Stadt Gunzenhausen — Das Haus (des Gastes) erzählte seine Geschichte

von | 22. Januar 2025 | Altmühlfranken, Gunzenhausen

Gun­zen­hau­sen (red). Das heu­te als Haus des Gas­tes bekann­te Gebäu­de war in sei­ner reich­hal­ti­gen Geschich­te vie­les, aber nie ein mark­gräf­li­ches Jagd­schlöss­chen. Mit die­ser jahr­zehn­te­lang in und um Gun­zen­hau­sen gepfleg­ten Falsch­in­for­ma­ti­on räum­te Stadt­ar­chi­var Wer­ner Mühl­h­äu­ßer ent­schie­den auf. „Das heißt natür­lich nicht, dass die Räum­lich­kei­ten nichts mit Carl Wil­helm Fried­rich zu Bran­den­burg-Ans­bach zu tun hat­ten“, beton­te der His­to­ri­ker. „In ers­ter Linie dien­te das Anwe­sen wohl als Gar­ten­haus, dane­ben befand sich ein Spring­brun­nen und ein Was­ser­bad für sei­ne gelieb­ten Fal­ken auf dem Gelän­de. Rich­ti­ger­wei­se soll­ten wir vom mark­gräf­li­chen Hof­gar­ten spre­chen. Ein Jagd­schlöss­chen in Gun­zen­hau­sen gab´s zwar tat­säch­lich, es stand jedoch auf Höhe des heu­ti­gen Oet­tin­ger Park­platz unweit des Bären­wirt­wei­hers. Von die­sem prunk­vol­len Gebäu­de ist nur noch eine Drauf- und Vor­der­sicht erhal­ten geblie­ben. Nach dem Tode des Wil­den Mark­gra­fen wur­de es schon bald abge­ris­sen.“

Das und noch viel mehr über das Haus des Gas­tes erfuh­ren die Besu­che­rin­nen und Besu­cher im Rah­men der Ver­an­stal­tung „Ein Haus erzählt sei­ne Geschich­te“. Stadt­ar­chi­var Wer­ner Mühl­h­äu­ßer hat­te Geschich­te in span­nen­de Geschich­ten gepackt, wel­che von Stadt­füh­re­rin Cor­ne­lia Röhl in kurz­wei­li­gen Thea­ter­sze­nen umge­schrie­ben wur­den. Schau­spie­le­rin­nen und Schau­spie­ler, vor­wie­gend von der Wei­ßen­bur­ger Büh­ne, haben die Wor­te dann in Taten umge­setzt und dem Publi­kum His­to­rie sze­nisch erle­ben las­sen. Musi­ka­lisch stil­voll umrahmt wur­de das Event von Ruth Tuff­ent­sa­mer an der Flö­te und Sig­rid Popp am Key­board.

Ers­te Hin­wei­se auf eine Nut­zung des Are­als am heu­ti­gen Mar­tin-Luther-Platz 4 sind bereits für Anfang des 16. Jahr­hun­dert über­lie­fert. Damals hat­ten die Adels­fa­mi­li­en Leon­rod und Rechen­berg ihre Pri­vat­gär­ten dort ange­legt, das Grund­stück war da noch um eini­ges grö­ßer. Zu die­sem Zeit­punkt stand wohl noch kein Gebäu­de dar­auf, erst rund 200 Jah­re spä­ter wur­de ein „Häuß­lein“ mit Brun­nen gebaut. 1746 erwarb der Wil­de Mark­graf die Lie­gen­schaft. Dem Fürs­ten, der sich bekann­ter­ma­ßen häu­fig und lan­ge in sei­ner Wahl­hei­mat Gun­zen­hau­sen auf­hielt, dien­te das Objekt von nun an als „herr­schaft­li­cher Hof­gar­ten zum aus­schließ­li­chem Amu­se­ment“, wie Wer­ner Mühl­h­äu­ßer her­aus­ge­fun­den hat. Errich­tet wur­den u.a. eine Reit­bahn und ein Mäu­se­häus­lein für die Fal­ken­zucht.

Bei einer auf­lo­ckern­den Spiel­sze­ne dik­tier­te der umtrie­bi­ge Wil­de Mark­graf einem Schrei­ber zahl­rei­che Ver­bes­se­run­gen für eine erfolg­rei­che­re Fal­ken­jagd in die Feder. Gestört wur­de er dabei von sei­ner eifer­süch­ti­gen Gelieb­ten Eli­sa­beth Wünsch.

Nach dem Tode des Wil­den Mark­gra­fen erwarb die Satt­lers­toch­ter Maria Sophia Engel­hardt das Grund­stück. Heu­te ist bekannt, dass sie trotz emsi­ger Bemü­hun­gen die Unter­halts­kos­ten nicht auf­brin­gen konn­te. Das Are­al wur­de daher 1810 zwangs­ver­stei­gert und die sog. Casi­no­ge­sell­schaft Gun­zen­hau­sen griff dank­bar zu. Die Bezeich­nung „Casi­no“ hat hier übri­gens nichts mit Glücks­spiel zu tun, der Begriff stammt aus dem Ita­lie­ni­schen und bezeich­net ein „klei­nes Haus“. Bei der Gemein­schaft han­del­te es sich um einen gesell­schaft­li­chen Män­ner­ver­ein, deren Mit­glie­dern sich aus aus­ge­wähl­ten Per­sön­lich­kei­ten der Gun­zen­häu­ser Ober­schicht zusam­men­setz­ten.

