Landg’macht. Regionale Produkte aus Altmühlfranken

von | 7. Juni 2025 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Pleinfeld, Treuchtlingen, Weißenburg

(red). Regio­na­le Lebens­mit­tel? In Alt­mühl­fran­ken kein Pro­blem. Eine leben­di­ge Sze­ne an Direkt­ver­mark­tern ist hier zuhau­se und steht für Regio­na­li­tät im Ein­kaufs­korb. Vom Apfel bis zur Zuc­chi­ni, vom Büf­fel bis zur Wach­tel. In Rah­men der Serie „Landg’macht“ erzäh­len wir die Geschich­ten der Men­schen, die hin­ter die­sen Pro­duk­ten ste­hen. Machen Sie sich mit uns auf eine Rei­se zu den Direkt­ver­mark­tern Alt­mühl­fran­kens. Zu Men­schen vol­ler Lei­den­schaft für Lebens­mit­tel, Lie­be zur Natur und Zunei­gung zu der Regi­on, in der sie zuhau­se sind.

Die Serie „Landg’macht. Regio­na­le Pro­duk­te aus Alt­mühl­fran­ken“ hat fünf Betrie­be besucht. Heu­te: Genuss vom Wit­tums­hof in Gers­dorf.

Die Kuh­flüs­te­rin von den Jura­wei­den

Der Och­se wird unge­dul­dig. Er stupst Chris­tia­ne Mül­ler an. Ein­mal, zwei­mal, drei­mal drückt das mäch­ti­ge Tier sei­nen Kopf sanft, aber bestimmt in die Sei­te der jun­gen Frau.  Die Bot­schaft ist klar: Sie soll doch bit­te end­lich wei­ter­ma­chen mit der Fell­pfle­ge. Die Bäue­rin vom Wit­tums­hof muss lachen und tut dem Tier den Gefal­len. Sie fährt mit dem Strie­gel wie­der rhyth­misch über die Flan­ke des Tie­res und klopft ihm beru­hi­gend auf die Sei­te. Könn­te ein 400 Kilo­gramm schwe­rer Och­se vor Glück schnur­ren, er wür­de es jetzt tun.

Chris­tia­ne Mül­ler ist im Stall des Wit­tums­hofs und hier sehr offen­sicht­lich in ihrem Ele­ment. Ganz selbst­ver­ständ­lich steht sie zwi­schen den mäch­ti­gen Och­sen und Fär­sen, die gera­de damit beschäf­tigt sind, die Auf­merk­sam­keit der blon­den Bäue­rin zu bekom­men. „Ich bin schon als Kind die gan­ze Zeit mit dem Strie­gel rum­ge­lau­fen und habe Kuh­bü­cher geführt, in die ich die Namen und die Kenn­num­mer ein­ge­tra­gen haben“, erzählt sie. Es blieb nicht bei Kin­der­spie­len, sie hat das Hand­werk von der Pike auf gelernt. Die land­wirt­schaft­li­che Meis­ter­schu­le schloss sie 2019 mit 1,2 ab – das bes­te Ergeb­nis in ganz Mit­tel­fran­ken.

Kein Platz, an dem sie lie­ber wäre

Man hat den Ein­druck, es gibt kei­nen Platz, an dem die 28-Jäh­ri­ge lie­ber ihrer Arbeit nach­ge­hen wür­de, als auf dem Hof, der ein paar Meter über dem Nenns­lin­ger Orts­teil Gers­dorf auf einem klei­nen Pla­teau am Hang liegt. Gera­de wirft sie den Kopf ein wenig in den Nacken und lacht. Ein Geräusch, das man an die­sem son­ni­gen Janu­ar­tag noch öfter hören wird. Gemein­sam mit ihren Eltern ist sie für rund 150 Rin­der ver­ant­wort­lich. Die eine Hälf­te Milch­pro­duk­ti­on, die ande­re Nach­zucht und Mast für die Direkt­ver­mark­tung, um die Chris­tia­ne Mül­ler das Fami­li­en­ge­schäft erwei­tert hat. Und zwar aus einem ganz bestimm­ten Grund.

