Klassikerzeit in der Gunzenhäuser Stadthalle – Kleists „Kohlhaas“ als Schultheater

von | 3. Mai 2023 | Altmühlfranken, Gunzenhausen

Gun­zen­hau­sen (red). Ohne Zwei­fel gehört Hein­rich von Kleist zu den ganz gro­ßen deut­schen Erzäh­lern. Doch sein Wir­ken liegt nun schon ein paar Jahr­hun­der­te zurück, sei­ne The­men schei­nen aus heu­ti­ger Sicht eher — sagen wir es vor­sich­tig — anti­quiert. Gera­de jun­ge Men­schen haben gele­gent­lich Schwie­rig­kei­ten, sich den „alten Stof­fen“ ange­mes­sen und mit der manch­mal not­wen­di­gen Lese­kom­pe­tenz anzu­nä­hern. Scha­de, denn Kleist war ein begna­de­ter Dra­ma­ti­ker. Dass es kei­ne her­me­neu­ti­schen Kur­se braucht um Kleist ver­ständ­lich zu machen, zeigt das Jun­ge Thea­ter Rosen­heim e.V. Mit ihrer „Kohlhaas“-Interpretation haben sie ein Schul­thea­ter der beson­de­ren Art im Pro­gramm. Vor kur­zem wur­de das Stück in der Gun­zen­häu­ser Stadt­hal­le auf­ge­führt.

Die Geschich­te um den Pfer­de­händ­ler Kohl­haas ist schnell erzählt. Der Will­kür eines Ade­li­gen aus­ge­setzt, ver­liert der ehr­ba­re Geschäfts­mann meh­re­re Tie­re. Die Jus­tiz kennt in die­sem Fall nur Unge­rech­tig­keit uns so bricht er zu einem grau­sa­men Rache­feld­zug auf und nimmt das Gesetz selbst in die Hand. Gleich­ge­sinn­te fol­gen sei­nem Begehr, doch Kohl­haas pen­delt zwi­schen Gerech­tig­keit, Got­tes­furcht und Gesetz. Am Ende bezahlt er sei­ne Rebel­li­on mit dem Leben, doch auch der Ade­li­ge erlei­det Scha­den. Hat Kohl­haas also erreicht, was er woll­te? Oder haben am Ende bei­de Sei­ten ver­lo­ren?

Das Jun­ge Thea­ter Rosen­heim e.V. hat die Geschich­te um Micha­el Kohl­haas auf das Wesent­li­che redu­ziert. Das Dar­stel­ler­paar Flo­ra Puli­na und Bene­dikt Zim­mer­mann spie­len bei der Bear­bei­tung von Doma­goj Mas­lov gleich meh­re­re Rol­len (bis zu 10) und kon­zen­trie­ren sich dabei auf die Kern­aus­sa­gen des Stücks. Auf Kos­tü­me oder ein Büh­nen­bild wird bewusst ver­zich­tet, im Zen­trum steht die Insze­nie­rung. Die Kon­tras­te und gesell­schaft­lich-mora­li­schen Span­nungs­fel­der kom­men gut zur Gel­tung, etwa wenn rechts­staat­li­ches Ver­hal­ten abso­lu­tis­ti­schem Gedan­ken­gut gegen­über­ge­stellt wird, oder auf Unrecht Selbst­jus­tiz folgt.

Bei der an die Auf­füh­rung anschlie­ßen­den Dis­kus­si­ons­run­de hat­ten die Schü­le­rin­nen und Schü­ler noch die Mög­lich­keit, Fra­gen zu stel­len und Ein­drü­cke zum Stück los­zu­wer­den. Hät­te Kohl­haas sich viel­leicht anders ver­hal­ten sol­len, auch weil im Ver­lauf des Auf­stands Men­schen zu Scha­den kom­men? Wie wird heu­te auf Unge­rech­tig­keit reagiert? Und was kann Macht mit Men­schen machen? Die inhalt­li­che Aus­ein­an­der­set­zung war wich­tig und lie­fer­te dem jun­gen Publi­kum neue Denk­an­sät­ze.

Kohl­haas war eine gelun­ge­ne und inno­va­ti­ve Insze­nie­rung eines gro­ßen Klas­si­kers. Ver­an­stal­tet wur­de das Schul­thea­ter vom städ­ti­schen Kul­tur­bü­ro. Nähe­re Infor­ma­tio­nen, auch zur Thea­ter­sai­son 2023/2024 kön­nen unter www.gunzenhausen.info nach­ge­le­sen wer­den. Unter Tel. 09831/508 109 ste­hen Ihnen die Mit­ar­bei­te­rin­nen für Fra­gen zur Ver­fü­gung.

Foto: Stadt Gun­zen­hau­sen