Ein digitaler Schatz: Mittelalterliche Bücher treffen auf innovative Technik

von | 28. Juni 2025 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Pleinfeld, Treuchtlingen, Weißenburg

Eich­stätt (red). Ein Hahn fin­det im Mist einen Edel­stein, wür­de aber ein Hafer­korn bevor­zu­gen. Nach die­ser Eingangs­geschichte nennt der Ber­ner Domi­ni­ka­ner­mönch Boner um 1350 sei­ne Fabel­samm­lung „Der Edel­stein“ und wünscht sich damit Leser, die eher auf geis­ti­ge Wer­te denn sinn­li­che Genüs­se aus sind. Bald 700 Jah­re spä­ter ist die­ses Werk nun Gegen­stand eines inno­va­ti­ven digi­ta­len Pro­jekts. Die Katho­li­schen Uni­ver­si­tät Eich­stätt-Ingol­­stadt (KU) arbei­tet gemein­sam mit der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek Hei­del­berg an einer digi­ta­len Neu­edi­ti­on die­ser ers­ten als geschlos­se­nes Werk kon­zi­pier­ten deut­schen Fabel­samm­lung. Geför­dert wird das Pro­jekt von der Deut­schen For­schungs­ge­mein­schaft.

Die Fabeln des anti­ken grie­chi­schen Autors Äsop waren im Mit­tel­al­ter ein ech­ter Publikums­renner. „Der Erfolg eines Tex­tes bemisst sich dar­an, wie vie­le Über­lie­fe­run­gen davon vor­han­den sind“, erklärt Dr. Chris­ti­na Patz von der For­schungs­stel­le für geist­li­che Lite­ra­tur des Mittel­alters, die das Pro­jekt an der KU koor­di­niert. Für Bon­ers Werk sei­en das beein­dru­cken­de 38 Textzeu­gen, neben Hand­schrif­ten auch zwei Dru­cke aus der Guten­berg-Ära. Der ­Bam­ber­ger Albrecht Pfis­ter ging 1461 ein finan­zi­el­les Risi­ko ein, als er mit dem „Edel­stein“ nicht nur das ers­te ge­druck­te deut­sche Buch, son­dern das über­haupt ers­te mit Holz­schnit­ten illus­trier­te auf­ge­leg­te. Sein Mut wur­de offen­bar belohnt, denn nur ein Jahr spä­ter publi­zier­te er eine zwei­te Auf­la­ge – ein star­kes Indiz für die Beliebt­heit der Samm­lung.

Die Moral man­cher Fabeln wir­ke heu­te befremd­lich, erlau­be aber fas­zi­nie­ren­de Ein­bli­cke in die Geis­tes­hal­tung der Men­schen im Mit­tel­al­ter, sagt die Ger­ma­nis­tin Chris­ti­na Patz: „Gera­de in Fabeln spie­geln sich gesell­schaft­li­che Wer­te in ver­blüf­fen­der Klar­heit. Man kann Men­schen nicht bes­ser in den Kopf und ins Herz schau­en, als wenn man liest, was sie lasen.“ Der­ar­ti­ge lite­ra­ri­sche Zeug­nis­se für die Nach­welt zu bewah­ren und zugäng­lich zu machen, sieht sie als wich­ti­ge Auf­ga­be der Älte­ren deut­schen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft. „Die­se Tex­te sind Teil unse­rer Geschich­te  und damit unse­rer Iden­ti­tät.“

Laut sei­nes Epi­logs umfass­te der „Edel­stein“ ursprüng­lich hun­dert Fabeln, die jedoch nur ein 1870 in Straß­burg ver­brann­ter Codex kom­plett beinhal­te­te. Vor dem Buch­druck war es üblich, Bücher abzu­schrei­ben, wobei jeder Schrei­ber bzw. Auf­trag­ge­ber nach eige­nen Vor­stel­lun­gen selek­tier­te. So sind ein­zel­ne Tex­te nur vier­mal, ande­re dage­gen 30-mal über­lie­fert. „Wenn wir uns die Gesamt­über­lie­fe­rung anse­hen, kön­nen wir die hun­dert Fabeln fin­den und sie, ein­fach gespro­chen, zu einer Aus­ga­be zusam­men­puz­zeln“, sagt Patz. Der letz­te, der sich dar­an wag­te, war 1844 Franz Pfeif­fer. Ihm waren jedoch nur 17 Text­zeu­gen bekannt, etwa 45 Pro­zent der heu­ti­gen Über­lie­fe­rung. Auch war Pfeif­fers Vor­ge­hens­wei­se eine ande­re als heu­te: „Durch den Ver­gleich von Text­zeu­gen mein­te er, den Urtext rekon­stru­ie­ren zu kön­nen, den er nur in vier der Über­lie­fe­rungs­trä­ger bezeugt sah.“ Zudem son­der­te er diver­se Ver­se als angeb­li­ches „Flick­werk“ aus.

