te. Aller­dings wird in Pol­ta­wa mehr­fach am Tag Luft­alarm aus­ge­ru­fen, sodass das Per­so­nal Luft­schutz­räu­me auf­su­chen muss. Um die Schu­lun­gen nach­ho­len zu kön­nen, wer­den sie auf­ge­zeich­net.“

Wei­te­re Online-Schu­lun­gen durch Fach­ärz­te der Alt­mühl­see­kli­nik behan­del­ten The­men wie Reha­bi­li­ta­ti­on nach Ampu­ta­tio­nen, Frak­tu­ren oder Poly­trau­men, Chro­ni­sches Schmerz­syn­drom sowie Burn­out von medi­zi­ni­schem Per­so­nal. Zwei Mut­ter­sprach­le­rin­nen, eine Ärz­tin und eine Sozi­al­päd­ago­gin, über­set­zen die Vor­trä­ge ins Ukrai­ni­sche. Anschlie­ßend kön­nen die Zuhö­rer Rück­fra­gen stel­len. Auch Lehr­vi­de­os zur The­ra­pie mit den gelie­fer­ten Reha-Gerä­ten wer­den in der Lan­des­spra­che in Gun­zen­hau­sen auf­ge­zeich­net, um den ukrai­ni­schen Fach­kräf­ten die Ein­ar­bei­tung zu erleich­tern.

Zwi­schen den regel­mä­ßi­gen Fort­bil­dun­gen bera­ten die Fach­ärz­te der Alt­mühl­see­kli­nik die ukrai­ni­schen Kol­le­gen tele­me­di­zi­nisch. Für Febru­ar und März sind außer­dem zwei wei­te­re LKW-Trans­por­te mit medi­zi­ni­schen Reha-Gerä­ten vor­ge­se­hen. Sobald das Reha-Zen­trum in Pol­ta­wa moder­ni­siert und erwei­tert wor­den ist, rech­net die Lei­tung der Alt­mühl­see­kli­nik damit, dass monat­lich etwa 100 Reha­bi­li­tan­den von der Kli­nik­part­ner­schaft pro­fi­tie­ren wer­den.

Stif­tung Hen­solts­hö­he

Der Trä­ger der Alt­mühl­see­kli­nik ist die Stif­tung Hen­solts­hö­he. Sie ist ein Dia­ko­nie­werk und ein geist­li­ches Zen­trum im mit­tel­frän­ki­schen Gun­zen­hau­sen. Sie führt die über 110-jäh­ri­ge Tra­di­ti­on des Gemein­schafts-Dia­ko­nis­sen-Mut­ter­hau­ses Hen­solts­hö­he fort. Im mis­sio­na­risch-dia­ko­ni­schen Auf­trag arbei­ten rund 500 Mit­ar­bei­te­rin­nen und Mit­ar­bei­ter in den ver­schie­de­nen Ein­rich­tun­gen. In Gun­zen­hau­sen betreibt die Stif­tung Hen­solts­hö­he eine Reha­kli­nik, eine Real­schu­le, eine Fach­aka­de­mie für Sozi­al­päd­ago­gik sowie ein Fami­li­en­zen­trum. In Nürn­berg führt sie ein Alten­heim für voll­sta­tio­nä­re und Kurz­zeit­pfle­ge. Auch in zwei Tagungs- und Gäs­te­häu­sern am Ammer­see und im All­gäu steht der Dienst am Men­schen im Vor­der­grund.

Bild­un­ter­schrift: In Gun­zen­hau­sen wird ein LKW bela­den. Foto: Stif­tung Hen­solts­hö­he

Das aus­ge­bau­te Reha­zen­trum; Foto: Stif­tung Hen­solts­hö­he