Ein humorvoller Familienroman ohne Klamauk-Faktor, preisgekrönte Neuerscheinungen und weitere treffsichere Lesetipps  -

von | 11. April 2023 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Gun­zen­hau­sen (red). Wer für lite­ra­ri­sche Über­ra­schun­gen etwas übrig­hat, kam dies­mal beim Lite­ra­tur­ca­fé zum Bücher­früh­ling 2023 auf sei­ne Kos­ten. Das Pro­gramm mit den 18 Lese­tipps wur­de dies­mal mit fünf Büchern mit unwahr­schein­li­chen Plots und phan­tas­ti­schen Wen­dun­gen eröff­net.

13 frei­wil­li­ge Test­le­se­rin­nen und Test­le­ser stell­ten ihre aktu­el­len Lieb­lings­bü­cher beim Lite­ra­tur­ca­fé in der Stadt- und Schul­bü­che­rei vor

Eine Emp­feh­lung hat­te Chris­ti­ne Höl­ler für „Die geflo­he­ne Geschich­te“, in der aus Büchern ent­wi­che­ne Roman­fi­gu­ren ins rea­le Leben wech­seln kön­nen und dort auch mal straf­fäl­lig wer­den. Hier ermit­telt dann die Poli­zei­ab­tei­lung für „Ver­bre­chen durch Figu­ren“.  Ver­fasst wur­de der Roman von deut­schen Erfolgs­au­torin, die unter dem Pseud­onym „Kate Kowal­ski“ auf­tritt.

Eben­falls mit Mys­tery-Ele­men­ten war­tet der Roman der kana­di­schen Autorin Emma Donoghue über ein Fas­ten­mäd­chen auf. Im Jahr 1859 hat die klei­ne Anna O Don­nell seit vier Mona­ten kei­ne Nah­rung zu sich genom­men und ist nicht ver­hun­gert. An ein Wun­der kön­nen da man­che nicht glau­ben und machen sich auf, um in dem katho­li­schen iri­schen Dorf zu ermit­teln.

Nik Lau­ra Bau­mann hat den bereits 2016 erschie­ne­nen Roman aus­ge­wählt, der durch eine erfolg­rei­che Net­flix-Ver­fil­mung aktu­ell die Auf­merk­sam­keit auf sich zieht.

Zwei US-Kunst­stu­den­tin­nen zie­hen nach Ber­lin und schaf­fen es, ihre Woh­nung als Dreh- und Angel­punkt der Par­ty-Sze­ne zu machen. „Unglaub­lich span­nend, aber eigent­lich gar nicht mei­ne Welt“ – letzt­lich zieht Zena Wiehn, die den Roman nach 100 Sei­ten erst­mal weg­le­gen woll­te, doch ein posi­ti­ves Fazit. Man erfährt viel über die Sze­ne in Ber­lin, lernt viel Neu­es über Dro­gen und kann sich irgend­wann dem Tem­po der Geschich­te nicht mehr ent­zie­hen.

Eine spre­chen­de Kat­ze gibt es in „Fran­kie“, dem warm­her­zi­gen Roman des Autoren­du­os Jochen Gutsch und Maxim Leo. Tina Ellin­ger hat mit Begeis­te­rung die Geschich­te des Streu­ner­ka­ters Fran­kie gele­sen, der zu Beginn des Buches den Selbst­mord des ver­wit­we­ten Schrift­stel­lers Richard ver­hin­dert und schließ­lich bei ihm ein­zieht.

In die Kate­go­rie „warm­her­zig“ passt auch der Fami­li­en­ro­man „Din­ner mit den Schna­bels“. Kein Kla­mauk, aber viel Humor steckt nach Mari­on Hin­de­rers Urteil in der Geschich­te über eine nicht ganz ein­fa­che Fami­lie mit einer herrsch­süch­ti­gen Schwie­ger­mut­ter als unan­greif­ba­rem Ober­haupt, unter der beson­ders der arbeits­lo­se Archi­tekt und Schwie­ger­sohn Simon zu lei­den hat.

Mit Hin­ter­grund­in­for­ma­tio­nen zu Mech­tild Borr­manns Roman „Feld­post“ konn­te Dag­mar Ben­der auf­war­ten. Die Autorin hat Brie­fe und Noti­zen aus dem Deut­schen Tage­buch­ar­chiv Emmen­din­gen ver­wen­det und so ist ihr eine lebens­na­he Geschich­te über Lie­be und Ver­rat in der Zeit der Nazi-Dik­ta­tur gelun­gen. Ihr Lese­tipp: „Der Roman beginnt wie ein Kri­mi“ und zwar mit einem Kof­fer vol­ler Brie­fe.