So schuf er sich die eher eige­ne Rea­li­tät eines „geschlif­fe­nen Edel­steins“ – jedoch mit einem gro­ßen Man­ko, wie Chris­ti­na Patz erläu­tert: „Heu­te ist es nicht mehr Sta­te of the Art, edi­to­risch einen hypo­the­ti­schen Urtext anzu­zie­len, der so in kei­ner erhal­te­nen Form bezeugt ist.“ Statt­des­sen stüt­ze man sich nach dem Leit­hand­schrif­ten­prin­zip auf Text­zeu­gen, die nach den Kri­te­ri­en der zeit­li­chen und sprach­li­chen Nähe zum Autor den bes­ten und voll­stän­digs­ten Text bie­ten. Pfeif­fers edi­to­ri­sche „Kunst­form“ war man­gels Alter­na­ti­ven den­noch mehr als 180 Jah­re lang Grund­la­ge für die Befas­sung mit Bon­ers Werk.

„Die ent­ste­hen­de neue Aus­ga­be wird einen weni­ger glän­zend polier­ten, aber his­to­risch ech­te­ren Edel­stein prä­sen­tie­ren“, sagt Prof. Dr. Gerd Dicke. Der seit 2022 im Ruhe­stand wir­ken­de ehe­ma­li­ge Ordi­na­ri­us der Älte­ren Deut­schen Lite­ra­tur­wis­sen­schaft an der KU ist Lei­ter des DFG-Pro­jekts. Die kom­ple­xe Auf­ga­be der Recher­che der edi­to­risch maß­geb­li­chen Text­zeu­gen hat er selbst über­nom­men. Gezielt hat er zudem auch jün­ge­re, im Bestand redu­zier­te und vers­sprach­lich ver­ein­fach­te Redak­tio­nen, die das Gros der Über­lie­fe­rung aus­ma­chen, ermit­telt. Eine wei­te­re Vor­ar­beit war die Digi­ta­li­sie­rung der Hand­schrif­ten und Dru­cke in der Vir­tu­el­len Biblio­thek der UB Hei­del­berg, die mit ihrer Platt­form „hei­EDI­TI­ONs“ in der Ent­wick­lung einer Infra­struk­tur für Digi­ta­ledi­tio­nen im deut­schen Sprach­raum Maß­stä­be setzt.

In den ver­gan­ge­nen Mona­ten hat das Pro­jekt­team nun die ins­ge­samt neun edi­to­risch rele­van­ten Text­zeu­gen mit­tels der KI-basier­ten Tex­terken­nungs-Soft­ware „eScrip­to­ri­um“ tran­skri­biert. Anschlie­ßend wur­den sie zur vir­tu­el­len Visua­li­sie­rung durch eigens ent­wi­ckel­te Ver­ar­bei­tungs­pro­gram­me der UB Hei­del­berg in ein For­mat kon­ver­tiert, das den in der Lite­ra­tur­wis­sen­schaft inter­na­tio­nal gül­ti­gen Stan­dards der „Text En­coding Initia­ti­ve“ (TEI) folgt. Auf die­se Wei­se sind die Text­zeu­gen nicht nur in getreu­es­ter Über­lie­fe­rungs­form digi­tal nutz­bar, son­dern kön­nen auch syn­op­tisch, also vers­ge­nau neben­ein­an­der­ge­stellt wer­den. „Damit lässt sich nach­voll­zie­hen, was sich im Lau­fe der Text­ge­schich­te inhalt­lich und sprach­lich ver­än­der­te“, erklärt Chris­ti­na Patz. Auch die Digi­tal­fak­si­mi­les las­sen sich syn­op­tisch zuschal­ten: „Das ist ein erheb­li­cher Mehr­wert der digi­ta­len Präsentations­form, die es ermög­licht, die Spann­wei­te aller Erscheinungs­for­men des Edel­stein über­bli­cken zu las­sen“, betont Gerd Dicke. In die Syn­op­se ein­zu­be­zie­hen ist zudem der anhand von drei Leit­hand­schrif­ten edier­te Samm­lungs­text, in dem die Spra­che behut­sam ver­ein­heit­licht und klei­ne Feh­ler ver­bes­sert wur­den. Orthographi­sche und dia­lek­ta­le Vari­an­ten – etwa lewe, löu­we oder lœwe – wur­den „nor­ma­li­siert“ – löwe –, wodurch der Samm­lungs­text durch­such­bar wird und mit mit­tel­hoch­deut­schen Wör­ter­bü­chern ver­linkt wer­den kann.

Anfang 2027 wird die ers­te Pha­se des DFG-Pro­jekts abge­schlos­sen und der „Edel­stein“ in allen Über­lie­fe­run­gen digi­tal zugäng­lich sowie in den text­ge­schicht­lich zen­tra­len Vari­an­ten ver­gleich- und durch­­suchbar sein. In einer anvi­sier­ten zwei­ten För­der­pha­se sol­len die Quel­len der „Edelstein“-Texte – latei­ni­sche Schul­hand­schrif­ten und domi­ni­ka­ni­sche Pre­digt­hand­bü­cher – erschlos­sen und kom­men­tiert wer­den. Zudem ist geplant, die mit etwa 1350 Illus­tra­tio­nen rei­che Bild­über­lie­fe­rung sys­te­ma­tisch auf­zu­ar­bei­ten.

Die Pro­jekt­sei­te ist öffent­lich zugäng­lich unter https://digi.ub.uni-heidelberg.de/bed/index.html .

Bild­un­ter­schrift: Die Ein­gangs­fa­bel von „Hahn und Edel­stein“ in der „Edelstein“-Handschrift Wol­fen­büt­tel (ca. 1450–80). Foto: Katho­li­sche Uni­ver­si­tät Eich­stätt-Ingol­stadt