Stadt Gunzenhausen zeigt den NS-Vorbehaltsfilm „Jud Süss“ und setzt sich kritisch mit dem Inhalt auseinander

von | 15. Oktober 2024 | Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Gun­zen­hau­sen (red). Am 9. Novem­ber 2024 jährt sich das furcht­ba­re Pogrom von 1938 zum 86. Mal. Die zen­tra­le Gedenk­ver­an­stal­tung wird in die­sem Jahr in der Evan­ge­li­schen Stadt­kir­che statt­fin­den. Nicht erst seit den ter­ro­ris­ti­schen Angrif­fen auf Isra­el im Herbst letz­ten Jah­res beob­ach­ten wir mit­ten in unse­rer Gesell­schaft ein Erstar­ken anti­se­mi­ti­scher Gedan­ken. So begeg­nen wir immer häu­fi­ger juden­feind­li­chen Res­sen­ti­ments, unge­fil­ter­ten Vor­ur­tei­len und blan­kem Hass. Gera­de in demo­kra­tie­feind­li­chen Krei­sen ist Anti­se­mi­tis­mus tief ver­wur­zelt und die Stadt Gun­zen­hau­sen möch­te die­ser häss­li­chen Frat­ze der Geschichts­ver­ges­sen­heit Auf­klä­rung und Wis­sen­schaft ent­ge­gen­set­zen. Am 7. Novem­ber 2024 wird daher das Stadt­ar­chiv Gun­zen­hau­sen unter Feder­füh­rung von Stadt­ar­chi­var Wer­ner Mühl­h­äu­ßer den NS-Vor­be­halts­film „Jud Süss“ öffent­lich zei­gen und zu einer kri­ti­schen Aus­ein­an­der­set­zung ein­la­den. Der Film wird von der Fried­rich Wil­helm Mur­nau Stif­tung aus Wies­ba­den zu doku­men­ta­ri­schen und wis­sen­schaft­li­chen Zwe­cken zur Ver­fü­gung gestellt.

Die Vor­füh­rung ist ein muti­ges Vor­ha­ben, gilt „Jud Süss“ doch als der berüch­tigts­te anti­se­mi­ti­sche Spiel­film aus der Schmie­de der NS-Traum­fa­brik. Die Angst vor einem Miss­brauch ist ver­ständ­lich, aller­dings dür­fen wir als auf­ge­klär­te Gesell­schaft nicht so tun, als hät­te es das Drit­te Reich und des­sen Pro­pa­gan­da­ap­pa­rat nie gege­ben. Vor dem Film wird der His­to­ri­ker Dr. Tho­mas Greif „Jud Süss“ kon­tex­tua­li­sie­ren und eine wis­sen­schaft­li­che Ein­ord­nung vor­neh­men. Am Ende wird es eine auf­klä­ren­de Podi­ums­dis­kus­si­on zum The­ma „Anti­se­mi­tis­mus zu Unter­hal­tungs­zwe­cken“ geben. Betei­li­gen wer­den sich die His­to­ri­ke­rin­nen Dr. Andrea Erken­bre­cher und Kat­rin Kas­pa­rek, der His­to­ri­ker Dr. Tho­mas Greif und Stadt­ar­chi­var Wer­ner Mühl­h­äu­ßer.

Mit „Jud Süss“ erschien im Herbst des Kriegs­jah­res 1940 im Kon­text des Polen­feld­zugs einer der schlimms­ten anti­se­mi­ti­schen Spiel­fil­me. Chef­ideo­lo­ge Joseph Goeb­bels hat­te per­sön­lich an der Umset­zung mit­ge­wirkt, im Febru­ar 1941 adel­te er das von Regis­seur Veit Har­lan gedreh­te ras­sis­ti­sche Werk im Rah­men einer Rede als „ein­wand­frei­en gro­ßen Natio­nal­film“. In sei­nem Tage­buch schrieb er am 9. Novem­ber 1939 von dem „ers­ten wirk­lich anti­se­mi­ti­schen Film“. Wei­te­re Prä­di­ka­te folg­ten, der Film soll­te u.a. als „staats­po­li­tisch beson­ders wert­voll“, „jugend­wert“ und „Film der Nati­on“ gel­ten. Jeder „gute Deut­sche“ hat­te sich das Werk anzu­se­hen, Hein­rich Himm­ler ließ sogar mit Erlass Vor­sor­ge tref­fen, dass der gesam­te Poli­zei­ap­pa­rat und die SS „Jud Süss“ zu sehen bekam. Heu­ti­ge Schät­zun­gen gehen von ins­ge­samt mehr als 20 Mil­lio­nen Kino­be­su­chern aus, in Gun­zen­hau­sen war „Jud Süss“ sogar der erfolg­reichs­te Film des Jah­res 1940. Bis 1945 wur­de er immer wie­der auf­ge­führt und im Febru­ar des letz­ten Kriegs­jah­res wur­den in Deutsch­land noch rund 30.000 Ein­tritts­kar­ten ver­kauft. Harlans Film hat­te eine unglaub­li­che Wir­kungs­macht und ver­harm­los­te Anti­se­mi­tis­mus als Unter­hal­tung. Ideo­lo­gi­schen Pro­pa­gan­da­fil­men wie „Jud Süss“ ist es mit zu ver­dan­ken, dass die natio­nal­so­zia­lis­ti­sche Ver­nich­tungs­po­li­tik so erfolg­reich war.