Einen his­to­ri­schen Kri­mi mit Schau­platz Mün­chen hat­te Babett Gut­h­mann aus­ge­wählt: „Das wah­re Motiv“ von Uta See­burg. Ein ehe­ma­li­ger preu­ßi­scher Offi­zier führt bei der könig­lich baye­ri­schen Poli­zei neue Ermitt­lungs­me­tho­den ein, bei denen die bis zum Ende des 19. Jahr­hun­derts ver­nach­läs­sig­te foren­si­sche Spu­ren­si­che­rung eine gro­ße Rol­le spielt. Viel Schwa­bin­ger Lokal­ko­lo­rit, vie­le zeit­ge­schicht­li­che Beson­der­hei­ten wie den dich­ten Drosch­ken­ver­kehr in der Leo­pold­stra­ße und ein Ein­tau­chen in die Kunst­sze­ne der Seces­si­ons­zeit in Mün­chen machen den Kri­mi­ge­nuss per­fekt.

Wer wie Judith Hofer Span­nungs­ro­ma­ne aus dem hohen Nor­den mag, der ist ihrer Mei­nung nach mit dem islän­di­schen Kri­mi „Ver­schwie­gen“ von Eva Björg Aegis­dot­tir bes­tens bedient. Jede Men­ge fal­sche Fähr­ten und die hart­nä­ckig ermit­teln­de Poli­zis­tin Elma sor­gen für den rich­ti­gen Dri­ve.

Vie­le ken­nen ihn als Ermitt­ler in Kroa­ti­en-Kri­mis, aber der Schau­spie­ler und Musi­ker Lenn Kudrja­witz­ki hat auch im inter­na­tio­na­len Film bereits eine Glanz­kar­rie­re hin­ge­legt. Dar­über hin­aus hat er als Vier­jäh­ri­ger mit dem Gei­gen­spiel begon­nen und erfolg­reich ein Vio­lin­stu­di­um an die­sem Instru­ment abge­schlos­sen. Ver­hei­ra­tet ist er mit der Sän­ge­rin und Star-Gei­ge­rin Nora Kudrja­witz­ki. Wer mehr über sei­ne Kar­rie­re und über sei­ne „Fami­li­en­ban­de“ erfah­ren möch­te, der ist mit der Auto­bio­gra­fie die­ses Aus­nah­me­künst­lers gut bedient so die ein­deu­ti­ge Emp­feh­lung von Bir­git Franz.

Mar­vin Hofer zeig­te sich vom Stil des mit dem Deut­schen Buch­preis aus­ge­zeich­ne­ten Roman „Blut­buch“ von Kim De L’Horizon irri­tiert. Zu vie­le kur­ze Sät­ze, vie­le schwei­zer­deut­sche Begrif­fe und gene­rell sehr Fremd­wort-las­tig.

„Ein abso­lut unter­halt­sa­mer Roman aus der Welt der Gam­ing-Com­mu­ni­ty“ — so emp­fahl Ulri­ke Fischer den Roman der ame­ri­ka­ni­schen Autorin Gabri­el­le Zevin „Mor­gen, mor­gen und wie­der mor­gen“. Die Freund­schaft von Sam und Sadie begann mit dem gemein­sa­men Spie­len von Super Mario. In den 1990ern tref­fen sie sich wie­der und ent­wi­ckeln als Game­de­si­gner-Duo ein neu­es Spiel, das ein Sen­sa­ti­ons­er­folg wird.

Der Debüt­ro­man von Hono­rée Fanon­ne Jef­fers „Die Lie­bes­lie­der von W.E.B. Du Bois“ wird in den USA als zeit­ge­schicht­li­ches Meis­ter­werk gefei­ert. Hart­mut Röhl zeigt sich von der Kon­zep­ti­on des dicken Wäl­zers über­zeugt: Die The­sen und Ideen des Sozio­lo­gen und Bür­ger­recht­lers Du Bois ste­hen der Suche der jun­gen Geschichts­stu­den­tin Ailey gegen­über, die in ihre Fami­li­en­ge­schich­te auf einer Plan­ta­ge in Geor­gia ein­taucht. Dort leb­ten die Vor­fah­ren von Ailey in Skla­ve­rei und kolo­nia­ler Unter­drü­ckung.

Für den Koch­buch-Test mit Rezep­ten aus zwei Neu­erschei­nun­gen war­te­te Ulri­ke Zatsch­ker auf. Sie ser­vier­te Apfel-Zimt-Coo­kies aus dem sehr schön bebil­der­ten Koch­buch „Cold days & Green Food“ von Julia Caw­ley. Als sal­zi­gen Kon­trast Ros­ma­rin-Cra­cker aus „Ein­fach schnell vegan“ dem Buch der Food-Blog­ge­rin Anja Roma­nis­zyn.

Bild­un­ter­schrift: Ein spre­chen­der Kater kann ein lebens­ret­ten­der Gesell­schaf­ter sein. „Fran­kie“ von Jochen Gutsch und Maxim Leo über­zeug­te Tina Ellin­ger auch wegen der so herr­lich flap­sig daher­re­den­den Kat­zen­stim­me. Foto: Stadt Gun­zen­hau­sen