Hass im Netz hat viele Opfer, taucht aber auch als „Geschäftsmodell“ auf

von | 29. Januar 2023 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Gun­zen­hau­sen (red). „Ein woh­li­ger Schau­der“ — solch eine For­mu­lie­rung könn­te in einem alt­mo­di­schen Lie­bes­ro­man ste­hen, ist aber ein Phä­no­men, das auch mit Hass und Ver­un­glimp­fun­gen im Netz ver­bun­den sein kann. Der Kul­tur­wis­sen­schaft­ler und Medi­en­päd­ago­ge Chris­ti­an Gür­t­ler hat­te zu sei­nem Vor­trag in der Rei­he „Medi­en­wel­ten“ inter­es­san­te The­sen in die Stadt- und Schul­bü­che­rei Gun­zen­hau­sen mit­ge­bracht. Sei­ne The­se: Das Ver­brei­ten und Kon­su­mie­ren von Rea­li­ty-Sen­dun­gen und Trash-For­ma­ten wie ‚Dschun­gel­camp‘ ähnelt dem Ver­fas­sen und Mit­le­sen von Hass-Posts und befeu­ert Emp­fin­dun­gen wie Scha­den­freu­de und Fremd­schä­men.

Wenn sich eine Per­son bei­spiels­wei­se beim ‚Bache­lor‘ oder bei ‚Bau­er sucht Frau‘ bla­miert, dann schämt man sich für die­se Per­son, die sich so unge­schickt anstellt, man schämt sich aber auch dafür, die­se Sen­dung anzu­schau­en. Chris­ti­an Gür­t­ler bringt hier den eng­li­schen Begriff „guil­ty plea­su­re“ ins Spiel und beschreibt damit Beschäf­ti­gun­gen, die einem Freu­de berei­ten und von denen man nicht las­sen kann, aber die man als sozi­al wenig erwünscht oder als kin­disch emp­fin­det und des­halb mög­lichst geheim­hält. Ein Gefühl, das vie­le auch beim Ver­fol­gen der WM-Fuß­ball­spie­le in Katar hat­ten.

Eine Rol­le bei den Hass-Posts spielt auch der Wunsch nach sozia­lem Ver­gleich: Man schaut ger­ne auf zu Per­so­nen, man schaut aber auch ger­ne auf ande­re her­ab. Im täg­li­chen Mit­ein­an­der fal­len ver­ba­le Aus­ein­an­der­set­zun­gen und Angrif­fe auf Ein­zel­ne meist weni­ger dras­tisch aus als in der Anony­mi­tät der digi­ta­len Welt. Chris­ti­an Gür­t­ler hat hier viel geforscht und wen­det ein: „So anonym sind die meis­ten Posts gar nicht. Wer hin­ter den Ali­as-Namen steht, kann oft über die IP-Adres­se schnell ermit­telt wer­den.“

Gehasst und geschmäht wird beson­ders in den sozia­len Netz­wer­ken und auf You­Tube-Kanä­len, infor­mier­te der Medi­en­päd­ago­ge. Da braucht man nur die Kom­men­ta­re von Face­book-Auf­trit­ten von Nach­rich­ten­sen­dern oder der Pres­se zu lesen. Beson­ders vie­le böse gemein­te Posts gibt es bei Twit­ter (dort wird aber auch inhalt­lich viel dis­ku­tiert und gestrit­ten) und bei Tele­gram. Bei die­sem Mes­sen­ger-Dienst gibt es Grup­pen­chats und Grup­pen-Kanä­le mit gro­ßen Teil­neh­mer­zah­len und die Reich­wei­te ein­zel­ner in sol­chen Grup­pen ist enorm.

Für einen der bis­lang auf­se­hen­er­re­gends­ten Fäl­le von eska­lie­ren­dem Hass im Netz, den Fall „Dra­chen­lord“, hat sich Chris­ti­an Gür­t­ler beson­ders inter­es­siert und er erläu­ter­te, wie sich aus unge­schick­ten You­Tube-Bei­trä­gen ein bös­ar­ti­ger Aus­tausch mit Zehn­tau­sen­den von Betei­lig­ten in den sozia­len Netz­wer­ken ent­wi­ckel­te. In die­sem Fall, der sich übri­gens im frän­ki­schen Ört­chen Alt-Schau­er­berg zuge­tra­gen hat, haben die Chat-Teil­neh­mer, die sich selbst als „Hater“ bezeich­nen, die Adres­se des „Dra­chen­lords“ her­aus­ge­fun­den und aus den vir­tu­el­len Tira­den wur­den mas­si­ve Angrif­fe. Der Ort mit allen 38 Ein­woh­nern hat unter dem Ansturm der von Hass getrie­be­nen Com­mu­ni­ty gelit­ten, bis zu 800 Men­schen ver­sam­mel­ten sich, um den „Dra­chen­lord“ aus sei­nem Haus zu ver­trei­ben oder Streit mit ihm zu suchen.