Inhalt­lich geht es um den Her­zog von Würt­tem­berg, der in der Schuld des Juden Süss Oppen­hei­mer steht. Durch das Zutun des Finanz­be­ra­ters wird das Volk mit immer höhe­ren Abga­ben belas­tet, außer­dem hat er ein Auge auf die jun­ge Doro­thea Sturm gewor­fen. Nach und nach pla­nen die Land­stän­de den Auf­stand, Oppen­hei­mer fol­tert den dar­in ver­wi­ckel­ten Ver­lob­ten Sturms um auf die­se Wei­se die Umsturz­plä­ne zu ver­hin­dern. Die Frau bet­telt bei Oppen­hei­mer um Gna­de und wird von die­sem ver­ge­wal­tigt. Sie begeht dar­auf­hin Selbst­mord, dazu stirbt der Her­zog von Würt­tem­berg an einem Schlag­an­fall. Oppen­hei­mer wird ver­haf­tet und gehängt. Alle Juden wer­den aus Würt­tem­berg ver­bannt.

NS-Ideo­lo­gen behaup­te­ten, dass „Jud Süss“ auf his­to­ri­schen Tat­sa­chen beruh­te, aller­dings wur­den nur weni­ge Namen und Orts­an­ga­ben über­nom­men. Der Film repro­du­ziert anti­se­mi­ti­sche Vor­ur­tei­le, eine öffent­li­che Vor­füh­rung bewegt sich im Span­nungs­feld zwi­schen Auf­klä­rung und der Erhö­hung eines poli­tisch-ideo­lo­gi­schen Instru­ments. Mit „Jud Süss“ wur­de nicht nur eine gedank­li­che Grund­la­ge für Juden­hass geschaf­fen, son­dern auch der Nähr­bo­den für den viel­fa­chen Mas­sen­mord mit vor­be­rei­tet.

Hand­werk­lich ist der NS-Vor­be­halts­film „Jud Süss“ gut gemacht und von hoher Qua­li­tät. Sei­ne ras­sis­ti­schen, volks­ver­het­zen­den und natio­nal­so­zia­lis­ti­schen Ten­den­zen weiß er gut unter dem Gewan­de eines His­to­ri­en­films zu ver­ste­cken. Den teils blin­den und für äuße­re Ein­flüs­se anfäl­li­gen Anhän­gern der NS-Ideo­lo­gie war „Jud Süss“ eine psy­cho­lo­gi­sche Waf­fe. Das mach­te ihn damals und macht ihn auch noch heu­te brand­ge­fähr­lich.

„Jud Süss“ wird am 7. Novem­ber 2024 um 19 Uhr auf der Hen­solts­hö­he im Bethel­saal gezeigt (Ein­lass: 18.30 Uhr). Zur Deckung der Unkos­ten wird ein Ein­tritts­geld von 10 Euro pro Per­son erho­ben. Kar­ten kön­nen in der Tou­rist Infor­ma­ti­on der Stadt Gun­zen­hau­sen und am Abend vor Ort im Bethel­saal erwor­ben wer­den.

Bit­te beach­ten Sie: Auf dem Gelän­de der Hen­solts­hö­he sind nur begrenz­te Park­flä­chen vor­han­den. Nut­zen Sie daher die Park­plät­ze in der Fri­cken­fel­der Stra­ße 17 (Alter Son­nen­hof).

Bild­un­ter­schrift: Auf der zeit­ge­nös­si­schen Foto­gra­fie sind die Neu­en Licht­spie­le in der Bahn­hofs­stra­ße zu sehen. In die­sem Kino lief damals auch Jud Süss. Hier zu sehen ist u.a. die SA-Kapel­le Gun­zen­hau­sen, die anläss­lich der Pre­mie­re des Rie­fen­stahl-Films Tri­umph des Wil­lens spielt. Foto: Stadt­ar­chiv Gun­zen­hau­sen (Foto­graf unbe­kannt)