Prachtvolle Faksimile-Ausgabe eines berühmten Pflanzenbuchs

von | 6. Mai 2024 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Eich­stätt (red). Mit dem 1613 erschie­ne­nen „Hor­tus Eystet­ten­sis“ ver­wahrt die Eich­stät­ter Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek ein beson­ders her­aus­ra­gen­des Exem­plar des wohl berühm­tes­ten Pflan­zen­buchs. Mehr­fach ist das Werk Basi­li­us Bes­lers schon als Bild­band und als Fak­si­mi­le auf­ge­legt wor­den, sodass es welt­weit Ver­brei­tung fand. Der Taschen Ver­lag, der auf groß­for­ma­ti­ge Bild­bän­de spe­zia­li­siert ist, hat nun eine hoch­wer­ti­ge Edi­ti­on publi­ziert, für die das Eich­stät­ter Exem­plar der Fürs­ten­aus­ga­be eigens in das Göt­tin­ger Digi­ta­li­sie­rungs­zen­trum gebracht wur­de.

Auf einem Roll­wa­gen schiebt Dr. Hei­ke Rie­del die Archiv­schach­tel mit dem kost­ba­ren Buch aus dem gut gesi­cher­ten Maga­zin in den Lese­saal der Hof­gar­ten­bi­blio­thek. Mit wei­ßen Hand­schu­hen hebt die Lei­te­rin der Abtei­lung His­to­ri­sche Bestän­de das gewich­ti­ge Werk – jeder der drei Bän­de wiegt rund fünf Kilo­gramm und ist 54 mal 45 Zen­ti­me­ter groß – vor­sich­tig aus der Schutz­schach­tel und legt es auf Kei­len aus Schaum­stoff ab. Oft wird das Eich­stät­ter Exem­plar des „Hor­tus Eystet­ten­sis“ aus kon­ser­va­to­ri­schen Grün­den nicht her­vor­ge­holt. Es dürf­te das wert­volls­te Buch im Bestand der Eich­stät­ter Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek sein. Vor eini­gen Jah­ren war eine ähn­li­che Ori­gi­nal-Erst­aus­ga­be für umge­rech­net 1,94 Mil­lio­nen Euro bei einer Auk­ti­on von Christie’s in Lon­don ver­stei­gert wor­den. Doch wie will man den Wert eines sol­chen his­to­ri­schen Schat­zes über­haupt bezif­fern?

Fürst­bi­schof Johann Kon­rad von Gem­min­gen hat­te 1595 den Auf­trag erteilt, die präch­ti­gen Gär­ten auf den Bas­tio­nen der Wil­li­balds­burg aus­zu­bau­en. Die Auf­ga­be über­nahm Anfang des 17. Jahr­hun­derts der Nürn­ber­ger Apo­the­ker und Bota­ni­ker Basi­li­us Bes­ler. Neben der Umset­zung der Gar­ten­an­la­ge ver­folg­te Bes­ler bald auch das Vor­ha­ben, den „Hor­tus Eystet­ten­sis“ einem brei­ten Publi­kum durch eine Publi­ka­ti­on bekannt zu machen. Meh­re­re Jah­re dau­er­te die Arbeit, ehe das Werk 1613 – und somit erst nach dem Tod von Gem­min­gens – in Nürn­berg erschien. Die Erst­aus­ga­be hat­te den latei­ni­schen Namen „Hortvs Eystet­ten­sis, Sive Dili­gens Et Accv­ra­ta Omni­vm Plant­arvm, Florvm, Stir­pivm, Ex Vari­is Orbis Ter­rae Par­tibvs, Sing­v­la­ri Stv­dio Coll­ec­tarvm Qvae In Cele­ber­ri­mis Virida­ri­is Arcem Epis­co­pa­lem Ibi­dem Cin­g­en­tibvs, Hoc Tem­po­re Con­spi­civnt­vr Delinea­tio Et Ad Vivvm Reprae­sen­ta­tio“ (Der Gar­ten von Eich­stätt, oder sorg­fäl­ti­ge und genaue Auf­zeich­nung und natur­ge­treue Dar­stel­lung aller jener mit ein­zig­ar­ti­gem Fleiß aus den ver­schie­de­nen Erd­tei­len zusam­men­ge­tra­ge­nen Pflan­zen, Blu­men und Bäu­men, die in den berühm­ten Gär­ten den Bischofs­sitz daselbst umge­ben und dort betrach­tet wer­den kön­nen).