Die Casi­no­ge­sell­schaft reno­vier­te Haus und Gar­ten umfang­reich, auf dem Grund­stück ent­stan­den nach und nach u.a. ein Kegel­platz und ein höl­zer­nes Som­mer­häus­chen. Der baro­cke Mark­gra­fen­gar­ten gehör­te damit end­gül­tig der Ver­gan­gen­heit an, instal­liert wur­de ein der dama­li­gen Mode ent­spre­chen­der Land­schafts­gar­ten nach eng­li­schem Vor­bild. Trotz eli­tä­rem Kli­en­tel wur­de schlecht gewirt­schaf­tet und Tei­le des Grund­stücks muss­ten ver­kauft wer­den. Heu­te ste­hen ent­lang der Hen­solt- bzw. Burg­stall­stra­ße zahl­rei­che Häu­ser auf den damals abge­ge­be­nen Flä­chen.

Die Casi­no­ge­sell­schaft berei­cher­te das kul­tu­rel­le Leben Gun­zen­hau­sens. Teil der Gemein­schaft konn­ten Män­ner wer­den, die laut Sat­zung „selbst­stän­dig, gebil­det und unbe­schol­ten“ waren. Das Mit­glie­der­ver­zeich­nis liest sich dem­entspre­chend wie ein Ober­schichts-who is who. Dekan und Schul­re­for­mer Hein­rich Ste­pha­ni war dar­un­ter, außer­dem der spä­te­re Minis­te­ri­al­rat Wil­helm Chris­toph Gus­tav Kahr sowie Stadt­schrei­ber Johann Hein­rich Frau­en­knecht. Nicht zu ver­ges­sen, der Arzt und Hei­mat­for­scher Dr. Hein­rich Eidam, der für lan­ge Zeit auch Vor­stand des Ver­eins war. Die dazu gehö­ri­ge Spiel­sze­ne dreh­te sich daher auch um den berühm­ten Limes-Exper­ten. Er berich­te­te einer Putz­frau aus der Jetzt­zeit stolz von sei­nen Wohl­ta­ten und Errun­gen­schaf­ten für die Stadt Gun­zen­hau­sen.

Am 24. April 1939 ver­kauf­te die sich in der Auf­lö­sung befind­li­che Casi­no­ge­sell­schaft Grund­stück plus Gebäu­de an den Heil­prak­ti­ker Johann Rei­chardt. Die­ser kam damit der NS-Orts­grup­pe zuvor, die an die­ser Stel­le ein „brau­nes Haus“ errich­ten woll­ten. Sein Pri­vat­zoo ist bis heu­te legen­där, hielt er sich doch Affen, Fla­min­gos oder Papa­gei­en. Selbst einen aus­ge­wach­se­nen Bären soll er beses­sen haben, doch sein Lieb­ling war offen­bar ein Löwe. Die­ser wur­de sogar mit zum Män­ner­stamm­tisch in die Gast­wirt­schaft „Altes Rat­haus“ genom­men und saß dort am Tisch.

In ers­ter Linie fas­zi­niert bei der Per­son Johann Rei­chardt der Mythos ums Gold­ma­chen. Zur Erin­ne­rung: Aus einem mit­tel­al­ter­li­chen Stadt­mau­er­stück wur­de ein Glas­ge­fäß gebor­gen, das eine geheim­nis­vol­le Anlei­tung zum Gold­ma­chen ent­hielt. Reich­hardt über­setz­te die Hin­wei­se und stell­te in einem Fel­sen­kel­ler tat­säch­lich das Edel­me­tall her, bestä­tigt von meh­re­ren Zeu­gen. Ob das wirk­lich stimmt, kann heu­te nie­mand mehr sagen, doch Rei­chardt lieb­te die Selbst­in­sze­nie­rung: In die Wän­de des Kel­lers waren mys­ti­sche Sym­bo­le geritzt, schwach beleuch­tet von weni­gen Ker­zen. Nur aus­ge­wähl­te Gäs­te durf­ten einen Blick ins schau­ri­ge Labor wer­fen. Fotos davon exis­tie­ren und zei­gen einen geheim­nis­um­wit­ter­ten Raum, von dem etwas Ver­bo­te­nes aus­geht. Bei der Spiel­sze­ne wur­de der Wun­der­hei­ler von einer frisch nach Gun­zen­hau­sen gezo­ge­nen Repor­te­rin inter­viewt. Neben bekann­ten Rei­chardt-Rede­wen­dun­gen wie „Vor­beu­gen ist bes­ser als Hei­len! Und kos­tet auch weni­ger!“ erfuhr das Publi­kum vie­les wei­te­re aus sei­nem Leben im Haus des Gas­tes.

„Ein Haus erzählt sei­ne Geschich­te“ begeis­ter­te das Publi­kum mit vie­len inter­es­san­ten und erzäh­lens­wer­ten Details zur His­to­rie des heu­ti­gen Haus des Gas­tes. Das Are­al gehört zu den bedeu­tends­ten Orten in der Regi­on Gun­zen­hau­sen, heu­te ist es eine „Stät­te der Begeg­nung, des Ver­wei­lens, der Unter­hal­tung und Erho­lung“.

Foto: Stadt Gunzenhausen/ Babett Gut­mann

Stadt­ar­chi­var Wer­ner Mühl­h­äu­ßer. Foto: Stadt Gunzenhausen/ Babett Gut­mann