Neuendettelsau — Seit 1995 gehört die Reittherapie zu Diakoneo. Zwei Reitpädagoginnen, zwei Freiwillige im Sozialen Jahr und drei ganz besondere Therapiepferde begleiten Woche für Woche bis zu 32 Kinder und Erwachsene. Für viele ist die gemeinsame Zeit mit Bailey, Okie und Toffee ein Höhepunkt der Woche – und gleichzeitig eine Therapie, die sich gar nicht wie Therapie anfühlt.
Bailey schnaubt leise. Ganz ruhig wartet das zwölfjährige Therapiepferd neben der Aufstiegshilfe. Schritt für Schritt geht Thomas, der eben noch kaum stillstehen konnte, konzentriert die Treppenstufen hinauf, bleibt kurz auf dem Podest stehen und schwingt sich von dort vorsichtig in den Sattel. Zwei Mitarbeitende begleiten jede Bewegung, geben Sicherheit und aufmunternde Worte. Bailey rührt sich kaum. Erst, als Thomas bequem sitzt, geht es los. Die Hände halten die Zügel, der Blick geht nach vorne. Bailey setzt sich langsam in Bewegung. Thomas wird sichtlich ruhiger und konzentriert sich voll auf den Weg, der vor ihnen beiden liegt. Mit jedem Schritt des Pferdes werden Gleichgewicht, Körpergefühl und Koordination gefördert. Arme und Beine müssen unterschiedliche Bewegungen ausführen, der Körper findet seine Balance. Gleichzeitig wachsen Selbstvertrauen und das Gefühl: Ich kann das. Fast schon maßgeschneiderte Therapie Was von außen wie eine Reitstunde aussieht, ist in Wirklichkeit viel mehr. Denn auf dem Rücken der drei Pferde funktioniert die Therapie fast schon spielerisch nebenbei. Von Okie, Bailey und Toffee lernen die Reiterinnen und Reiter Balance und Körperkoordination und wie sie sich in andere Lebewesen besser hineinversetzen können. „Schon allein so ein großes Tier von A nach B zu lenken ist für viele ein tolles Erfolgserlebnis“, erklären die Reitpädagoginnen Simone Ströfer und Annika Mayer. Gerade viele Klientinnen und Klienten, die im Alltag häufig unruhig sind oder Schwierigkeiten damit haben, Nähe zuzulassen, werden in der Nähe der drei Pferde häufig ruhiger und freuen sich auf den Kontakt mit den Tieren.
ie Reitschüler Thomas finden viele durch die gleichmäßigen Bewegungen im Schritt zu mehr Ruhe. Andere lernen, Nähe zuzulassen, Verantwortung zu übernehmen oder empathisch auf ihr Gegenüber einzugehen. Die drei Pferde bieten fast schon maßgeschneiderte Therapie, perfekt abgestimmt auf die Bedürfnisse der Klienten. Jede und jeder bringt eigene Ziele mit – und nimmt etwas anderes aus der Zeit mit den Pferden mit. Was im Alltag häufig viele Diskussionen erfordert, funktioniert am Stall oft ganz selbstverständlich. Wer mit dem Pferd arbeiten möchte, muss sich an klare Regeln halten, denn das Pferd gibt den Rahmen vor. Die Motivation, mit den drei Pferden Zeit verbringen zu dürfen, ist groß. Muss ein Kind nach einem Regelverstoß einmal vom Pferd absteigen, versteht es meist sehr schnell den Zusammenhang zwischen Verhalten und Konsequenz. Pferde sind Therapeuten — ohne, dass es auffällt! Dass das gelingt, liegt auch an Bailey, Okie und Toffee. Alle drei sind speziell als Therapiepferde ausgebildet. Sie bleiben ruhig, gelassen und verlässlich – selbst dann, wenn ihre Reiterinnen und Reiter unsicher oder unruhig sind.
Wie fein sie sich auf die Menschen einstellen, zeigt sich besonders vormittags. Dann steigen die Reitpädagoginnen selbst in den Sattel. Plötzlich wird aus dem ruhigen Therapiepferd wieder ein sportlicher Freizeitpartner. Es wird angallopiert, das Tempo zieht an – und die Pferde wirken wie ausgewechselt. Genau diese Fähigkeit, sich jeder Situation anzupassen, macht sie zu außergewöhnlichen Kollegen. Dieses ausgleichende Reiten der Pferde ist essenziell wichtig, um sie für die Therapie mental und muskulär im Training zu halten. Für Simone und Annika ist die Arbeit ein Traumjob – auch wenn sie körperlich fordernd ist. „Die Therapie passiert ganz nebenbei“, sagen sie. Gerade Kinder erleben im Alltag oft viele Therapietermine. Auf dem Pferd steht dagegen der Spaß im Vordergrund. Dass sie dabei gleichzeitig lernen, sich entwickeln und über sich hinauswachsen, merken viele erst später. Oder, wie Simone es selbst beschreibt: „Die Pferde sind Therapeuten, ohne dass es auffällt.“
Bildunterschrift: Die beiden Reitpädagogin Annika Mayer (links) und Simone Ströfer begleiten Thomas bei der Reittherapie.
Foto: Frank Rumpenhorst
Diakoneo ist mit rund 10.000 Mitarbeitenden eines der größten Gesundheits- und Sozialunternehmen in Deutschland. Wir sind offen für kulturelle und religiöse Vielfalt und setzen uns für eine friedliche und inklusive Zukunft ein, in der Menschlichkeit und Respekt unsere Gesellschaft prägen. Als international vernetztes diakonisches Unternehmen in Süddeutschland begleitet Diakoneo Menschen, die in ihren Lebenssituationen verlässliche Unterstützung suchen. In mehr als 200 Einrichtungen bieten wir umfassende Leistungen in den Bereichen Bildung, Gesundheit, Pflege, Wohnen, Assistenz, Arbeit und Spiritualität – weil wir das Leben lieben.
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