Tierisch gute Kollegen: Zu Besuch beim therapeutischen Reiten in Neuendettelsau

von | 20. August 2026 | Allgemein, Altmühlfranken, Gunzenhausen, Treuchtlingen, Weißenburg

Neu­en­det­tels­au — Seit 1995 gehört die Reit­the­ra­pie zu Dia­ko­neo. Zwei Reit­päd­ago­gin­nen, zwei Frei­wil­li­ge im Sozia­len Jahr und drei ganz beson­de­re The­ra­pie­pfer­de beglei­ten Woche für Woche bis zu 32 Kin­der und Erwach­se­ne. Für vie­le ist die gemein­sa­me Zeit mit Bai­ley, Okie und Tof­fee ein Höhe­punkt der Woche – und gleich­zei­tig eine The­ra­pie, die sich gar nicht wie The­ra­pie anfühlt.

Bai­ley schnaubt lei­se. Ganz ruhig war­tet das zwölf­jäh­ri­ge The­ra­pie­pferd neben der Auf­stiegs­hil­fe. Schritt für Schritt geht Tho­mas, der eben noch kaum still­ste­hen konn­te, kon­zen­triert die Trep­pen­stu­fen hin­auf, bleibt kurz auf dem Podest ste­hen und schwingt sich von dort vor­sich­tig in den Sat­tel. Zwei Mit­ar­bei­ten­de beglei­ten jede Bewe­gung, geben Sicher­heit und auf­mun­tern­de Wor­te. Bai­ley rührt sich kaum. Erst, als Tho­mas bequem sitzt, geht es los. Die Hän­de hal­ten die Zügel, der Blick geht nach vor­ne. Bai­ley setzt sich lang­sam in Bewe­gung. Tho­mas wird sicht­lich ruhi­ger und kon­zen­triert sich voll auf den Weg, der vor ihnen bei­den liegt. Mit jedem Schritt des Pfer­des wer­den Gleich­ge­wicht, Kör­per­ge­fühl und Koor­di­na­ti­on geför­dert. Arme und Bei­ne müs­sen unter­schied­li­che Bewe­gun­gen aus­füh­ren, der Kör­per fin­det sei­ne Balan­ce. Gleich­zei­tig wach­sen Selbst­ver­trau­en und das Gefühl: Ich kann das. Fast schon maß­ge­schnei­der­te The­ra­pie Was von außen wie eine Reit­stun­de aus­sieht, ist in Wirk­lich­keit viel mehr. Denn auf dem Rücken der drei Pfer­de funk­tio­niert die The­ra­pie fast schon spie­le­risch neben­bei. Von Okie, Bai­ley und Tof­fee ler­nen die Rei­te­rin­nen und Rei­ter Balan­ce und Kör­per­ko­or­di­na­ti­on und wie sie sich in ande­re Lebe­we­sen bes­ser hin­ein­ver­set­zen kön­nen. „Schon allein so ein gro­ßes Tier von A nach B zu len­ken ist für vie­le ein tol­les Erfolgs­er­leb­nis“, erklä­ren die Reit­päd­ago­gin­nen Simo­ne Ströfer und Anni­ka May­er. Gera­de vie­le Kli­en­tin­nen und Kli­en­ten, die im All­tag häu­fig unru­hig sind oder Schwie­rig­kei­ten damit haben, Nähe zuzu­las­sen, wer­den in der Nähe der drei Pfer­de häu­fig ruhi­ger und freu­en sich auf den Kon­takt mit den Tie­ren.

ie Reit­schü­ler Tho­mas fin­den vie­le durch die gleich­mä­ßi­gen Bewe­gun­gen im Schritt zu mehr Ruhe. Ande­re ler­nen, Nähe zuzu­las­sen, Ver­ant­wor­tung zu über­neh­men oder empa­thisch auf ihr Gegen­über ein­zu­ge­hen. Die drei Pfer­de bie­ten fast schon maß­ge­schnei­der­te The­ra­pie, per­fekt abge­stimmt auf die Bedürf­nis­se der Kli­en­ten. Jede und jeder bringt eige­ne Zie­le mit – und nimmt etwas ande­res aus der Zeit mit den Pfer­den mit. Was im All­tag häu­fig vie­le Dis­kus­sio­nen erfor­dert, funk­tio­niert am Stall oft ganz selbst­ver­ständ­lich. Wer mit dem Pferd arbei­ten möch­te, muss sich an kla­re Regeln hal­ten, denn das Pferd gibt den Rah­men vor. Die Moti­va­ti­on, mit den drei Pfer­den Zeit ver­brin­gen zu dür­fen, ist groß. Muss ein Kind nach einem Regel­ver­stoß ein­mal vom Pferd abstei­gen, ver­steht es meist sehr schnell den Zusam­men­hang zwi­schen Ver­hal­ten und Kon­se­quenz. Pfer­de sind The­ra­peu­ten — ohne, dass es auf­fällt! Dass das gelingt, liegt auch an Bai­ley, Okie und Tof­fee. Alle drei sind spe­zi­ell als The­ra­pie­pfer­de aus­ge­bil­det. Sie blei­ben ruhig, gelas­sen und ver­läss­lich – selbst dann, wenn ihre Rei­te­rin­nen und Rei­ter unsi­cher oder unru­hig sind.

Wie fein sie sich auf die Men­schen ein­stel­len, zeigt sich beson­ders vor­mit­tags. Dann stei­gen die Reit­päd­ago­gin­nen selbst in den Sat­tel. Plötz­lich wird aus dem ruhi­gen The­ra­pie­pferd wie­der ein sport­li­cher Frei­zeit­part­ner. Es wird angal­lo­piert, das Tem­po zieht an – und die Pfer­de wir­ken wie aus­ge­wech­selt. Genau die­se Fähig­keit, sich jeder Situa­ti­on anzu­pas­sen, macht sie zu außer­ge­wöhn­li­chen Kol­le­gen. Die­ses aus­glei­chen­de Rei­ten der Pfer­de ist essen­zi­ell wich­tig, um sie für die The­ra­pie men­tal und mus­ku­lär im Trai­ning zu hal­ten. Für Simo­ne und Anni­ka ist die Arbeit ein Traum­job – auch wenn sie kör­per­lich for­dernd ist. „Die The­ra­pie pas­siert ganz neben­bei“, sagen sie. Gera­de Kin­der erle­ben im All­tag oft vie­le The­ra­pie­ter­mi­ne. Auf dem Pferd steht dage­gen der Spaß im Vor­der­grund. Dass sie dabei gleich­zei­tig ler­nen, sich ent­wi­ckeln und über sich hin­aus­wach­sen, mer­ken vie­le erst spä­ter. Oder, wie Simo­ne es selbst beschreibt: „Die Pfer­de sind The­ra­peu­ten, ohne dass es auf­fällt.“
Bild­un­ter­schrift: Die bei­den Reit­päd­ago­gin Anni­ka May­er (links) und Simo­ne Ströfer beglei­ten Tho­mas bei der Reit­the­ra­pie.


Foto: Frank Rum­pen­horst


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