„Es gibt ein­fach nicht nur Bil­der­buch­käl­ber“, sagt sie wäh­rend sie eine Trau­ben­zu­cker-Lösung in einen Eimer füllt, den ein Kalb gleich vol­ler Begeis­te­rung leer sau­fen wird. „Die Käl­ber, die lan­ge nicht zuneh­men, die viel­leicht nicht so stark sind, die brau­chen die meis­te Zuwen­dung, die meis­te Zeit“, erklärt Mül­ler. Betriebs­wirt­schaft­lich ist es eine nicht so gute Idee, die­se Zeit zu inves­tie­ren, emo­tio­nal geht es für die Gers­dor­fe­rin gar nicht anders.

Gutes Geld für gute Hal­tung

„Ich lie­be alle mei­ne Tie­re hier, des­we­gen ist es gar kei­ne Fra­ge, dass ich mich auch um die küm­mer‘, die ein biss­chen län­ger brau­chen“, stellt sie fest. Wirt­schaft­lich aus­ge­hen muss sich das aber trotz­dem, immer­hin ist Land­wirt­schaft ja nicht nur ihr Hob­by, son­dern ihr Beruf. Die Direkt­ver­mark­tung gibt ihr die Chan­ce dazu. Weil es hier kei­ne Zwi­schen­händ­ler gibt und die Kun­den bereit sind, für gute Hal­tung gutes Geld zu bezah­len, bleibt mehr Ver­dienst beim Land­wirt, der dadurch mehr Zeit in die Tie­re inves­tie­ren kann.

„Das ist wirk­lich mein Traum, dass man da einen Bau­ern­hof in einer huma­nen Grö­ße hat, wo man die Tie­re noch mit Namen kennt und ihnen gerecht wer­den kann“, so die 28-Jäh­ri­ge. „Viel­leicht noch Frei­land­schwei­ne, einen Erleb­nis­bau­ern­hof …“ Ideen für die Zukunft des Wit­tums­hofs hat sie vie­le, was sie vor rund zwei­ein­halb Jah­ren mit ihrer Direkt­ver­mark­tung begon­nen hat, ist der Anfang und nicht das Ende eines Weges.

Jedes Jahr zieht sie mehr Käl­ber für die Eigen­ver­mark­tung auf, als für den Vieh­markt in Ans­bach. Gehal­ten wer­den sie im Win­ter im Stall und im Som­mer auf der direkt benach­bar­ten Wei­de. „Das ist das Schöns­te, wenn die Tie­re da drau­ßen sind“, freut sich Chris­tia­ne Mül­ler. Auf den Jura­wi­e­sen wächst genug, um die Wei­der­in­der zu ver­sor­gen, die sich im Schat­ten der Obst­bäu­me aus­ru­hen und immer mal wie­der von den Früch­ten naschen. Zusätz­li­che Flä­chen für eine mög­li­che Aus­wei­tung hat sie sich bereits gesi­chert.

Ein bis zwei Som­mer auf der Wei­de

Exten­siv­mast nennt sich das Kon­zept. Min­des­tens ein knap­pes Jahr län­ger als in der Inten­siv­mast leben die Tie­re hier. Wenn es nach 30 Mona­ten und ein, bis zwei Som­mern auf der Wei­de zum Metz­ger geht, dann ist das auch für Chris­tia­ne Mül­ler ein schwie­ri­ger Tag, der fast nie ohne Trä­nen über die Büh­ne geht. „Wenn ich irgend­wann nichts mehr füh­le, dann mache ich was falsch“, ist sie über­zeugt. Die Tie­re per­sön­lich auf dem Weg zum Schlach­ten zu beglei­ten, ist für sie eine Selbst­ver­ständ­lich­keit.

Es ist der ewi­ge Zwie­spalt des Land­wirts. Auf der einen Sei­te hat er eine enge Bezie­hung zu sei­nen Tie­ren, weil er sich täg­lich um sie küm­mert, sie häu­fi­ger sieht als die meis­ten mensch­li­chen Freun­de. Auf der ande­ren Sei­te sind die Tie­re auf einem Hof auch ein Wirt­schafts­gut. Ohne ihren wirt­schaft­li­chen Wert gäbe es die meis­ten Kühe gar nicht. Mül­ler: „Ich bin der fes­ten Über­zeu­gung, dass sie hier bei mir ein gutes und erfüll­tes Leben haben.“ Nur unter die­ser Vor­aus­set­zung macht die Land­wirt­schaft für sie Sinn.

