Ein starkes Stück! „Achtsam Morden“ in der Stadthalle

von | 16. Dezember 2024 | Altmühlfranken, Gunzenhausen

Gun­zen­hau­senn (red). Ket­ten­sä­ge, Hand­gra­na­te und Elek­tro­schock haben bekannt­lich noch kei­nem Thea­ter gescha­det… der ein oder ande­ren Rol­le aber sehr wohl. Dass das Publi­kum trotz­dem lacht, liegt nicht etwa an der gesell­schaft­li­chen Ver­ro­hung, son­dern dar­an, dass das Stück „Acht­sam Mor­den“ furcht­bar lus­tig ist und jeder­zeit zwi­schen Rea­li­tät und völ­lig über­zo­ge­ner Fik­ti­on unter­schei­det. Die Büh­nen­ad­ap­ti­on des Kri­mi­ko­mö­di­en­best­sel­lers von Kars­ten Dus­se ist ein rasan­tes Gag­feu­er­werk vol­ler tief­schwar­zem Humor. Fein­geis­ter haben hier frei­lich nichts zu lachen, die Unter­hal­tung kommt mit dem Vor­schlag­ham­mer. Es flie­gen nicht nur die Fäus­te, son­dern auch abge­trenn­te Fin­ger und ande­re Kör­per­tei­le, dazu wird herz­haft geblö­delt und befrei­end gelacht. War­um die­se selt­sa­me Gen­re­mi­schung den­noch funk­tio­niert? Weil die drei Künst­ler Mar­tin Lin­dow, Chris­ti­an Miedreich und Ales­sa Kor­deck die per­so­ni­fi­zier­te gute Lau­ne sind, sie zele­brie­ren zwar Mord und Tot­schlag, fei­ern durch ihr Spiel jedoch die Schön­heit des Lebens. Wer „Acht­sam Mor­den“ ernst nimmt, der kann nicht ernst genom­men wer­den. Ver­gan­ge­nen Sams­tag wur­de die Roman­ad­ap­ti­on im Rah­men der aktu­el­len Thea­ter­spiel­zeit auf der Stadt­hal­len­büh­ne gezeigt.

„Acht­sam Mor­den“ lebt von Vor­ur­tei­len und Ste­reo­ty­pen, es gelingt aller­dings von Beginn an der Sprung hin zur Sati­re. So ist der schmie­ri­ge, Son­nen­bril­len tra­gen­de Dra­gan ganz klar ein Mafio­so. Auch der die knall­ro­te Woll­müt­ze tief in Gesicht gezo­ge­ne Sta­nis­lav kann die­ser Logik fol­gend nur ein Gano­ve sein. Der flä­chen­de­ckend täto­wier­te Toni und das fie­se Frett­chen Sascha, na, Sie wis­sen schon. Die Poli­zei trägt einen Der­rick-Man­tel oder die hüft­lan­ge Leder­ja­cke. Dage­gen ist der groß­mäu­li­ge Björn im Yps-Heft-Gedächt­nis­strei­fen­an­zug ganz Anwalt. Gemein­sam mit sei­nem bar­fü­ßi­gen, Klang­scha­len anbe­ten­den Acht­sam­keits­coach Josch­ka arbei­tet er an der Ver­wirk­li­chung einer Visi­on: So will er künf­tig nur noch das tun, was er auch tun will. Hem­men­de Ver­pflich­tun­gen sol­len der Ver­gan­gen­heit ange­hö­ren, und gesagt, getan, der geris­se­ne Straf­ver­tei­di­ger lässt sei­nen mau­len­den Mafia-Man­dan­ten hin­ter sich. Und das ganz wört­lich, denn nach­dem er ihn eines Tages bei hoch­som­mer­li­chen Tem­pe­ra­tu­ren im Kof­fer­raum aus der Stadt schmug­gelt, lässt er ihn kur­zer­hand schmo­ren. Als die­ser well done ist, ist Björn end­lich frei, zumin­dest denkt er das. Denn: Pus­te­ku­chen, Dra­gans rus­si­scher Kri­mi­nel­len­kon­kur­rent Boris und des­sen Flam­me Mascha sind ihm schon auf den Fer­sen. Dazu sitzt ihm sei­ne Kanz­lei im Nacken, Dra­gans böse Wich­te schar­ren mit den Füßen und die nör­geln­de Ehe­frau möch­te, dass er sich um einen Kin­der­gar­ten­platz für Töch­ter­lein Emi­ly küm­mert. Wie gut, dass er sich immer mehr von den Las­ten des ihn ein­engen­den All­tags befreit.

Rund 20 Rol­len tei­len Ales­sa Kor­deck und Chris­ti­an Miedreich unter sich auf. Das Schlüp­fen von einer Per­son in die ande­re wird schnell zu einem sehens­wer­ten Höhe­punkt des Abends, denn manch­mal reicht die Zeit dazwi­schen nur, um sich einen Plas­tik­schnurr­bart vor die Nase zu hal­ten oder um das Jackett zu wech­seln. Den­noch kommt kei­ne Ver­wir­rung auf, denn Ges­tik, Mimik, Kör­per­hal­tung und Dia­lekt defi­nie­ren jedes ein­zel­ne Indi­vi­du­um. Die bei­den Künst­ler leis­ten Gro­ßes und neh­men das Publi­kum bei die­ser Ver­klei­dungs­ach­ter­bahn mit. Dage­gen bleibt Prot­ago­nist Mar­tin Lin­dow eine One-Man-Show, sorgt durch geschickt gesetz­te sar­kas­ti­sche Kom­men­ta­re und Erklä­run­gen jedoch dafür, dass die Geschich­te jeder­zeit am Lau­fen bleibt und die Zuschau­er dem Plot fol­gen kön­nen.

Bemer­kens­wer­te, inno­va­ti­ve Sze­nen gibt es bei die­ser tol­len Umset­zung von Regis­seur Pas­cal Breu­er reich­lich. Der Witz schleicht schwer bewaff­net durch die Hand­lung, ein Hoch dar­auf, dass kom­plett auf moder­ne Fremd­schäm-Momen­te ver­zich­tet wur­de. In Erin­ne­rung blei­ben wird defi­ni­tiv nicht nur ein 1,80 Meter gro­ßer Hase in schwar­zer Leg­gings, der beim Wild­wech­sel vors Auto läuft, son­dern auch ein Fol­ter­sze­nen-Schat­ten­thea­ter, bei dem selbst die letz­te Publi­kums­rei­he in schal­len­des Geläch­ter aus­brach. Ein lebens­gro­ßer Plüsch­af­fe wur­de von Schlä­ger Toni mal­trä­tiert und miss­han­delt (wie uns der Ver­an­stal­ter ver­si­cher­te, ist das Kuschel­tier unver­letzt geblie­ben).

Mit der Gun­zen­häu­ser Thea­ter­spiel­zeit geht es im nächs­ten Jahr wei­ter. Dann kom­men Dra­ma- und Tra­gik­fans voll auf ihre Kos­ten, denn gezeigt wird am 1. Febru­ar 2025 um 19.30 Uhr das Jahr­hun­dert­stück „Eines lan­gen Tages Rei­se in die Nacht“. Nähe­re Infor­ma­tio­nen gibt es unter https://smex-ctp.trendmicro.com:443/wis/clicktime/v1/query?url=www.gunzenhausen.info&umid=0f969fea-95f3-44b8-8447-a5a2e57861c4&auth=89a823336c8dc1a7175155e4e8be6df8236f5c5e-777a2abbc7969a87eabe3259e49df3543bd49187.

Foto: Stadt Gunzenhausen/Manuel Gros­ser