Kirchenvorsteherabend in Weißenburg zur Aufgabe der Kirche

von | 30. Mai 2023 | Altmühlfranken, Weißenburg

Wei­ßen­burg (red). Wel­che Auf­ga­be hat die Kir­che und Gemein­de in der Zukunft und wel­chen wich­ti­gen Bei­trag kann sie vor Ort für das Gemein­sa­me auch in Zukunft leis­ten? Im gut gefüll­ten Saal des Gemein­de­hau­ses Andre­as in Wei­ßen­burg kamen Kir­chen­vor­stän­de aus dem Evang.-Luth. Deka­nat Wei­ßen­burg mit Prof. Dr. Rei­ner Anselm über die­se Fra­gen ins Gespräch. Rei­ner Anselm ist Inha­ber des Lehr­stuh­les für Sys­te­ma­ti­sche Theo­lo­gie und Ethik an der Lud­wig-Maxi­mi­li­an-Uni­ver­si­tät Mün­chen.

Deka­nin Ingrid Gott­wald-Weber hat­te unter Mode­ra­ti­on des Evang. Bil­dungs­wer­kes Jura-Alt­mühl­tal-Hah­nen­kamm durch die päd­ago­gi­sche Kraft Dia­ko­nin Mari­na Mül­ler zu die­sem Abend ein­ge­la­den. Kri­sen gab es schon immer, so Anselm und jede Zeit hät­te ihre Kri­se gehabt, die sie für die größ­te hielt, die es je gab. Aus die­ser Ein­sicht schüt­ze vor pani­schem Akti­vis­mus und mah­ne, zunächst die Signa­tur der viel­fäl­ti­gen Kri­sen­er­fah­run­gen der Gegen­wart prä­zi­ser zu erfas­sen. Umwelt- und Kli­ma­kri­se, Kri­se der Demo­kra­tie, der inter­na­tio­na­len Ord­nung und auch der Kir­che las­sen sich gemein­sam als Kehr­sei­te der Indi­vi­dua­li­sie­rung beschrei­ben. Indi­vi­dua­li­sie­rung bedeu­tet, dass der Lebens­ent­wurf zur Ent­schei­dung jedes und jeder Ein­zel­nen wird. Die beson­de­re Her­aus­for­de­rung der Gegen­wart besteht dar­in, dass die Kri­sen, die aus der Erfolgs­ge­schich­te per­sön­li­cher Frei­heit ent­ste­hen, nur gemein­sam gelöst wer­den kön­nen.

Chris­toph Möl­lers:

Anselm zitier­te den Rechts­wis­sen­schaft­ler Chris­toph Möl­lers, der dar­auf hin­wies, dass Demo­kra­tie Räu­me gesell­schaft­li­cher All­ge­mein­heit braucht. Homo­ge­ne Grup­pen nei­gen dazu sich zu radi­ka­li­sie­ren, weil sie kei­ne Kri­tik mehr erfah­ren und sie ent­wöh­nen sich von der Viel­falt an Mög­lich­kei­ten wie Men­schen leben kön­nen. Die Aner­ken­nung des ande­ren ist immer gefähr­det, wenn der Umgang mit­ein­an­der sich auf bestimmt Grup­pen­zu­ge­hö­rig­keit bezieht. Es brau­che öffent­li­che Schu­len, Fuß­ball­plät­ze, Kir­chen, Volks­par­tei­en, die z.B. nicht nur aus Aka­de­mi­kern, Bau­ern und Öko­lo­gen und Ver­tre­tern von Ein­zel­in­ter­es­sen bestehe.

Kir­che und Gemein­de sind und blei­ben ein not­wen­di­ger Ort gesell­schaft­li­cher All­ge­mein­heit, so Anselm. Wei­ter ori­en­tie­re Kir­che und Gemein­de sich an einer Bot­schaft, so Anselm, die für die Kri­sen­fes­tig­keit, für die gegen­sei­ti­ge Akzep­tanz und für das Aus­hal­ten von Dif­fe­ren­zen in einer Gesell­schaft unver­zicht­bar ist.

Sich mit dem Gege­be­nen nicht abfin­den, nicht nur die eige­ne Per­spek­ti­ve sehen, son­dern das All­ge­mei­ne in den Blick zu neh­men, Zuspruch spü­ren und ver­mit­teln, dass es mög­lich ist Neu­es zu gestal­ten, — dar­in lie­ge der Bei­trag des christ­li­chen Glau­bens für die Bewäl­ti­gung von Kri­sen­er­fah­run­gen.

Ideen kön­nen nur wirk­sam wer­den, indem sie durch Insti­tu­tio­nen bewahrt, ver­mit­telt und in Prak­ti­ken ein­ge­übt wer­den, doch sie dür­fen nicht erstar­ren und müs­sen immer wie­der durch den Kern des Evan­ge­li­ums auf­ge­bro­chen wer­den. Die Kir­chen sind Insti­tu­tio­nen, in denen die Ideen des christ­li­chen Glau­bens bewahrt, die Orte, an denen die Prak­ti­ken, in denen der Glau­be kon­kret wird, ein­ge­übt wer­den. Wie jeder Fuß­ball­ver­ein Platz und Raum brau­che, um Fuß­ball spie­len zu kön­nen, brau­che auch der Glau­be Orte und Räu­me für das Ein­üben. Oft­mals, so Anselm sei­en aller­dings Zäu­ne um die­se Insti­tu­tio­nen und Orte sehr hoch, so dass kaum jemand mehr hin­ein kom­men kön­ne, doch unten so weit weg vom Boden, das jeder raus­kom­men kann.

In einer Gesprächs­pha­se tru­gen die Kir­chen­vor­stän­de zusam­men, wo Kir­che Ihrer Auf­ga­be und ihrer Bot­schaft gerecht wer­de und Räu­me und Wer­te für die All­ge­mein­heit bewah­re. Erstaun­lich, wel­che Fül­le zusam­men­ge­tra­gen wur­de: Nächs­ten­lie­be, Seel­sor­ge, Fes­te und Tra­di­tio­nen, Begeg­nun­gen, Viel­falt, Tole­ranz, gute Bot­schaft, Kir­chen­mu­sik, Kin­der-Jugend­ar­beit, Kasua­li­en, Gebor­gen­heit, Kir­che ist für alle da, Gemein­schaft, Aus­stel­lun­gen in der Kir­che, offe­nes Gemein­de­haus, den guten Geist, der weht, stil­le Teil­ha­be ist mög­lich, Besuchs­diens­te, Kir­chen­kaf­fee, fröh­li­che Got­tes­diens­te, Got­tes­diens­te, offe­ne Kir­chen­tü­ren, Krei­se, Grup­pen, dazu gehö­ren. Wich­tig war den Kir­chen­vor­stän­den auch, dass Kir­che für die gan­ze Gesell­schaft da sei und nicht nur für ihre Mit­glie­der.

Pro­fes­sor Anselm war beein­druckt über den gelun­ge­nen und berei­chern­den Kon­takt der Basis zur Refle­xi­ons­ebe­ne der Uni­ver­si­tät und Leh­re. All das, was er an die­sem Abend gehört hat­te wol­le er gleich in sei­ne Vor­le­sun­gen ein­bau­en.

Foto: Evang.-Luth. Deka­nat Wei­ßen­burg