„Die Tie­re müs­sen von sel­ber kom­men“

Womit man wie­der beim Strie­geln der Tie­re wäre. „Das mache ich täg­lich, mal län­ger, mal kür­zer, aber es ist wich­tig, dass ich da jeden Tag drin bin, dass die Tie­re eine Ver­bin­dung zu mir haben und dass sie von sel­ber kom­men.“ Sie habe es nie ver­stan­den, wie man in einen Stall nur ein­fach rein­ge­hen kann, sei­ne Arbeit machen und wie­der raus­geht. Für sie ist Land­wirt­schaft eine Lei­den­schaft und der Umgang mit den Tie­ren eine der schöns­ten Sei­ten dar­an.

Auch ande­re jun­ge Land­wir­tin­nen und Land­wir­te gehen neue Wege hin­ein in die Direkt­ver­mark­tung, um mehr Wert­schöp­fung und mehr Tier­wohl auf den Hof zu bekom­men. Eine davon ist etwa Mag­da­le­na Kai­ser aus Pfraun­feld, die die Hof­kai­se­rei gegrün­det hat, und die Milch des elter­li­chen Betriebs nun zu Käse ver­ar­bei­tet. Chris­tia­ne und Mag­da­le­na haben in der Grund­schu­le schon gemein­sam die Schul­bank gedrückt, jetzt haben sie wie­der ein gemein­sa­mes Ziel. Eine Land­wirt­schaft, die näher am Tier und am Men­schen ist.

Koope­ra­ti­on mit der Hof­kai­se­rei

Zu die­sem Zweck arbei­ten die bei­den jun­gen Grün­de­rin­nen auch direkt zusam­men. Sie ver­kau­fen in ihren Hof­lä­den nicht nur die Pro­duk­te der jeweils ande­ren, son­dern haben zusam­men sogar ein gemein­sa­mes ent­wi­ckelt. In den Käse­krai­nern vom Wit­tums­hof steckt der Käse aus Pfraun­feld und das Fleisch der Tie­re von Chris­tia­ne Mül­ler. Eine Koope­ra­ti­on, die zeigt, dass die Ver­net­zun­gen unter den Direkt­ver­mark­ten­den zuneh­men und damit auch das Ange­bot für die Men­schen, die sich in Alt­mühl­fran­ken mit regio­na­len Lebens­mit­teln ver­sor­gen wol­len und so einen Bei­trag zu einer Land­wirt­schaft mit mehr Zeit und weni­ger Druck leis­ten wol­len.

Das Och­sen und Fär­sen­fleisch aus Gers­dorf gibt es nun auch in immer mehr Läden der Umge­bung zu kau­fen, etwa bei „Die klei­ne Markt­hal­le“ in Hei­deck. In Form von Wurst­do­sen, Sala­mis, Käse­krai­nern, Pfef­fer­bei­ßern oder Schin­ken. Mit ein, zwei Wochen Abstand zu den Schlacht­ter­mi­nen wer­den nach der Fleisch­rei­fe dann direkt ab Hof die Fleisch­pa­ke­te in fünf, zehn oder 15 Kilo­gramm Por­tio­nen ver­kauft. Dar­in ent­hal­ten sind Bra­ten, Sup­pen- und Hack­fleisch, Rou­la­den und Rump­steaks. Denn, dass man das gan­ze Tier ver­wer­tet, gehört für Chris­tia­ne Mül­ler eben­falls ganz selbst­ver­ständ­lich zu ihrem Ver­ständ­nis einer nach­hal­ti­gen Nut­zung der Tie­re. So kann sogar das Fell bei Inter­es­se erwor­ben wer­den.

Auf der Kam­pa­gnen­sei­te www.altmuehlfranken.de/landgmacht wer­den die Repor­ta­gen, Bil­der­stre­cken und Video­bei­trä­ge der Direkt­ver­mark­ter ver­öf­fent­licht. „Schau­en Sie doch auch mal auf unse­ren Social-Media-Kanä­len vor­bei, um die span­nen­den Geschich­ten unse­rer Direkt­ver­mark­ter ken­nen­zu­ler­nen“, lädt Land­rat Manu­el West­phal ein.

Bild­un­ter­schrift: Mag­da­le­na Kai­ser und Chris­tia­ne Mül­ler haben ein gemein­sa­mes Ziel: Eine Land­wirt­schaft, die näher am Tier und am Men­schen ist. Foto: be media / Felix Oeder