Das Buch über den Gar­ten auf der Wil­li­balds­burg soll­te zum wohl präch­tigs­ten bota­ni­schen Bild­werk nicht nur sei­ner Zeit wer­den. Die drei groß­for­ma­ti­gen Bän­de mit 734 Sei­ten beschrei­ben 1084 Pflan­zen­ar­ten aus allen Tei­len der damals bekann­ten Welt. Berühmt ist das Werk vor allem für die präch­ti­gen Kup­fer­sti­che: 367 detail­ge­treue Dar­stel­lun­gen von Pflan­zen, die – sofern es das Buch­for­mat zuließ – in natür­li­cher Grö­ße dar­ge­stellt wer­den. Der „Hor­tus Eystet­ten­sis“ erschien 1613 in meh­re­ren Ver­sio­nen: neben zwei güns­ti­ge­ren Buch­han­dels­aus­ga­ben mit und ohne Text wur­de eine hoch­wer­ti­ge klei­ne Auf­la­ge als fürst­li­ches Geschenk („Fürs­ten­aus­ga­be“) ein­sei­tig bedruckt und zumeist kolo­riert. Die Kolo­rie­rung unter­schied sich dabei von Exem­plar zu Exem­plar in Farb­tö­nen und Aus­fer­ti­gungs­qua­li­tät. Unter den rund 25 noch bekann­ten alt­ko­lo­rier­ten Pracht­aus­ga­ben von 1613 gilt das drei­bän­di­ge Eich­stät­ter Exem­plar als eines der am bes­ten erhal­te­nen. Es ist Teil der Semi­nar­bi­blio­thek und somit im Besitz des Col­le­gi­um Wil­li­bal­dinum. Kurio­ser­wei­se hat­te in Eich­stätt offen­bar kein kolo­rier­ter Erst­druck in voll­stän­di­gem Zustand die Zei­ten über­dau­ert. Das Exem­plar der Semi­nar­bi­blio­thek wur­de am Ende des 19. Jahr­hun­derts in Eng­land erstei­gert.

Bereits 2013 ließ der Taschen Ver­lag die drei Eich­stät­ter Bän­de nach Göt­tin­gen in das Digi­ta­li­sie­rungs­zen­trum der Nie­der­säch­si­schen Staats­bi­blio­thek brin­gen, wo alle Sei­ten von Fach­leu­ten ein­ge­scannt und anschlie­ßend bear­bei­tet und druck­tech­nisch auf­be­rei­tet wur­den. Ende 2023 ist nun ein neu­er Nach­druck im Folio­for­mat in einer num­me­rier­ten Auf­la­ge von 7500 Exem­pla­ren erschie­nen. Die drei­spra­chi­ge Neu­aus­ga­be ent­hält nicht nur – wie frü­he­re Aus­ga­ben – die Bild‑, son­dern auch die Text­ta­feln. Beglei­tet wer­den die­se von Kom­men­ta­ren und wis­sen­schaft­li­chen Erläu­te­run­gen von Klaus Wal­ter Litt­ger, dem frü­he­ren Lei­ter Eich­stät­ter Hand­schrif­ten­ab­tei­lung, und Wer­ner Dres­sen­dör­fer.

Die Eich­stät­ter Pracht­aus­ga­be ist seit eini­ger Zeit auch online abruf­bar auf dem Por­tal www.bavarikon.de (auf­find­bar über den Such­be­griff „Hor­tus Eystet­ten­sis“). Und auch die Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek bie­tet über ihren Online-Kata­log gescann­te Ansich­ten des Wer­kes, zu fin­den unter

www.ku.de/bibliothek/suchen-und-finden/sammlungen (unter „Digi­ta­le Samm­lun­gen“).

Basi­li­us Bes­ler: The Gar­den at Eich­stätt, 3 Bän­de im Schu­ber, 1096 Sei­ten, Taschen Ver­lag Köln 2023, ISBN 978–3‑8365–9433‑2, 200 Euro.

Bild­un­ter­schrift: Dr. Hei­ke Rie­del (Lei­te­rin der Abtei­lung His­to­ri­sche Bestän­de), Micha­el Woh­ner (Regens des Eich­stät­ter Pries­ter­se­mi­nar) und Dr. Maria Löff­ler (Direk­to­rin der Uni­ver­si­täts­bi­blio­thek) mit einem Ori­gi­nal-Band des “Hor­tus Eystet­ten­sis” sowie der drei­bän­di­gen Fak­si­mi­le-Edi­ti­on. Foto: Chris­ti­an Klenk