Dass es so weit kam, liegt nach den Wor­ten von Chris­ti­an Gür­t­ler auch in der Ver­ant­wor­tung des „Dra­chen­lords“ selbst. Er hat auf einem mitt­ler­wei­le gesperr­ten You­Tube-Kanal eigent­lich harm­lo­se Film­chen gepos­tet. Die­se wur­den schmä­hend kom­men­tiert und man mach­te sich lus­tig über den Mann mit Über­ge­wicht, Metal-T-Shirts und einem brei­ten Frän­kisch. Genau die­se wuss­te der „Dra­chen­lord“ zu nut­zen. „Er hat sich eine nega­ti­ve Mar­ke auf­ge­baut“, sagt Gür­t­ler. Bis zu 4.000,- Euro monat­lich habe der Kanal mit den zahl­rei­chen Abon­nen­ten ver­dient. Die­se hat­ten sich längst gegen ihn for­miert und es gab eine Tele­gram-Grup­pe mit 45.000 Mit­glie­dern, die sich alle­samt über den „Dra­chen­lord“ lus­tig mach­ten oder ihn aufs Übels­te beschimpf­ten. Die­ser schlug zurück und so schau­kel­te sich die Online-Aus­ein­an­der­set­zung auf und der Hass aus dem Netz schwapp­te ins rich­ti­ge Leben über. Mitt­ler­wei­le muss­te der von Hass ver­folg­te You­Tuber sein Haus ver­kau­fen, doch das Mob­bing im Netz gegen ihn geht wei­ter.

Der geschil­der­te Fall ist nur die Spit­ze eines Trends: Mit You­Tube-Kanä­len zu pein­li­chen Pan­nen und Unfäl­len, mit Fil­men, in denen sich Leu­te unab­sicht­lich bla­mie­ren, wird eben­so Geld ver­dient wie mit Accounts, auf denen bös­ar­ti­ge Angrif­fe auf Per­so­nen­grup­pen oder Ein­zel­per­so­nen mal als „Wit­ze“, mal als Het­ze erschei­nen. Die „Wäh­rung“ ist dabei die Bild­schirm­zeit, die mit einer gewis­sen Wer­be­zeit ein­her­geht.

Für den frei­en Dis­kurs in den sozia­len Medi­en haben dif­fa­mie­ren­de Angrif­fe direk­te Aus­wir­kun­gen. Chris­ti­an Gür­t­ler, der der­zeit beim Lehr­stuhl Theo­lo­gie an der Fried­rich-Alex­an­der-Uni­ver­si­tät Erlan­gen im Bereich Medi­en- und Spiel­päd­ago­gik an sei­ner Pro­mo­ti­on arbei­tet, zitiert eine Stu­die der gemein­nüt­zi­gen Orga­ni­sa­ti­on „Hate­Aid“: Danach war jede und jeder zwei­te jun­ge Erwach­se­ne schon von Dif­fa­mie­rung, Nöti­gung und einer ande­ren Form von digi­ta­ler Gewalt betrof­fen. Hass-Posts ver­brei­ten sich im Netz und eine Straf­ver­fol­gung läuft viel­fach ins Lee­re.

Um sich gegen Hass­bot­schaf­ten im Netz, die die Per­sön­lich­keits­rech­te berüh­ren, zu weh­ren, gibt es auch die Mög­lich­keit, die Social-Media-Platt­for­men in die Ver­ant­wor­tung zu neh­men: Posts mel­den, Fil­ter­soft­ware und Künst­li­che Intel­li­genz wei­ter­ent­wi­ckeln. Für beson­ders wich­tig hält der Refe­rent Initia­ti­ven in der Medi­en­bil­dung. Wobei er hier ein­schränkt: Mit Medi­en­ethik in der Schu­le und im Jugend­be­reich ist es nicht getan, denn beson­ders vie­le „Hater“ kom­men aus der Alters­grup­pe der 30- bis 50-Jäh­ri­gen.

Nach dem Vor­trag gab es vie­le Fra­gen an den Refe­ren­ten und bei einer leb­haf­ten Dis­kus­si­on wur­de klar: Auch in der Lokal­po­li­tik und bei regio­nal strit­ti­gen Pro­jek­ten wird nicht immer fair dis­ku­tiert und in Kom­men­ta­ren und Chats fehlt es mit­un­ter am gegen­sei­ti­gen Respekt. Dabei fiel auch das Stich­wort: „Digi­ta­le Puber­tät“, mit dem viel­leicht ganz gut beschrie­ben ist, dass die Dis­kus­si­ons­kul­tur im Netz eini­ge ent­schei­den­de Schrit­te zum „Erwach­sen­wer­den“ machen muss.

Wei­te­re Ver­an­stal­tun­gen

Mar­tin Bosch vom gun­net e.V. und Babett Gut­h­mann aus der Stadt- und Schul­bü­che­rei Gun­zen­hau­sen wie­sen abschlie­ßend noch auf die kom­men­den Ver­an­stal­tun­gen der gemein­sam kon­zi­pier­ten Medi­en­wel­ten-Rei­he hin: Am Don­ners­tag, 16. Febru­ar 2023, geht es beim Vor­trag des Medi­en­päd­ago­gen Björn Fried­rich um Rol­len­bil­der von Influen­cern und den Ein­fluss sol­cher Online-Stars auf jun­ge Men­schen. Eine Exper­ten­run­de zu Online-Ser­vices und Bera­tungs­an­ge­bo­ten wird es am Don­ners­tag, 27. April 2023, unter dem Titel „Schö­ne digi­ta­le Welt – bin ich dabei?“ geben. Bei­de Ver­an­stal­tun­gen fin­den jeweils um 19.30 Uhr in den Räu­men der Stadt- und Schul­bü­che­rei Gun­zen­hau­sen statt. Ein­tritt frei.

Bild­un­ter­schrift: Hass im Netz – ein viel dis­ku­tier­tes The­ma“ — Mar­tin Bosch vom gunn­net e.V. begrüß­te den Medi­en­päd­ago­gen Chris­ti­an Gür­t­ler zur Vor­trags­rei­he „Medi­en­wel­ten“ in der Stadt- und Schul­bü­che­rei Gun­zen­hau­sen“. Foto: Babett Gut­h­mann