Gunzenhäuser THEATERspielzeit – Von Truden, Trollen und Perchten

von | 17. Dezember 2025 | Allgemein, Altmühlfranken, Gunzenhausen

Gun­zen­hau­sen — Wir Men­schen sind ein komi­scher Hau­fen. Obwohl wir längst Ato­me spal­ten, mit der KI reden und auf dem Mond waren, scheint die Welt um uns her­um noch immer ihre Geheim­nis­se zu haben. Was hin­ter dem mensch­lich Wahr­nehm­ba­ren liegt, dar­über zer­bre­chen wir uns seit jeher den Kopf. Vor allem Spuk­ge­stal­ten, Geis­ter und Gespens­ter gru­seln und fas­zi­nie­ren uns, es ist das Quänt­chen an Gän­se­haut und Aber­glau­be, was uns in die Arme unheim­li­cher Geschich­ten treibt. Nachts erzäh­len die sich beson­ders gut, etwa in der Wal­pur­gis­nacht oder in den Rau­näch­ten. Das Mys­ti­cal „Baye­ri­sche Rauh­nacht“ greift dies auf und ver­bin­det Bräu­che und Ritua­le mit Musik und Folk­lo­re. Ver­gan­ge­nen Sams­tag war das von der Band Scha­ri­wa­ri beglei­te­te Stück im Rah­men der aktu­el­len Thea­ter­sai­son in Gun­zen­hau­sen zu Gast. 

Zwi­schen Win­ter­son­nen­wen­de und Drei-Königs-Fest tref­fen wir auf die Rau­näch­te, eine schau­ri­ge Zeit, in der aller­lei Zau­ber­we­sen unter­wegs sind. So im Musik­thea­ter „Baye­ri­sche Rauh­nacht“, denn dar­in tum­meln sich nicht nur ein Zau­ber­troll aus dem hohen Nor­den und ein alpi­ner Holz­mandl, son­dern auch Hexen, Dru­den, Dämo­nen, Perch­ten, Wotan und sogar Tod und Teu­fel. Klingt wild, war es auch, das Publi­kum bekam ein mit Musik auf­ge­la­de­nes Gru­sel­feu­er­werk dar­ge­bo­ten. Der rote Faden des außer­ge­wöhn­li­chen Stücks ist das Brauch­tum und die unzäh­li­gen Geschich­ten, wel­che vie­ler­orts über die geheim­nis­vol­len Rau­näch­te erzählt wer­den. Dabei beschränkt sich der Plot nicht auf die Vor­al­pen­ge­gend, son­dern nimmt Ele­men­te aus Groß­bri­tan­ni­en, Skan­di­na­vi­en und Süd­eu­ro­pa mit in die Hand­lung auf. 

Viel Lie­be ist in die­ses Mys­ti­cal geflos­sen, das zeigt schon das Büh­nen­bild mit den unzäh­li­gen Dekostü­cken. Da liegt Herbst­laub her­um und Holz­wur­zeln laden zum Ver­wei­len ein. Kah­le Äste und unheim­li­che Mas­ken jagen die ein oder ande­re Gän­se­haut den Rücken run­ter. Ein sinn­li­ches Erleb­nis für Auge, Ohr und spä­ter auch Nase, denn immer wie­der wird künst­li­cher Nebel durch die Stadt­hal­le zie­hen. Als mys­ti­sches Fens­ter in eine ande­re Welt wird größ­ter Wert auf Atmo­sphä­re gelegt, selbst farb­lich durch aller­lei Licht­ef­fek­te. Das Publi­kum gou­tier­te dies und freu­te sich außer­dem über die tol­len Kos­tü­me und die per­fek­te Cho­reo­gra­phie. Beson­ders die bei­den Prot­ago­nis­ten wuss­ten mit­zu­rei­ßen, ein­mal die wun­der­bar vital-auf­ge­dreh­te Mare­sa Sedl­mei­er als Troll und außer­dem Fer­di­nand Dörf­ler als gran­teln­der Holz­mandl. Die bei­den har­mo­nie­ren präch­tig, haben ein­neh­men­de Büh­nen­prä­senz und sind außer­dem der per­so­ni­fi­zier­te clash of cul­tures. Wo Dörf­ler tiefs­tes Baye­risch grum­melt, platt­deutscht Sedl­mei­er durch die ein­drucks­vol­len Sze­nen. Herr­lich und mit viel Wort­witz sowie Spitz­fin­dig­kei­ten ange­rei­chert. Nicht zu ver­ges­sen, die zahl­rei­chen Quer­re­fe­ren­zen auf pop­kul­tu­rel­le Phä­no­me­ne.

Die Band Scha­ri­wa­ri gibt es bereits seit Ende der 1970er-Jah­re. Mit dem Musik­thea­ter „Baye­ri­sche Rauh­nacht“ haben sie sich ein klei­nes, aber fei­nes Denk­mal gesetzt. Die Stü­cke pas­sen the­ma­tisch her­vor­ra­gend, mit einer ganz eige­nen Mischung aus Folk- und Prog­rock musi­ziert die Band über die „Wui­de Jagd“, feu­ern den „Hexen­tan­go“ an oder war­nen vor dem „Geis­terrei­gen“. Das High­light ist ein Kuh­glo­cken-Xylo­phon, das nicht nur fan­tas­tisch aus­sieht, son­dern schier magi­sche Töne von sich gibt. Leicht poe­tisch am Anfang ent­wi­ckelt die Musik zum Ende hin einen eige­nen Sog, der zum Abschluss des Mys­ti­cals gar für spon­ta­ne Schun­kel- und Feu­er­zeug­ein­la­gen sorgt.

Klas­si­sches Thea­ter ist die „Baye­ri­sche Rauh­nacht“ defi­ni­tiv nicht. Die Hand­lung ist mys­tisch und kryp­tisch. Die­ses Stück war kei­ne ein­fa­che Kost und beschäf­tigt auch nach Schluss­pfiff noch. Und das ist sicher so gewollt, gel­ten doch die Rau­näch­te selbst ohne Mys­ti­cal als Zeit des Nach­den­kens und der Rück­schau auf das ver­gan­ge­ne Jahr. Und in die­ser Zeit, in der die Gren­ze zwi­schen sicht­ba­rer und unsicht­ba­rer Welt beson­ders dünn zu sein scheint, macht solch ein vor­weih­nacht­li­ches Thea­ter­ge­schenk doch gleich dop­pelt so viel Spaß. Oder wie es der Zau­ber­troll aus­drück­te: „Die Kraft der Phan­ta­sie ist der Schlüs­sel zur Magie!“

Die Gun­zen­häu­ser THEA­TER­spiel­zeit geht am 14. März 2026 in die nächs­te Run­de, dann mit den Sprach­künst­lern vom Ensem­ble Per­so­na. Die per­for­men Shake­speares „Som­mer­nachts­traum“ und ver­spre­chen gro­ße Büh­nen­mo­men­te. Nähe­re Infor­ma­tio­nen dazu erhal­ten Sie unter www.gunzenhausen.info. Unter­stützt wird die aktu­el­le THEA­TER­spiel­zeit vom Bezirk Mit­tel­fran­ken.

Foto: Stadt Gunzenhausen/Manuel Gros­ser